March 31, 2007

Dreiundzwanzig Stunden

mit dem Greyhound Bus gefahren. Ungezogener Hip Hopper neben mir, Talk Radio der Konservativen im eigenen Ohr, draußen nur Regen. Wartehallen mit Videospielen und CNN auf koreanischen Flachbildschirmen. Schilder alle zweisprachig, englisch und spanisch, Caballleros klingt schick für Männer(klo).

Manche fahren regelmäßig durch das halbe Land. Arkansas bis Sacramento (Kalifornien). St. Louis (Missouri) bis Seattle (Washington). Oder eben Chicago bis Denver, so wie ich. Keine große Sache, 23 Stunden.

In Illinois fehlten die Alleen und die Hügel. Und auch in Colorado oder zwischendurch, kaum Bäume. Kapitalistische Landschaften oder jenseits der Baumgrenze. Aber so hoch sind wa nun noch nich. Noch 100 Meilen vor Denver diese unendliche Weite des Horizonts, das Land ist flach wie eine Scheibe und seine Äcker und Weiden nur hier und da von einer Farm durchbrochen, Nur Stacheldraht gibt es überall. Morgens zu McDonald's und dann wieder in den Bus. Denver zeigt sich ganz plötzlich. Wolkenkratzer passen eigentlich nicht in diese Prärielandschaft.

Oder vielleicht doch. Ein anderes Amerika als im mittleren Westen. Ein fremderes.
Anziehend.

March 29, 2007

Alter Mann, junger Mann

In den 40er Jahren haben sie in den USA viele Menschen interniert oder ausgewiesen, vor allem Japaner und Deutsche. Einen von ihnen traf ich gestern. Heute über 80, war er damals siebzehn. Ein Deutscher, mit seinen Eltern eingewandert und nach Cincinnati gezogen. „Was würden Sie tun, wenn sich ein deutscher Freund mit seinem deutschen U-Boot den Ohio hinaufschliche und bei Ihnen anklopfte?“ „Der Ohio ist doch gar nicht tief genug dafür.“

Das war praktisch gedacht. Sein Vater mochte London, liebte den Kaiser und war tüchtiger Bäcker. Da es sich aber um ein Verhör und nicht um einen Schultest handelte, folgte die mehrjährige Internierung in die texanische Einöde, nahe der Grenze zu Mexico, mit seinen Eltern. „Crystal City“ nannten sie die Siedlung, passend zur strahlenden Wüstensonne. Dort lernte er seine spätere Frau kennen und sie blieben über vierzig Jahre verheiratet, bis sie starb.

Heute trägt er Schlips und elegante Brille, spricht mit seiner tiefen Stimme in bewundernswert breitem Nuschelamerikanisch und wirkt ernst und gediegen, ein „Selfmademan“, der darauf sein Selbstbewußtsein aufgebaut hat. Ich habe ihn gefragt, was er empfunden hatte, in seiner neuen Heimat so mit Mißtrauen behandelt zu werden, und mein Akzent verriet mich natürlich sofort. Im Krieg muß jeder seine Bürde tragen. Manche werden Soldat, manche interniert. Diese Antwort klang sehr nach dem amerikanischen Mann der er heute war. Aber wir sprachen in einem Bus, der eine Ausstellung über die Internierungen der Deutschen (www.traces.org) durch viele Orte des mittleren Westens trägt und er half als Zeitzeuge in Chicago dabei mit. Eigentlich hatte ich den Siebzehnjährigen gefragt. Aber wo immer der jetzt steckt, er blieb stumm.

March 27, 2007

Die Spuren der Vergangenheit

Die Spuren der Vergangenheit wieder aufzunehmen führte mich heute in den Keller eines großen Chicagoer Krankenhausgebäudes.

Dort wird alles versteckt, was man nicht oder nicht dringend braucht oder von seiner Natur her ein Schattendasein führt. Alte Betten, Gerümpel, die Pathologie. Wie es für mich eben typisch ist, war ich im falschen Gebäude. Die „financial Counsel“ (Schuldnerberater) waren im Keller eines benachbarten Komplexes untergebracht.

Erstaunlich, welch geringe Rolle Tageslicht bei der Arbeit spielt. Immerhin haben die Mitarbeiter und Patienten im Unterschied zu Bergarbeitern eine akzeptable elektrische Beleuchtung und nach einer Weile vermisst man Fenster und Tageslicht nicht mehr, die Außenwelt kommt durch das Telefon oder aus den Fahrstühlen. Auch die Verwaltungskräfte tragen weiße Kittel und reflektieren Nonnen und weißen Rittern gleich das Licht.

Am Haupteingang waren die beeindruckenden Preise der gängigsten medizinischen Leistungen ausgehängt. Wie auf Speisenkarten wird das Angebot zur Wahl vorgelegt. Und hier irgendwo versteckt müssen Akten sein, in denen ich ein Schattendasein führe. In denen ich noch immer nicht komplett genesen und nach draußen entlassen worden bin. 2005 war ich für eine Nacht im „Emergency Room“. Das Personal gedanklich oder tatsächlich nach Hollywood abgeworben, diese Serien zu drehen, da blieb für mich nicht mehr viel übrig. Immerhin wurde dort meine Akte geboren. Und dieser muß ich helfen. Sie mit mir richtig verbinden. Ihr mehr von mir erzählen. Und ganz schonend beibringen, dass sie zwar zu mir gehört, aber ein Wesen aus meiner Vergangenheit ist. Das wird schwer, denn sie hat mächtige Verbündete.

Ein Hospital mit einem versteckten Leben im Keller ist ein riesiger Organismus. Erstaunlich, daß Krankenhäuser in Chicago räumlich so konzentriert sind. Vermutlich siedeln die kränklichen Bürger in Belagerungsringen um den Komplex herum, das garantiert schnelle Hilfe. Der „Medical District“ ist eine große Maschine; Menschen werden hineingefahren, Akten geboren, Rechnungen hinausgeschickt und manches verschwindet in den Katakomben.

March 26, 2007

Erstmal wieder ankommen

ich bin wieder in Chicago, oder zumindest ist das amtlich so. fingerabdrücke hab ich gern hinterlassen und immer wenn eine kamera mich ins visier nimmt, versuche ich hineinzulächeln. beim interview des grenzpolizisten habe ich jedoch keinen überzeugenden eindruck hinterlassen. ich konnte die frage, was ich hier wirklich will, nicht recht beantworten - schon gar nicht in der geforderten kürze. als ich dann auch noch zugeben mußte, nur eine fünfdollarnote zu besitzen, schrieb er mich als ungefährlichen irren ab und ließ mich einreisen.

schon auf dem weg in die neue welt begannen absonderlichkeiten, zeichen einer ungewöhnlichen reise.
der erste flug nach FfM entkam dem Nebel selbst auf 7.800m Höhe nicht und ließ mich nebelhörner hören, dieses dunkle, unheilvolle tuten von den küsten des nordens bis in meine gehörgänge. da die anderen Fluggäste so taten, als hörten sie nichts, ließ ich mir natürlich auch nichts anmerken. wir mußten uns in wirklichkeit irgendwo auf dem meer befinden, vielleicht auch unter ihm, wer konnte das schon sagen.

nach dem anlegen in FfM beim warten auf die Air India maschine dann diese zweifellos deutsche frau in den zwanzigern, gehüllt in einen sari und mit hennamalen versehen, ihrem indischen begleiter einen steten quell englischer wörter in die ohren träufelnd, mit eindeutig indischem akzent. im flugzeug dann alte barfußinder und ein steward, der mich ganz selbstverständlich mit doppeltem Johnnie Walker on the rocks versorgte sowie die plötzlichen vertrautheitsgefühle als mir klar wurde, endlich einmal von vegetariern umgeben zu sein - meinem stamm, einem flugzeug voller inder aus Dehli auf dem weg nach amerika. der unvermeidbare bollywoodfilm wurde mir immer vertrauter; männer, frauen, geld und alles in leuchtenden farben.

vielleicht weil es nach indischer zeitrechnung ein nachtflug war, blieben die fenster geschlossen und so war auch diesmal nichts von der außenwelt wahrnehmbar. dauersitzen in einer röhre mit einem akustischen regiment laufender staubsauger.

als diese augeschaltet und die fenster geöffnet wurden, begann ich wieder auf den vertraut-fremden straßen zu wandeln, in dieser ratternden ubahn zu sitzen, und mein altes zimmer zu beziehen. gottseidank war schnell wieder mein etwas angestaubtes MTB bei mir, polnisches bier und große pizzas waren schnell besorgt.

der dauerbeschuß mit negativen politiknachrichten hat jedoch seine spuren hinterlassen. die distanz ist spürbar und zerrt an mir. meine gelassenheit von früher muß erst wieder wachsen. auch der sonnenschein fehlt. trotz der 16 grad am ersten tag.