Wieder auf langer Fahrt im Greyhound. Volle Besetzung. Ich bin umzingelt von besonders dicken Menschen. Vor und neben mir die 120kg-Klasse, hinter mir 150kg, die nicht auf einen Sitz passen. Es ist so eng, ich bekomme für ein paar Minuten Panik, kann mich nicht mehr bewegen. Denke an das Gesicht des Mädchens, das seine besonders dicke Mutter im Supermarkt begleitete. Die fuhr im E-Wagen die Reihen ab. Elektrowägelchen stehen hier allen zur Verfügung, deren Körperfülle das Einkaufen sonst zur Qual werden ließe. Guter Service. Keine Regung im Gesicht des Mädchens. Sie scheint daran gewöhnt zu sein. Oder es ist in dieser Gesellschaft einfacher für die besonders Dicken. Bei einem Zwischenstopp sichert sich meine Beisitzerin eine eigene Sitzreihe und es kommt der Katzenmann. "Du siehst am ungefährlichsten aus" (least threatening) begrüßt er mich. Oft sind die Greyhoundreisenden eine wilde Truppe und keiner ist gerne in diesen Bussen. Deshalb kühlt die Klimaanlage die Gemüter auch besonders herunter. Als ein Kind schreit, wirft ein alter Daddy der Mutter wütende Blicke zu, beschwert sich schließlich beim Fahrer. Der fordert die Mutter über Lautsprecher 2x auf, das Kind "unter Kontrolle" zu bringen, sie sei hier nicht zuhause. Das für die antiautoritären deutschen Maßstäbe nur mäßig schreiende Kind läßt sich von der Durchsage überzeugen. Niemand im ganzen Bus stört sich am Durchgreifen des Fahrers.
Der Katzenmann neben mir trägt einen australischen Outbackmantel, der nach Mittagessen und Staub alter Möbel riecht. Die besonders Dicken haben ihre Techniken, Zusteigende vom Dazusetzen abzubringen, doch jeder Platz wird gebraucht. Mir wird plötzlich klar, daß Kleinwagen doch keine Zukunft haben, sie passen einfach nicht zu den Menschen, die immer dicker und größer werden. Die fahren hier dann auch die alten amerikanischen "Fullsize"-Modelle, oder soweit sie mehr Geld haben, die dicken SUVs. Der Katzenmann zieht seinen Mantel aus. Er erzählt mir, daß er vollkommen pleite auf dem Weg zur Beerdigung seiner Großmutter ist. Er reist mit 75 Cent in der Tasche. Das reicht um seinen Bruder anzurufen, sobald er dort angekommen ist, wo er abgeholt werden kann. Seine Wortwahl ist nicht sendefähig, seine Zähne sind ockerfarben vom Rauchen, Selbstgedrehtes spart Geld.
Ich falle in den Sekundenschlaf, mein Kopf knallt zweimal gegen den Fensterrahmen. Soweit ich wach bin, versuche ich die Luft aus dem Schlitz der Klimaanlage aufzusaugen. Der Katzenmann riecht nach einer Mischung aus Katzenkot und altem Schweiß. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter hat Erfahrungen mit dem bewußtseinsverändernden Chemiebaukasten und er war wohl auch nicht immer auf der Seite der Enthaltsamen. Jetzt ist er 47 und übt sich in der Kunst, Jesus aus Papiermasse zu formen, die aus Schnipseln und Tapetenkleber entsteht. Sein Husten ist trocken und heiser. Ich hätte gern ein paar Zentimeter mehr Platz, aber werde auch so überleben, hoffentlich. Er wird seine Wäsche waschen, wenn er bei seinem Bruder unterkommt, wieder ein bißchen Geld in die Hände bekommen und um seine Großmutter weinen, wenn es ihm paßt, jedenfalls nicht zur Beerdigung. Einen Monat will er bleiben, wenn es geht. Er wünscht mir Gottes Segen zum Abschied und ich frage ihn nicht nach seinen Katzen. Ich fahre mit den Dicken weiter durch die Nacht und lasse ihn im Dunkeln zurück, den Mann aus Niagara Falls mit dem irren Lachen und dem Duft, der mir fast den Rest gegeben hätte. Take care, Katzenmann.
October 05, 2008
October 03, 2008
Amishland
Wir rauschen durch das Land. Wälder ziehen an uns vorbei, lautlos. Nur die Fahrgeräusche untermalen die Landschaft. Der Tempomat nährt die Vorstellung, in einem Film zu sitzen. Der Wagen schaltet selbst. Das Lenken ist nur ein Ritual, nicht wirklich nötig, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich dränge den Gedanken zurück. Was ich mir unter Pennsylvania vorstelle, kann ich nicht spüren, so schnell sind wir. Dafür laufe ich nachts durch die Orte. Kann das Knirschen unter meinen Sohlen hören, den Wind spüren und die schlafenden Häuser betrachten. Nachts erzählen sie eine andere Geschichte. Die Zikaden erzeugen einen exotischen Klangteppich dazu.
Die einzigen hell erleuchteten Inseln der Zivilisation sind die Tankstellen. Dort kaufe ich Kaffee, auch wenn der meist kein Genuß ist. Aber er wärmt die Hände in der kühlen Nacht. Und er gibt mir Gelegenheit, die "Locals" zu betrachten, die sich mit Sandwiches, Zigaretten und Treibstoff eindecken. Ich weiß nicht, warum sich die Nacht- so von den Tagesmenschen unterscheiden. Aber sie tun es. Ich falle dabei nicht weiter auf. Niemand bemerkt, daß ich aus dem Dunkeln komme und wieder in die Nacht entschwinde, während alle anderen in ihre Autos steigen.
Das Amishland kündigt sich ganz überraschend an. Zwei Kutschen wollen die Schnellstraße überqueren. Ich bewundere ihre Lebensweise, auch wenn ich viel zu wenig über die Amish weiß. Nachts höre ich Hufe im Galopp auf den Asphalt schlagen, dann sehe ich die Lampen der Kutschen näherkommen. Auf dem nahen Highway ziehen die Lastzüge vorbei. 2 Welten, die nebeneinander bestehen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Die einzigen hell erleuchteten Inseln der Zivilisation sind die Tankstellen. Dort kaufe ich Kaffee, auch wenn der meist kein Genuß ist. Aber er wärmt die Hände in der kühlen Nacht. Und er gibt mir Gelegenheit, die "Locals" zu betrachten, die sich mit Sandwiches, Zigaretten und Treibstoff eindecken. Ich weiß nicht, warum sich die Nacht- so von den Tagesmenschen unterscheiden. Aber sie tun es. Ich falle dabei nicht weiter auf. Niemand bemerkt, daß ich aus dem Dunkeln komme und wieder in die Nacht entschwinde, während alle anderen in ihre Autos steigen.
Das Amishland kündigt sich ganz überraschend an. Zwei Kutschen wollen die Schnellstraße überqueren. Ich bewundere ihre Lebensweise, auch wenn ich viel zu wenig über die Amish weiß. Nachts höre ich Hufe im Galopp auf den Asphalt schlagen, dann sehe ich die Lampen der Kutschen näherkommen. Auf dem nahen Highway ziehen die Lastzüge vorbei. 2 Welten, die nebeneinander bestehen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
October 02, 2008
Bergland
Der Wagen gibt Alarm. Was ich auch mache, das Hupen und Blinken hört nicht auf, was im Dunkeln besonders eindrucksvoll ist. Wie ein Dieb starte ich den Motor und fahre dorthin, wo Männer und Autos zusammenkommen. Am Ortseingang gibt es eine Tankstelle. Ich spreche zwei an, die aussehen, als würden sie in die Gegend passen. Der Dialekt klingt nach Südstaaten. West Virginia, rauh, arm, bergig. Bergarbeiter haben hier seit Jahrhunderten in den Appalachen geschürft und nach wie vor werden hier ganze Berge abgetragen.
In dieser Gegend fährt man die großen Pickup Trucks, egal was das Benzin kostet. Und man jagt. In den Läden werden Tarnkleidung, Flinten und Bögen verkauft. Eine Frage der Identität. Was da hupt und blinkt, muß dagegen wirken wie ein Ufo. Ein Chevy Kleinwagen aus Korea in West Virginia, gefahren von einem Deutschen. Die Männer sind freundlich, versuchen zu helfen. Der eine trägt ein beigefarbenes Uniformhemd. Er ist Waldbrandbekämpfer, war gerade für ein paar Monate in Kalifornien im Einsatz. Könnte nicht in der Stadt wohnen. Braucht die Ruhe. Schüttelt den Kopf über die Holzschindeldächer der Häuser in den Waldbrandgebieten, in denen eigentlich niemand siedeln sollte. Wie die Häuser in New Orleans unter dem Wasserspiegel, füge ich hinzu. Sein Vater war POW (Prisoner of War), im 2.Weltkrieg Gefangener der Deutschen. Sie haben ihn ordentlich behandelt. Sein Rheuma kuriert. Er ist 85 geworden.
Die Männer entschuldigen sich, daß sie keine Lösung für den Alarm aus Korea haben. Ich frage nach dem Ortsnamen, um Alamo anzurufen. Belington, West Virginia. Sie nennen auch den Namen ihres Staates – ein Tourist weiß vielleicht nicht, in welchem Bundesstaat er sich befindet. Der Unterton enthält nichts als Hilfsbereitschaft. Am Ende hat ein Dritter die rettende Idee, wie man einem koreanischen Auto erklärt, was ein Fehlalarm ist. Händeschüttelnd wird Abschied genommen.
Ich gehe einen großen Kaffee kaufen. EinDollarneunundddreißig. Fahre zurück zum Motel. Eines, das dazu geschaffen ist, den Stuhl vor die Zimmertür zu stellen und nachts die Wagen vorbeifahren zu sehen. Die kühle Luft riecht nach Rauch, der Himmel ist klar. Die Republikaner haben hier ein kleines Wahlbüro, an 3 Tagen der Woche geöffnet. Ein Zug steht hinter den Häusern. Er sieht nicht aus, als wäre er nur ein Ausstellungsstück. Vor dem Senior Center steht ein umgewidmeter Briefkasten. Zur Aufnahme zu entsorgender US-Flaggen. Es versteht sich, daß man sie nicht einfach in den Müll werfen kann. Manche Dinge haben eine besondere Bedeutung und verdienen Respekt auch der Andersdenkenden. Die Kirche ist wie ein Lagerhaus gebaut. Schnell und einfach in Fertigbauweise. Die Fortsetzung der protestantischen Idee von Schlichtheit.
Ich bleibe vor einer Bar stehen und lausche der Musik. Country. Schemenhaft kann ich eine Frau beim Billardspielen sehen. Die Bar ist fensterlos, verhüllt wie ein Geheimnis, nur die Tür hat etwas Schmutzglas. Als ich das Lied erkenne, stürmt ein Langhaariger aus der Tür und will wissen, was ich hier mache, er vermutet feindliche Absichten. Ich entwaffne ihn mit der Wahrheit und meinem Kaffeebecher in der Hand. Der steht für den Lebensstil der urbanen Mittelschichts-Amerikaner, immer busy, immer „on the run“, Und: mit einem Kaffee in der Hand greift man nicht an. Eine weiße Fahne, die man trinken kann. Der Ort hat einen Supermarkt. Hier gibt es endlich Bier, anders als in Pennsylvania. Und DVDs zu mieten, für 79 Cents. Ich miete Jodie Foster. Den Film, den die Europäer nicht mochten, weil sie Gerechtigkeit mit der Knarre sucht, statt den Staat zu bemühen. Ein Haus weiter ein Laundromat. Wäsche waschen für ein paar Dollars. Ich mag diesen Waschmittelduft. Die Wärme der Trockner. Aber alles ist dunkel. Schon nach 10. Zeit, zuhause zu sein. Das hier ist keine Stadt. Die Nacht hat ihre Geltung bewahrt für die 1.800 in Belington, West Virginia.
In dieser Gegend fährt man die großen Pickup Trucks, egal was das Benzin kostet. Und man jagt. In den Läden werden Tarnkleidung, Flinten und Bögen verkauft. Eine Frage der Identität. Was da hupt und blinkt, muß dagegen wirken wie ein Ufo. Ein Chevy Kleinwagen aus Korea in West Virginia, gefahren von einem Deutschen. Die Männer sind freundlich, versuchen zu helfen. Der eine trägt ein beigefarbenes Uniformhemd. Er ist Waldbrandbekämpfer, war gerade für ein paar Monate in Kalifornien im Einsatz. Könnte nicht in der Stadt wohnen. Braucht die Ruhe. Schüttelt den Kopf über die Holzschindeldächer der Häuser in den Waldbrandgebieten, in denen eigentlich niemand siedeln sollte. Wie die Häuser in New Orleans unter dem Wasserspiegel, füge ich hinzu. Sein Vater war POW (Prisoner of War), im 2.Weltkrieg Gefangener der Deutschen. Sie haben ihn ordentlich behandelt. Sein Rheuma kuriert. Er ist 85 geworden.
Die Männer entschuldigen sich, daß sie keine Lösung für den Alarm aus Korea haben. Ich frage nach dem Ortsnamen, um Alamo anzurufen. Belington, West Virginia. Sie nennen auch den Namen ihres Staates – ein Tourist weiß vielleicht nicht, in welchem Bundesstaat er sich befindet. Der Unterton enthält nichts als Hilfsbereitschaft. Am Ende hat ein Dritter die rettende Idee, wie man einem koreanischen Auto erklärt, was ein Fehlalarm ist. Händeschüttelnd wird Abschied genommen.
Ich gehe einen großen Kaffee kaufen. EinDollarneunundddreißig. Fahre zurück zum Motel. Eines, das dazu geschaffen ist, den Stuhl vor die Zimmertür zu stellen und nachts die Wagen vorbeifahren zu sehen. Die kühle Luft riecht nach Rauch, der Himmel ist klar. Die Republikaner haben hier ein kleines Wahlbüro, an 3 Tagen der Woche geöffnet. Ein Zug steht hinter den Häusern. Er sieht nicht aus, als wäre er nur ein Ausstellungsstück. Vor dem Senior Center steht ein umgewidmeter Briefkasten. Zur Aufnahme zu entsorgender US-Flaggen. Es versteht sich, daß man sie nicht einfach in den Müll werfen kann. Manche Dinge haben eine besondere Bedeutung und verdienen Respekt auch der Andersdenkenden. Die Kirche ist wie ein Lagerhaus gebaut. Schnell und einfach in Fertigbauweise. Die Fortsetzung der protestantischen Idee von Schlichtheit.
Ich bleibe vor einer Bar stehen und lausche der Musik. Country. Schemenhaft kann ich eine Frau beim Billardspielen sehen. Die Bar ist fensterlos, verhüllt wie ein Geheimnis, nur die Tür hat etwas Schmutzglas. Als ich das Lied erkenne, stürmt ein Langhaariger aus der Tür und will wissen, was ich hier mache, er vermutet feindliche Absichten. Ich entwaffne ihn mit der Wahrheit und meinem Kaffeebecher in der Hand. Der steht für den Lebensstil der urbanen Mittelschichts-Amerikaner, immer busy, immer „on the run“, Und: mit einem Kaffee in der Hand greift man nicht an. Eine weiße Fahne, die man trinken kann. Der Ort hat einen Supermarkt. Hier gibt es endlich Bier, anders als in Pennsylvania. Und DVDs zu mieten, für 79 Cents. Ich miete Jodie Foster. Den Film, den die Europäer nicht mochten, weil sie Gerechtigkeit mit der Knarre sucht, statt den Staat zu bemühen. Ein Haus weiter ein Laundromat. Wäsche waschen für ein paar Dollars. Ich mag diesen Waschmittelduft. Die Wärme der Trockner. Aber alles ist dunkel. Schon nach 10. Zeit, zuhause zu sein. Das hier ist keine Stadt. Die Nacht hat ihre Geltung bewahrt für die 1.800 in Belington, West Virginia.
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