July 04, 2009

Himmelswege in der Porkopolis

Grün leuchten die Glühwürmchen, Fourth of July. In der Downtown zeigen sie den Film “Independence Day”, auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt. Man kann einen Campingstuhl mitnehmen und sogar Alkohol ist erlaubt, Schilder weisen darauf hin, bis wohin man ihn mit sich führen darf. Der Regen in Price Hill, meinem Viertel, läßt die Knaller und Rauchbomben, die Rauchschwaden vom Grillen auf den Verandas, zu einem Nebelteppich werden. Die Schnapsflaschen aus dem Supermarkt haben hier 21% Alkohol. "Booze" wird abgeregelt.

Der größte Wolkenkratzer wurde 1930 gebaut. 49 Stockwerke, genau die richtige Höhe, um die Stadt von einer ganz neuen Seite zu sehen. Die Ästhetik der Schnellstraßen von oben.

Vor dem Hamburgerladen unterhalten sich die Männer darüber, welche Pistolenkaliber die besten sind, sie sitzen auf ihren Motorhauben. Karl Malden ist vor kurzem gestorben. Der Besonnene mit Knollennase und Schlapphut in „Die Straßen von San Francisco“. Im Radio erzählen zwei alte Farmer aus Minnesota, wie sie im zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben. Wehrpflicht. Bis zur 5.Klasse haben sie selbst nur deutsch gesprochen. Danach waren sie noch in ein paar weiteren Kriegen eingesetzt.

In den ersten beiden Etagen kann man Uhren erwerben, Schuhe, Taschentelefone und BHs in allen Farben; Victoria’s Secrets. Rückenmassagen in 10 Minuten und Kaffee. Der "Food Court" versammelt 8 Schnellküchen für den Lunch, Tische und Stühle in der Mitte, kein Essen kostet mehr als 7 Dollars. Die Büromenschen finden hier alles, was sie brauchen, während von draußen nichts darauf hinweist, was man hier kaufen, essen und trinken kann. In der Außenwelt gibt es nicht viele Läden. Man fährt nicht zum Einkaufen in die Downtown, sondern um zu arbeiten.

Der Hauptbahnhof wurde 1933 gebaut und genau so sieht er aus. Wunderschöne Architektur, hätte Adolf auch gefallen. Davor ein paar Dinosaurier und Schulkinder. Er beherbergt mehrere Museen. Ich bin überrascht, als ich erfahre, daß hier tatsächlich noch Züge halten. Es sind zwei und sie kommen in der Nacht, einer fährt nach Chicago. Im Keller ist die Bibliothek der Cincinnati Historical Society untergebracht. Das Territorium strenger Regeln. Ausweis zeigen, persönliche Daten eintragen, kein Gepäck, kein Wasser, keine Kugelschreiber. Kameras überall. Aber wie immer, hilfsbereites Personal, wahrscheinlich ehrenamtlich. In Buffalo wurde ich gebeten, Handschuhe überzuziehen, um die alten Fotos nicht zu berühren. Hier geht das ohne.

„Skywalks“ werden die Übergänge zwischen den Bürotürmen genannt, eine Etage über der Erde, von einem Gebäude zum nächsten, ohne die Straßen betreten zu müssen, seit den 1970ern. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jährlich über 200.000 Schweine durch diese Straßen zu den Schlachthöfen getrieben. Die Passanten hatten kaum ein Durchkommen. Das lange Gedächtnis der Stadt. Vielleicht hat es ein bißchen zu sehr gedauert, bis man auf die Übergänge in luftiger Höhe kam. Aber solche Verbindungen sind auch bei Rassenunruhen angenehm. 2001 gab es die letzten in dieser Stadt, die schwersten seit Los Angeles. Die Polizei hatte über die Jahre zu viele Schwarze erschossen. Dabei ist das die Stadt, in der ich am wenigsten Rassentrennung erlebe. Zumindest in der Unterschicht läuft das schon sehr gut.

Ich mag den Regen hier, er ist warm und leise. Genau das Richtige, um in der Dämmerung durch die Straßen zu laufen, gedankenlos, die Natur wiederzufinden. Das grüne Licht der Glühwürmchen begleitet mich durch die Nacht.