June 19, 2009

Die beste Winterjacke, die ich je hatte

Dies ist der Süden der Nordstaaten. Ohio River. 32 Grad im Schatten. Als wäre New Orleans gleich um die Ecke. Wegen der Hitze in den Häusern ist nachts das Wohnzimmer draußen, solange es eben geht. Platzregen - eine Erlösung. Warmes Wasser prallt auf Asphalt und Beton. Und fließt in die Autos, deren zerschlagene Seitenscheiben nur notdürftig durch Plastikfolie ersetzt wurden. Hier kann man auch ohne Kotflügel fahren und mit Reifen, deren Profil nicht mehr erkennbar ist. Formel 1 fährt auch nicht anders. Der Regen ist zu stark, ich nehme den Bus zurück aus der Innenstadt. Das Rad kommt auf ein Gestell vor das Fahrzeug, gratis.

Ich habe mich längst daran gewöhnt, daß die Leute, die ihre Brötchen in der Kranken- und Altenpflege verdienen, ihre Arbeitskleidung auf der Straße tragen. Diese charakteristisch blau-lila-rot gemusterten Oberteile mit den blauen Hosen. Ein Tarnmuster für den Einsatz in dem Wirtschaftssektor mit den rosigsten Aussichten. Die Frau, die mit ihrer Kollegin zusteigt, trägt zusätzlich ein Stethoskop, lässig um den Hals baumelnd. Viele Dinge haben ihre symbolische Bedeutung. Die beste Winterjacke, die ich je hatte, gehört hier zur Standardausstattung von Obdachlosen und plötzlich spürte ich die Blicke der Anderen. Die Büromenschen tragen blütenweiße Hemden und unlesbare Plastikausweise am Gürtel, wo sie auch immer herumlaufen. Und ganz andere Jacken.

Die Kollegin der Stethoskopin treffe ich im Supermarkt wieder. Sie spricht mich an, ganz auf die Nette. Kinder, jobben, Schule, Busgeld. Sie will für mich bezahlen, mit ihrer Geldkarte vom Staat, und dafür Bares zurück. Hier scheinen diese elektronischen „Food Stamps“ weiter verbreitet als Kreditkarten, in einem Land, in dem deren Zahl die Geldbörsen verstopft. Ist eine am Ende der Kreditlinie angekommen („Maxed out“), hilft die nächste weiter. Ich lehne höflich ab. Erkläre ihr, daß ich als Ausländer wahrscheinlich innerhalb von 10 Minuten deportiert würde. Der große Bruder sieht alles.

Ich zwinkere in die Kameras und wuchte eine Gallone O-Saft auf das Band. 80 Gramm Zucker pro Liter – keine Chance, dem Dicksein zu entgehen. Man kann hier viele Geschichten über Lebensmittel erzählen. Pepsi wird derzeit als Retro-Variante angeboten, "mit echtem Zucker", wie in der guten alten Zeit. Was heute süß schmeckt, ist aus "High Fructose Corn Syrup" gemacht. Viel billiger als Zucker. Um die 30 kg pro Jahr soll der gemeine Amerikaner davon zu sich nehmen. Nicht daß Europäer weniger gesüßt wären. Das Zeug ist in so ziemlich allem enthalten. Ich schaue mich um. Die fette Kassiererin. Die zahnlose Angestellte, die die Tüten füllt.

Im Aussortieren sind wir einfach besser. Hier werden sogar 60Jährige eingestellt. Und ich habe tatsächlich eine Frau bei der Müllabfuhr gesehen. Das würde uns nicht passieren. Unser Genius wurde im lokalen Radio kürzlich angezweifelt. Ob man 6.Klässler in Deutschland wirklich so treffend vorbestimmen könne. Akademiker oder Handwerker. Wir kriegen das doch schon viel früher hin, hatte ich sofort gemurmelt. Aber für die im Radio war ich wohl zu leise.

Ich zahle bar, wie immer. Draußen steht die Hitze und es gibt echte Sterne am Nachthimmel.