Ich fahre durch den Schneeregen, sehe durch meine Skydivingbrille die Welt in gelb.
Im Rucksack Proviant aus dem Supermarkt, Bier, Bohnen, Erdnußbutter. Fahre durch die Grant Street. Abgehalfterte Grande Dame besserer Zeiten. Läden stehen leer, die Gestalten auf der Straße passen zur abgewrackten Gegenwart und den Klischees in meinem Gepäck. Manche sehen hier aus wie Junkies und anderen möchte man ungern alles Geld überlassen. Dazwischen Somalis und Yemeniten. Flüchtlinge, Moslems. Angesiedelt zur Eindämmung von Verfall und Kriminalität. Dahinter stecken clevere Grundeigentümer. Manches lernt man wirklich nur vor Ort.
Wenn ich hier zu Fuß unterwegs bin, laufe ich durch mein Schulbuch der 80er Jahre, blicke auf den Niedergang der Städte Amerikas. Damals traf ich eine Amerikanerin in einem Zugabteil, irgendwo in Deutschland, und erzählte ihr von dem Kollaps in meinem Buch. Sie war entrüstet, alles übertrieben. Das Morbide hat seine versteckten Schönheiten. Und ein paar Unerschrockene aus der Mittelschicht, die hier die Fahne der Zivilisation hochhalten. Häuser besitzen, ein Cafe’ aufmachen. Vor dem Eingang ein Rad aus der Cycling Community – selten in der Gegend. Drinnen ein paar junge Weiße auf alten Stühlen. Ich bestelle einen Kaffee und frage nach Steckdosen. Die elektrischen Interessen der Internetlebewesen.
Ein paar Blocks weiter betreibt eine alteingesessene Italienerfamilie einen Lebensmittelladen, der keine Wünsche offen läßt. Volles Sortiment südeuropäischer Spezialitäten, Obst, Gemüse, Fleisch und Käse, Olivenöle, Kaffee und Pitabrot, Ajvar. Und draußen das Elend. Baba Ghanoush ist ausverkauft, aber ich finde etwas anderes.
Auf dem Rad merkt man, daß viele Autofahrer kein Gefühl für die Dimensionen ihrer Karossen haben. Geparkten Wagen werden häufig die Außenspiegel abgefahren. Dann oft behelfsmäßig mit Band befestigt. Oder sie bleiben einfach hängen, nur von Elektrokabeln gehalten, es geht auch so. Hier umgenietet zu werden ist also eher ein Versehen, nicht persönlich gemeint.
In unserer Kellerküche gebe ich meinen Mitbewohnern aus Kanada und Korea von meinem nahöstlichen Essen ab. Als sie mich nach der deutschen Schnitzelküche fragen, muß ich passen. Ein Wunder, daß wir noch deutsch sprechen. Die Somalis haben ihre Halal-Läden, die Koreaner schwören auf Kimchi und die Kanadierin erzählt von Hamburgern, die es auf eine gewisse Art zubereitet nur dort gebe. Immerhin.
Der Italiener schließt um 6, das Cafe’ auch. Jetzt stimmt das Bild wieder. Mein Buch hat doch recht, in diesem Teil Amerikas.
February 28, 2009
February 20, 2009
Der Fehltritt des Briefträgers
Paul Austers Moon Palace geht mir aus dem Leim. Seit 1989 ist das Buch im Auftrag von Buffalos Stadtbücherei unterwegs. Beim Aufschlagen knistert der Plastikumschlag und auch die Seiten scheinen mir lauter als bei anderen Büchern. Sie sind aus dem rauhen Papier der hiesigen Taschenbücher, diesem „nach-dem-Lesen-bitte-wegwerfen“-Material. Neben mir eine leere Packung „Regal Dynasty“. Was wie eine Zigarettenmarke klingt, ist dunkle Schokolade aus Polen, deren Geschmack die billigen amerikanischen Sorten aussticht, den ich aber in meiner alten Heimat kaum genießbar fände. Die Geschichte hat einen sentimentalen Beginn in Chicago, ändert seine Bahn in ein hungerndes Leiden in New York City und schlägt dann weitere Haken. Mir fällt ein Stoff von Hamsun ein, dem ich nie wieder begegnen wollte. Dann kommt die Erinnerung zurück. Ich muß das Buch bereits vor Jahren gelesen haben, denn plötzlich sind mir einzelne Szenen wieder vertraut.
Jeden Tag werden unsere Mülltonnen durchsucht. Von meinem Fenster aus sehe ich, wie mal ein, mal zwei Männer mit einem Einkaufswagen unterwegs sind, um Pfanddosen oder anderes Brauchbares mitzunehmen. Sie haben einen festen Zeit- und Routenplan, wie der Postzusteller, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen und mit lautem Transistorradio in der Tasche unsere Briefkästen füllt. Er hört Talk Radio, eine dieser Sendungen, in denen Anrufer und Moderatoren Meinungen tauschen und Themen breit reden, je reißerischer, desto besser. Dazwischen dann Reklame. Briefträger sind hier verpflichtet, Abkürzungen über den Rasen zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die Grundstücke haben keine Zäune und die Post macht Miese, also muß abgebogen werden vom rechten Weg. Ein Zusteller wurde jüngst von seinem Vorgesetzten beschattet. Und dabei ertappt, wie er auf dem Bürgersteig lief. Der Schnee auf dem Rasen war ihm zu hoch, jetzt bangt er um seinen Job.
Zwischen meinen Fenstern kühlen goldfarbene Bierdosen. "Miller’s High Life" aus Milwaukee. Süßliches Massenbier, auf das die deutschen Brauer, die als Immigranten im 19.Jahrhundert die Bierindustrie im Mittleren Westen aufbauten, sicher nicht stolz gewesen wären. Es wird im 6er-Pack angeboten und diese Verkaufsform hat sogar den letzten Wahlkampf geprägt. Von „Joe Sixpack“ war dort häufig zu hören, ein Begriff für den männlichen Normalbürger und das war nicht abwertend gemeint. Insbesondere die Frau aus Alaska, die als Gouverneurin auch das Jagen vom Hubschrauber aus verteidigt, hat oft von diesem Joe gesprochen. Der Joe im hohen Norden jagt aus der Luft, wenn er gerade kein Bier trinkt. Auf Fotos in den Medien schaut sie mit gestrecktem Hals schräg nach oben, wie sonst nur Obama auf einem populären Bild. Aufmerksam blickt sie auf, als höre sie zu wie eine gelehrsame Tochter. Subtile Botschaften in einer hierarchischen Gesellschaft. Ich jedenfalls laufe mit den Bierdosen zur Kasse und warte darauf, daß man den Joe in mir erkennt.
Dafür zahle ich mit zerknüllten Dollarnoten. Das gehört sich genauso, wie das Zusammendrücken der geleerten Dosen, die man dann zuhause in großem Bogen in den Mülleimer zu befördern versucht. Eine symbolische Absage an materielle Werte. Alles ist politisch.
Jeden Tag werden unsere Mülltonnen durchsucht. Von meinem Fenster aus sehe ich, wie mal ein, mal zwei Männer mit einem Einkaufswagen unterwegs sind, um Pfanddosen oder anderes Brauchbares mitzunehmen. Sie haben einen festen Zeit- und Routenplan, wie der Postzusteller, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen und mit lautem Transistorradio in der Tasche unsere Briefkästen füllt. Er hört Talk Radio, eine dieser Sendungen, in denen Anrufer und Moderatoren Meinungen tauschen und Themen breit reden, je reißerischer, desto besser. Dazwischen dann Reklame. Briefträger sind hier verpflichtet, Abkürzungen über den Rasen zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die Grundstücke haben keine Zäune und die Post macht Miese, also muß abgebogen werden vom rechten Weg. Ein Zusteller wurde jüngst von seinem Vorgesetzten beschattet. Und dabei ertappt, wie er auf dem Bürgersteig lief. Der Schnee auf dem Rasen war ihm zu hoch, jetzt bangt er um seinen Job.
Zwischen meinen Fenstern kühlen goldfarbene Bierdosen. "Miller’s High Life" aus Milwaukee. Süßliches Massenbier, auf das die deutschen Brauer, die als Immigranten im 19.Jahrhundert die Bierindustrie im Mittleren Westen aufbauten, sicher nicht stolz gewesen wären. Es wird im 6er-Pack angeboten und diese Verkaufsform hat sogar den letzten Wahlkampf geprägt. Von „Joe Sixpack“ war dort häufig zu hören, ein Begriff für den männlichen Normalbürger und das war nicht abwertend gemeint. Insbesondere die Frau aus Alaska, die als Gouverneurin auch das Jagen vom Hubschrauber aus verteidigt, hat oft von diesem Joe gesprochen. Der Joe im hohen Norden jagt aus der Luft, wenn er gerade kein Bier trinkt. Auf Fotos in den Medien schaut sie mit gestrecktem Hals schräg nach oben, wie sonst nur Obama auf einem populären Bild. Aufmerksam blickt sie auf, als höre sie zu wie eine gelehrsame Tochter. Subtile Botschaften in einer hierarchischen Gesellschaft. Ich jedenfalls laufe mit den Bierdosen zur Kasse und warte darauf, daß man den Joe in mir erkennt.
Dafür zahle ich mit zerknüllten Dollarnoten. Das gehört sich genauso, wie das Zusammendrücken der geleerten Dosen, die man dann zuhause in großem Bogen in den Mülleimer zu befördern versucht. Eine symbolische Absage an materielle Werte. Alles ist politisch.
February 14, 2009
Warten auf die Eisbären
Unerbittlich schmilzt der Schnee und gibt all den Müll frei und den Dreck der Straße. Macht sie wieder zu dem, was sie war. Feiner Regen schlägt mir ins Gesicht. Im Fernsehraum befindet sich ein Buchregal. Neugierig gehe ich die Titel durch. Buchregale erzählen ihre eigenen Geschichten über die Menschen. Mein Blick bleibt an Douglas Coupland hängen (Hey Nostradamus!). Ein schwarzes Buch, von außen und innen und nicht recht zu den anderen passend. Darin kein Name, kein Hinweis auf seinen früheren Besitzer. Ich nehme es mit auf mein Zimmer. Und weiß schon nach den ersten Seiten, daß es ein anziehendes Werk ist. „A remarkable examination of violence and spirituality“. Eine Studentin erzählt post mortem – Schüler erschießen Schüler - von ihrem Tod und der Zeit danach.
Auf einer Karte habe ich mir den Norden Kanadas angeschaut. Die Hudson Bay scheint nicht weit entfernt für hiesige Maßstäbe, aber ich kann keine Orte erkennen und es gibt keine Buslinie, die mich dorthin bringen würde. Eine Brücke führt von Buffalo direkt nach Kanada. Hätte ich einen Wagen. Ich habe eine Sehnsucht nach meterhohem Schnee, der alles zudeckt, der die Stadt beruhigt. Der mich in den Frieden einschließt. Ich höre wieder christliches Nachtradio. June Hunt nimmt noch immer Anrufe entgegen von Menschen in Schwierigkeiten. „Hope in the Night“. Empathie, Anstrengung, auch für sie und das Festziehen der Bindung an Jesus. Ich kenne ihre Stimme noch aus Chicago.
Das Heulen von Sirenen gehören hier zu meinem Alltag. Ganz in der Nähe gibt es eine Feuerwache. Manchmal biegen sie auch in meine Straße ein. Ich erinnere mich an die alte Frau in einem kleinen Ort in Iowa, die einen Scanner in ihrem Wohnzimmer zu stehen hatte, mit dem sie laufend den Polizeifunk abhörte, am Kaffeetisch. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die schweren roten Wagen so häufig ausrücken, besonders in der Nacht, mit den großen US-Flaggen am Heck als wären es Schiffe. Selten geht es um Feuer, aber die Feuerwehr hat hier fast einen heiligen Status. Niemand nimmt den Männern ihre Wachen, ihre Fahrzeuge, ihren Stolz. Politiker die es versuchen, müssen mit Ärger rechnen.
Von den vielen leeren alten Häusern brennen allerdings manche ab. Die, die nur einen Dollar kosten. Und trotzdem nicht verkauft werden. Die Stadt will noch mehr von ihnen abreißen lassen als bisher. 1 Bagger, 1 Kipper, 2 Mann, für "twenty Grand" (20.000 Dollar). Das ist alles, was man braucht, um ein Haus an einem Tag verschwinden zu lassen. Der neue Raum bleibt jedoch ungenutzt, als wäre er unwillkommen.
Beim Anflug auf Buffalo ist ein Flugzeug abgestürzt. Ohne ein Wort über Funk zuvor. Radio und Fernsehen können dagegen gar nicht mehr enden, die Zeitungen sind ausverkauft. Wieder und wieder die gleichen Sätze. Niemand aber weiß etwas. Niemand KANN SAGEN, warum das passiert ist. Zumindest Fernsehen könnte sprachlos sein, wenn es wollte. CNN-Filme sind das manchmal. Verstörend ungewohnt.
Ich habe mir eine Skibrille besorgt und warte auf den Schnee, auf die Rückkehr des Winters. Auf Schneestürme, klirrende Kälte, Eisbären.
Ich will radfahren.
Auf einer Karte habe ich mir den Norden Kanadas angeschaut. Die Hudson Bay scheint nicht weit entfernt für hiesige Maßstäbe, aber ich kann keine Orte erkennen und es gibt keine Buslinie, die mich dorthin bringen würde. Eine Brücke führt von Buffalo direkt nach Kanada. Hätte ich einen Wagen. Ich habe eine Sehnsucht nach meterhohem Schnee, der alles zudeckt, der die Stadt beruhigt. Der mich in den Frieden einschließt. Ich höre wieder christliches Nachtradio. June Hunt nimmt noch immer Anrufe entgegen von Menschen in Schwierigkeiten. „Hope in the Night“. Empathie, Anstrengung, auch für sie und das Festziehen der Bindung an Jesus. Ich kenne ihre Stimme noch aus Chicago.
Das Heulen von Sirenen gehören hier zu meinem Alltag. Ganz in der Nähe gibt es eine Feuerwache. Manchmal biegen sie auch in meine Straße ein. Ich erinnere mich an die alte Frau in einem kleinen Ort in Iowa, die einen Scanner in ihrem Wohnzimmer zu stehen hatte, mit dem sie laufend den Polizeifunk abhörte, am Kaffeetisch. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die schweren roten Wagen so häufig ausrücken, besonders in der Nacht, mit den großen US-Flaggen am Heck als wären es Schiffe. Selten geht es um Feuer, aber die Feuerwehr hat hier fast einen heiligen Status. Niemand nimmt den Männern ihre Wachen, ihre Fahrzeuge, ihren Stolz. Politiker die es versuchen, müssen mit Ärger rechnen.
Von den vielen leeren alten Häusern brennen allerdings manche ab. Die, die nur einen Dollar kosten. Und trotzdem nicht verkauft werden. Die Stadt will noch mehr von ihnen abreißen lassen als bisher. 1 Bagger, 1 Kipper, 2 Mann, für "twenty Grand" (20.000 Dollar). Das ist alles, was man braucht, um ein Haus an einem Tag verschwinden zu lassen. Der neue Raum bleibt jedoch ungenutzt, als wäre er unwillkommen.
Beim Anflug auf Buffalo ist ein Flugzeug abgestürzt. Ohne ein Wort über Funk zuvor. Radio und Fernsehen können dagegen gar nicht mehr enden, die Zeitungen sind ausverkauft. Wieder und wieder die gleichen Sätze. Niemand aber weiß etwas. Niemand KANN SAGEN, warum das passiert ist. Zumindest Fernsehen könnte sprachlos sein, wenn es wollte. CNN-Filme sind das manchmal. Verstörend ungewohnt.
Ich habe mir eine Skibrille besorgt und warte auf den Schnee, auf die Rückkehr des Winters. Auf Schneestürme, klirrende Kälte, Eisbären.
Ich will radfahren.
February 09, 2009
Haut und Knochen
Ob sie mich etwas fragen könne. Natürlich, entgegne ich. Ich bin auf eine ungewöhnliche Frage gefaßt, denn Fragen nach Geld oder dem Weg werden so nicht eingeleitet. Ich sitze im Vorraum eines Supermarktes und esse halbwegs naturbelassene Maischips. Neben mir mein Rucksack voller Lebensmittel, gerade erstanden und da vor mir ein Fußweg von 40 Minuten liegt, habe ich keine Eile.
Ob ich Brigitte Bardot kenne, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Die Frage geht an mich, weil eine junge Kassiererin mit diesem Wissen nicht aufwarten konnte. Und so beginnt ein Gespräch, das mir eine kleine Lebensgeschichte eröffnet, von der Medizinerin, die viele Jahre unterrichtet hat, nun im Ruhestand einen Antiquitätenladen betreibt und ein paar Häuser vermietet. Von ihrer Kleidung her könnte sie einer Künstlerkolonie entstammen, ihre Baskenmütze paßt nicht ganz zum gängigen Klischee der Stadt aus Armut und Elend. Sie bemerkt meinen "leichten" Akzent und ordnet meine Gesichtsknochen mit forensisch geschultem Blick Nordeuropa zu. Ich weiß nicht, ob vorher bereits jemand mein Gesicht auf diese Weise gemustert hat, sie aber läßt mich voll teilhaben. Sie könnte an meinem Körper sicher auch ablesen, ob ich Linkshänder bin, Arbeiter oder Optimist. Ich interessiere mich gelegentlich für die Faltenverläufe in Gesichtern, die mir begegnen und stelle mir vor, ob sie noch lächeln können oder in Bitterkeit gefangen sind. Jetzt werde ich auch auf Kiefer-, Wangen-, Stirnknochen achten.
Sie engagiert sich in mehreren Nachbarschaftskomitees und Geschäftsvereinigungen. Und sie fürchtet Einbrüche. Deshalb hat auch sie eine Knarre zuhause. Sie schwärmt von Berlin, wegen der alten Möbel, die sie dort auf Trödelmärkten gesehen hat. Und dem Respekt, den Schüler ihren Lehrern in Europa sicher entgegenbringen würden. Sie wurde mehrmals angegriffen.
Ich frage mich, warum sie gerade mich angesprochen hat. Ich sehe in meiner Aufmachung eigentlich nicht wie ein Bildungsbürger aus, was in dieser Gegend nur von Vorteil sein kann. Aber sie hat mich mit Kennerblick als jemanden enttarnt, der von diesen drei Frauen gehört haben muß. Der ihr bestätigt, daß ihre Welt doch noch nicht versunken ist. Nach dem Flop mit der Kassiererin war das auch nötig. Wenngleich ich denke, daß es unangemessen war, ihr diese Frage zu stellen und die Antwort deshalb vielleicht verdient.
Europäer wie ich dagegen antworten gern.
Und fragen zurück.
Ob ich Brigitte Bardot kenne, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Die Frage geht an mich, weil eine junge Kassiererin mit diesem Wissen nicht aufwarten konnte. Und so beginnt ein Gespräch, das mir eine kleine Lebensgeschichte eröffnet, von der Medizinerin, die viele Jahre unterrichtet hat, nun im Ruhestand einen Antiquitätenladen betreibt und ein paar Häuser vermietet. Von ihrer Kleidung her könnte sie einer Künstlerkolonie entstammen, ihre Baskenmütze paßt nicht ganz zum gängigen Klischee der Stadt aus Armut und Elend. Sie bemerkt meinen "leichten" Akzent und ordnet meine Gesichtsknochen mit forensisch geschultem Blick Nordeuropa zu. Ich weiß nicht, ob vorher bereits jemand mein Gesicht auf diese Weise gemustert hat, sie aber läßt mich voll teilhaben. Sie könnte an meinem Körper sicher auch ablesen, ob ich Linkshänder bin, Arbeiter oder Optimist. Ich interessiere mich gelegentlich für die Faltenverläufe in Gesichtern, die mir begegnen und stelle mir vor, ob sie noch lächeln können oder in Bitterkeit gefangen sind. Jetzt werde ich auch auf Kiefer-, Wangen-, Stirnknochen achten.
Sie engagiert sich in mehreren Nachbarschaftskomitees und Geschäftsvereinigungen. Und sie fürchtet Einbrüche. Deshalb hat auch sie eine Knarre zuhause. Sie schwärmt von Berlin, wegen der alten Möbel, die sie dort auf Trödelmärkten gesehen hat. Und dem Respekt, den Schüler ihren Lehrern in Europa sicher entgegenbringen würden. Sie wurde mehrmals angegriffen.
Ich frage mich, warum sie gerade mich angesprochen hat. Ich sehe in meiner Aufmachung eigentlich nicht wie ein Bildungsbürger aus, was in dieser Gegend nur von Vorteil sein kann. Aber sie hat mich mit Kennerblick als jemanden enttarnt, der von diesen drei Frauen gehört haben muß. Der ihr bestätigt, daß ihre Welt doch noch nicht versunken ist. Nach dem Flop mit der Kassiererin war das auch nötig. Wenngleich ich denke, daß es unangemessen war, ihr diese Frage zu stellen und die Antwort deshalb vielleicht verdient.
Europäer wie ich dagegen antworten gern.
Und fragen zurück.
February 01, 2009
Im Greyhound auf dem Weg in den Nordosten
Rauhe Gestalten, lange unterwegs. Von Vegas nach New York City, von Arizona nach Pennsylvania. Tage im Bus. Als ich eingestiegen bin, warnt der Fahrer vor Einwandererkontrollen in Toledo, Ohio, falls Ausländer ohne Papiere unter uns sind. Ein Kapuzen-Latino geht nach vorn, verläßt den Bus. Wir fahren die Nacht durch. Auf einer der Pausen geht ein Weißer verloren. Dem Fahrer ist das egal. Dafür erklärt er in scharfem Ton die Regeln Anbord. Was man nicht darf, wo man stehen und was man sagen muß, um ihn während der Fahrt anzusprechen. Ich bin in einem Gefängnisbus unterwegs.
Wer in diesem Bus fährt, hat keine Alternative. Weder Auto, noch Geld für einen Flug. Das Busticket und etwas Junkfood, mehr geht nicht. Der Mann aus Brooklyn verleiht sein Mobiltelefon mit freiem Wochenendtarif. Das brüllende Kind rotzt ohne väterliches Interesse vor sich hin, bekommt dann aber von einer mitreisenden Friseuse eine Packung Kekse. Sie will ihre Ruhe wiederhaben, das ist der Deal. Sie hat schon genug eigene Sorgen. Wegen eine Internetbekanntschaft ist sie aus dem Südwesten nach Cleveland, Ohio gekommen und nun ist sie auf dem Weg zu ihrem Vater und Cleveland ist schon wieder Geschichte für sie. Wo soll man sonst hin, wenn man abgebrannt ist und nicht mehr weiter weiß. Als sie aussteigt, ist ihr Vater nicht zu sehen. Als ich aussteige und im Busbahnhof von Buffalo eine Pause einlege, sitzt neben mir ein Air Force Veteran. Seine Baseballkappe zeugt davon und der Ausweis um den Hals, mit Foto aus besseren Tagen. Sein Haar ist schlohweiß, hinten zu einem kleinen Zopf gebunden und all seine Habe besteht aus einer kleinen Tasche und zwei Plastiktüten. Seine hagere Statur füllt seine alte Bluejeans nicht aus. Ich weiß nicht, ob Armut hier dick macht oder völlig abmagert.
Die unterste Schicht Amerikas sitzt aber nicht im Bus. Die ist tagsüber unterwegs, um Dosen aus dem Müll zu sammeln, kauert sich nachts in Nischen oder schläft unter Bergen von Decken unter Brücken. Zwischen denen im Bus und denen unter der Brücke leben die Getarnten, die unauffällig in Kleidung und Verhalten ihre Armut gut verstecken und von Tagelöhnerjob zu befristeter Unterkunft ziehen. Die z.B. im Rooming House unterkommen - solange sie die Miete zahlen können und sich an alle Regeln halten. Zweien aus meiner Unterkunft gelang das nicht mehr. Sie ließen sich gehen und flogen raus, wurden aussortiert. Ich kenne ihre Geschichten noch vom letzten Mal. Komplizierte Geschichten, die in diesem engmaschigen Regelnetz erstickten. Und die schwarze Frau, die für Obama einen Kuchen gebacken hatte, die ihre besten Klamotten anzog, um sich bei Hotels zu bewerben, die immer wütender wurde, weil die vom Sozialamt hart mit ihr umgingen und die Hotels an ihr nicht interessiert waren, mußte ebenfalls raus. Sie konnte nicht mehr zahlen. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.
Vom mir wollten sie die Versicherung, daß jemand für den Rücktransport meines toten Körpers aufkommt, nur für den Fall, Sie verstehen. Wenn es ums Geld geht, wird die Sprache direkt. Mein toter Körper wird für mich zahlen, keine Sorge, er regelt das schon. Er fliegt gern Air India wegen der tollen Atmosphäre und der großzügig ausgeschenkten Whiskeys.
Holy Smokey!
Wer in diesem Bus fährt, hat keine Alternative. Weder Auto, noch Geld für einen Flug. Das Busticket und etwas Junkfood, mehr geht nicht. Der Mann aus Brooklyn verleiht sein Mobiltelefon mit freiem Wochenendtarif. Das brüllende Kind rotzt ohne väterliches Interesse vor sich hin, bekommt dann aber von einer mitreisenden Friseuse eine Packung Kekse. Sie will ihre Ruhe wiederhaben, das ist der Deal. Sie hat schon genug eigene Sorgen. Wegen eine Internetbekanntschaft ist sie aus dem Südwesten nach Cleveland, Ohio gekommen und nun ist sie auf dem Weg zu ihrem Vater und Cleveland ist schon wieder Geschichte für sie. Wo soll man sonst hin, wenn man abgebrannt ist und nicht mehr weiter weiß. Als sie aussteigt, ist ihr Vater nicht zu sehen. Als ich aussteige und im Busbahnhof von Buffalo eine Pause einlege, sitzt neben mir ein Air Force Veteran. Seine Baseballkappe zeugt davon und der Ausweis um den Hals, mit Foto aus besseren Tagen. Sein Haar ist schlohweiß, hinten zu einem kleinen Zopf gebunden und all seine Habe besteht aus einer kleinen Tasche und zwei Plastiktüten. Seine hagere Statur füllt seine alte Bluejeans nicht aus. Ich weiß nicht, ob Armut hier dick macht oder völlig abmagert.
Die unterste Schicht Amerikas sitzt aber nicht im Bus. Die ist tagsüber unterwegs, um Dosen aus dem Müll zu sammeln, kauert sich nachts in Nischen oder schläft unter Bergen von Decken unter Brücken. Zwischen denen im Bus und denen unter der Brücke leben die Getarnten, die unauffällig in Kleidung und Verhalten ihre Armut gut verstecken und von Tagelöhnerjob zu befristeter Unterkunft ziehen. Die z.B. im Rooming House unterkommen - solange sie die Miete zahlen können und sich an alle Regeln halten. Zweien aus meiner Unterkunft gelang das nicht mehr. Sie ließen sich gehen und flogen raus, wurden aussortiert. Ich kenne ihre Geschichten noch vom letzten Mal. Komplizierte Geschichten, die in diesem engmaschigen Regelnetz erstickten. Und die schwarze Frau, die für Obama einen Kuchen gebacken hatte, die ihre besten Klamotten anzog, um sich bei Hotels zu bewerben, die immer wütender wurde, weil die vom Sozialamt hart mit ihr umgingen und die Hotels an ihr nicht interessiert waren, mußte ebenfalls raus. Sie konnte nicht mehr zahlen. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.
Vom mir wollten sie die Versicherung, daß jemand für den Rücktransport meines toten Körpers aufkommt, nur für den Fall, Sie verstehen. Wenn es ums Geld geht, wird die Sprache direkt. Mein toter Körper wird für mich zahlen, keine Sorge, er regelt das schon. Er fliegt gern Air India wegen der tollen Atmosphäre und der großzügig ausgeschenkten Whiskeys.
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