Rockmusik ist immer noch lebendig in dieser Stadt. Tausende kommen in die Downtown zum Konzert. Fast alle sind weiß. Ich habe gelernt, in Hautfarben zu denken. Schon damals war mir aufgefallen, daß es Konzerte für Weiße gibt und Konzerte für Schwarze. Grunge ist definitiv eine weiße Angelegenheit. Obwohl die Rassentrennung in Chicago viel schärfer zu sein scheint. Hier kommt mir der Umgang zwischen schwarz und weiß etwas entspannter vor, als ich es in Chicago erlebt habe. Ich lerne dazu. Lerne, daß es manchmal sehr desillusionierende Wahrheiten gibt. Mein Idealismus aber sagt mir, daß ich Teil der Realität bin. Sie beeinflussen kann. Der Marktwert von Ethnien erscheint mir extrem häßlich. Ich weigere mich, diese Realität zu akzeptieren. Rockmusik hatte für mich einen ähnlichen Hintergrund. Das Aufbäumen gegen die Werte des Mainstream. Die Downtown-Konzerte werden von einer Bank gesponsert, unter anderem. Die Realität ist nicht schwarz-weiß.
Die Uhr tickt. Der Schnee wird diese Stadt begraben, viele Monate lang. Bis dahin ist sie ein Geschenk. Die Schönheit der Häuser, der Viertel, der Gebäude, der Ziegel, der Verwitterung. Der Erie-See exisitiert nur auf Karten, die Stadt ist nach innen gewandt. Kanada ist zum Greifen nah, die LKWs stauen sich auf der Brücke, die hinüber führt in das andere Land. Die Fernseher laufen den ganzen Tag. Wahrscheinlich beruhigt die Kulisse aus bemühter Sprache und dem Flimmern des Bildschirms. In jedem Raum ein TV. American Way of Life. Dort, wo ich jetzt wohne, haben die Menschen nur einen Raum. Here I'm a radio guy. Der Empfang ist schlecht. Neben mir sitzt ein Mann. Ich biete ihm den Sportteil meiner Zeitung an. Nachdem ich mir Gedanken gemacht habe, ob man dem anderen anbieten sollte, was man selbst schätzt oder was man selbst nicht braucht. Ich weiß es nicht. Aber ich lese nie den Sportteil. Er ist blind. Ich hatte so eine Ahnung, aber sicher war ich mir nicht. Acht Schlaganfälle. Hatte ein Motorrad, früher. Fast life. Hat in Schweden gelebt. War Ingenieur. Ist auch ein Radio Guy. Ham Radio nennen sie hier das Amateurfunken. Er kann sein Radio nicht mehr allein bedienen, hat auch Schwierigkeiten zu sprechen. Sitzt mit seinem Kaffee hier bis sie ihn abholt. Seine Frau. Oder Exfrau. Vor diesem In-Cafe'. Vor ein paar Tagen habe ich eine andere Exfrau kennengelernt. Besuchte ihren Mann, fürsorglich. Der stammt aus Erie, Pennsylvania, 4 Stunden von hier. Nie herumgekommen. Außer als Soldat. Jetzt wohnt er in einem kleinen Zimmer, trägt meist einen Morgenmantel und ist wahrscheinlich ein Schatten des Mannes, mit dem sie zusammen war. Mental illness begegnet mir hier immer wieder. Der Mann, der blind seinen Kaffee neben mir trinkt, spricht leise und ich kann nicht alles hören. Der Empfang ist schlecht, mein Handicap. Er will in eine schöne Gegend ziehen, die Andirondack Mountains, im Nordosten New Yorks. Sein Großvater hatte dort gelebt. Als sie ihn abholt, läuft er so schlecht, daß ich ihn mir nicht in den Bergen vorstellen kann. Aber Realität wird auch von ihm gemacht. Im Radio laufen die Ramones.
Wenn ich mir selbst einen Brief schreibe, kann ich einen Büchereiausweis bekommen. Proof-of-address. Was soll ich mir schreiben. Heute gab es einen Kuchen für Obama. Zur Feier oder zur Stärkung, ich weiß es nicht. Die Frau mit seiner Hautfarbe hat ihn gebacken. Mit Schokoladenstücken. Ihre Stimme wird lebendig, wenn sie von New York City erzählt, ihrer Heimatstadt. Sie schaut mir selten ins Gesicht, wenn sie erzählt. Sucht eine Arbeit. Wie eine Fiktion, von der sie weiß. Aber sie hofft, daß Obama es schafft. Das Kuchenbacken ist hier so einfach. Alles in einer Packung. Aber das bedeutet nichts.
August 23, 2008
August 20, 2008
Der Mann aus Malta
Als ich das Grundstück betrete, glaube ich nicht, hier einen guten Deal zu machen. Ich brauche ein Rad und hier werden alte Räder angeboten, Räder, die andere aussortiert haben. Der Mann, der sie verkauft, scheint ein Latino zu sein, seinem schweren Akzent nach. Die Räder sind Ramsch, nach unseren hohen Maßstäben. In Entwicklungsländern und amerikanischen Unterschichten betrachtet man das etwas anders.
Manchmal werden sie ihm auch gestohlen. Wenn er einen Moment nicht aufpaßt. In seiner Garage nach alten Teilen kramt. Junkies, die ihm sehr leicht schlimmeres antun könnten, so klapprig wie er ist. Er liest die Räder irgendwo auf und flickt sie zusammen. Ohne nennenswertes Werkzeug, ohne Neuteile. Er hat kein Öl, keine Zange. Sein Werkzeugsortiment ist eine Schande. Sie haben ihm irgendwann seinen Werkzeugkoffer geklaut. Ich soll sein Alter schätzen. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Alte Männer sind hier stolz, noch am Leben zu sein, es soweit geschafft zu haben. Ich ziehe ein paar Jahre ab und nenne ihm eine Zahl. Er ist 83, heißt Fränk. Er steckt in zu großen Hosen, seine Schuhe haben hohe Absätze. Fränk ist der wahrscheinlich kleinste Mann der Stadt, aber fährt den größten SUV der Gegend. Ich übertreibe.
Er kommt aus Malta, wie seine Frau. Viele Immigranten tragen amerikanische Vornamen. Auch sie nennt ihn Fränk. Auf Malta hieß er vielleicht Franco. Wer weiß. Seine Mutter hat ihn als Kind immer in einem Fahrradladen abgegeben, wenn sie besseres zu tun hatte. Seitdem faszinieren ihn Fahrräder. Im II. Weltkrieg war er Soldat. Sie haben Torpedos gezündet gegen deutsche Schiffe. Sind nicht explodiert. Er hat britische Lastwagen gefahren und er erzählt, wie sie einen Deutschen erschossen haben. Der saß in einem Baum, war Scharfschütze. Fränk legt noch einmal an, auf den Deutschen seiner Erinnerung. Sie haben sich angeschlichen und der Deutsche hat es nicht gemerkt. Er hat keinen Stolz aus diesem Krieg zurückbehalten, Stolz, von dem heute soviel die Rede ist, wenn es um die Soldaten dieses Landes geht. Die Deutschen waren die Invasoren und sie waren im Auftrag des Bösen unterwegs. Aber er verurteilt sie nicht. Ich erzähle ihm, daß ich die britischen Soldatengräber auf Malta gesehen habe.
Eine junge Frau kommt mit ihrem Rad vorbei. Platter Reifen. Sie hat einen neuen Schlauch mitgebracht. In seiner Garage liegen viele alte Schläuche. Ich mache eine Probefahrt mit einem roten Huffy, einem Halbrennrad. Huffy ist eine US-Firma der unteren Preisklasse aus der Zeit, als sie noch Räder in den USA hergestellt haben. Schon länger her. Eine Bremse funktioniert nicht, Schlag im Hinterrad, den Reifen ist nicht zu vertrauen, keine Schutzbleche, viele Gänge lassen sich nicht mehr schalten. Ich kaufe es, ich brauche ein Rad. Ich handle es nicht herunter und er überläßt es mir etwas billiger. Die Kette braucht Öl. Ich soll ein paar Tage später nochmals vorbeischauen, dann wird er Öl gekauft haben. Mittlerweile repariere ich die Bremse.
Als wir uns wiedersehen, drückt er mir das Öl in die Hand. Ein schwarzer Rasta-Junkie kommt vorbei. Er war vor ein paar Tagen mit einem Rad hergekommen, um es zu verkaufen. Ist danach mit einem von Fränks Rädern abgehauen. Seine Frau droht lautstark mit den Cops und er haut wieder ab. Ich sehe ihn später nochmals radfahrend in einer anderen Straße. Fränk erzählt, daß sein Kumpel immer eine Knarre mitnimmt, wenn sie gemeinsam eine Radtour machen.
Und sie tragen Radhelme. Zur Sicherheit.
Manchmal werden sie ihm auch gestohlen. Wenn er einen Moment nicht aufpaßt. In seiner Garage nach alten Teilen kramt. Junkies, die ihm sehr leicht schlimmeres antun könnten, so klapprig wie er ist. Er liest die Räder irgendwo auf und flickt sie zusammen. Ohne nennenswertes Werkzeug, ohne Neuteile. Er hat kein Öl, keine Zange. Sein Werkzeugsortiment ist eine Schande. Sie haben ihm irgendwann seinen Werkzeugkoffer geklaut. Ich soll sein Alter schätzen. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Alte Männer sind hier stolz, noch am Leben zu sein, es soweit geschafft zu haben. Ich ziehe ein paar Jahre ab und nenne ihm eine Zahl. Er ist 83, heißt Fränk. Er steckt in zu großen Hosen, seine Schuhe haben hohe Absätze. Fränk ist der wahrscheinlich kleinste Mann der Stadt, aber fährt den größten SUV der Gegend. Ich übertreibe.
Er kommt aus Malta, wie seine Frau. Viele Immigranten tragen amerikanische Vornamen. Auch sie nennt ihn Fränk. Auf Malta hieß er vielleicht Franco. Wer weiß. Seine Mutter hat ihn als Kind immer in einem Fahrradladen abgegeben, wenn sie besseres zu tun hatte. Seitdem faszinieren ihn Fahrräder. Im II. Weltkrieg war er Soldat. Sie haben Torpedos gezündet gegen deutsche Schiffe. Sind nicht explodiert. Er hat britische Lastwagen gefahren und er erzählt, wie sie einen Deutschen erschossen haben. Der saß in einem Baum, war Scharfschütze. Fränk legt noch einmal an, auf den Deutschen seiner Erinnerung. Sie haben sich angeschlichen und der Deutsche hat es nicht gemerkt. Er hat keinen Stolz aus diesem Krieg zurückbehalten, Stolz, von dem heute soviel die Rede ist, wenn es um die Soldaten dieses Landes geht. Die Deutschen waren die Invasoren und sie waren im Auftrag des Bösen unterwegs. Aber er verurteilt sie nicht. Ich erzähle ihm, daß ich die britischen Soldatengräber auf Malta gesehen habe.
Eine junge Frau kommt mit ihrem Rad vorbei. Platter Reifen. Sie hat einen neuen Schlauch mitgebracht. In seiner Garage liegen viele alte Schläuche. Ich mache eine Probefahrt mit einem roten Huffy, einem Halbrennrad. Huffy ist eine US-Firma der unteren Preisklasse aus der Zeit, als sie noch Räder in den USA hergestellt haben. Schon länger her. Eine Bremse funktioniert nicht, Schlag im Hinterrad, den Reifen ist nicht zu vertrauen, keine Schutzbleche, viele Gänge lassen sich nicht mehr schalten. Ich kaufe es, ich brauche ein Rad. Ich handle es nicht herunter und er überläßt es mir etwas billiger. Die Kette braucht Öl. Ich soll ein paar Tage später nochmals vorbeischauen, dann wird er Öl gekauft haben. Mittlerweile repariere ich die Bremse.
Als wir uns wiedersehen, drückt er mir das Öl in die Hand. Ein schwarzer Rasta-Junkie kommt vorbei. Er war vor ein paar Tagen mit einem Rad hergekommen, um es zu verkaufen. Ist danach mit einem von Fränks Rädern abgehauen. Seine Frau droht lautstark mit den Cops und er haut wieder ab. Ich sehe ihn später nochmals radfahrend in einer anderen Straße. Fränk erzählt, daß sein Kumpel immer eine Knarre mitnimmt, wenn sie gemeinsam eine Radtour machen.
Und sie tragen Radhelme. Zur Sicherheit.
August 10, 2008
Tenants must wear shoes and shirt
Alle Register gezogen in Pittsburgh. Immer wieder ins WWW - auf der Straße, auf der Suche nach freiem WLAN - und einer Steckdose. Stunden durch die Viertel auf dem Weg zu einer Bleibe. Die Busse gewechselt, die Grenzen getestet; was anfangs inakzeptabel schien, wurde nun möglich, die schlechtere Gegend, die höhere Miete, die Sorte Mitbewohner, die Dauer. Keine Antwort vom German Heritage Club, den Landsleuten, die in früheren Jahrhunderten die erste Anlaufstelle der Einwanderer waren. Kein Tipp von der Lutheran Church, deren Mitglied ich bin, auf einem anderen Kontinent im 21. Jahrhundert. Ich muß dringend aus der schlechten Gegend weg, Deutschtown. Es ist bereits dunkel. Ein indischer Student hatte ein Zimmer angeboten, für 3 Wochen. Ich suche nach einer Bleibe für 2 Monate. In dieser Stadt muß man geduldig auf Busse warten. Umsteigen macht es noch schwieriger. Es kommt kein Bus. In dieser Gegend fahren auch keine Taxis. Zu arm, zu wenig Nachfrage. Die Verkäuferin in einem kleinen Laden ruft ihre Freundin an, sie hätte einen Fahrerjob. Einen Deutschen aus der Gegend bringen. Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Aber es ist wirklich ihre Freundin. Ich steige in einen alten röhrenden Toyota. Sie hat 2 Kinder, ihr Vater betreibt hier eine Kneipe, über der Zimmer vermietet werden. Alle voll. Auch sie hat Nerven. Einen Unbekannten zu fahren. Ob ich das Geld passend habe. Ich gebe es ihr nach dem Einsteigen, passend aber habe ich es nicht, es sei denn, sie verzichtet auf 2 Dollars. Sie gibt mir das Wechselgeld und wir reden über Autos. Sie hatte mal einen Buick. Meine Lieblingsmarke. Hat ihr Ex verscherbelt. Der Toyota röhrt wie ein Panzer aber nähert sich zügig der Gegend, in der die Studenten gerne wohnen, in der es die Coffeeshops gibt und die coolen Läden, dieser anderen Welt. Im Dunkeln kann ich die Hausnummern nicht entziffern. Als ich den Inder endlich finde, hat er das Zimmer einem Franzosen versprochen. Die ganze Bude ist verkramt und riecht nach indischem Essen. Sie bekommt meine Karte - falls etwas frei wird über der Kneipe, in der Gegend aus der sie kommt. Sie dreht um, fährt zurück in das Viertel, das einst die Deutschen aufgebaut hatten, und das nun ein Schatten seiner selbst ist. Viele Häuser zerfallen, unbewohnt, weiße Armut.
Am nächsten Morgen ergebe ich mich und nehme den ersten Bus nach Buffalo, NY. Wie ein Hobo ziehe ich von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum schlafen. Die Suche kostet Kraft. Alles andere wird vernachlässigt; die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick. Busnummern, Hausnummern, Gestalten auf der Straße. Rational denken, sich konzentrieren, Gefühle verdrängen. Die Uhrzeiten sind wichtig. Als Hobo braucht man eine Uhr. Wer auf der Straße lebt, muß wissen, wann es wo welche Hilfe gibt. Darf nicht zu spät kommen. Muß den Weg wissen. Auch die Kirchen öffnen und schließen ihre Suppenküchen zu festen Uhrzeiten.
Ich habe ein Ziel in Buffalo, eine einzige Möglichkeit und einen Notbehelf, denn hier gibt es eine Jugendherberge. Das Telefonieren klappt nicht. Die Telekonzerne nehmen meine Quarters, stellen aber keine Verbindung her. Nach 6 Stunden Busfahrt laufe ich zur Büroadresse und drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Nein, ich habe keinen Termin. Ich nehme aber die erste Hürde und darf auf der Schwelle ein paar Worte wechseln. Darf zu dem Haus gehen, in dem Zimmer vermietet werden. Ein "Rooming House". Bad und Küche werden geteilt. Dem Manager dort steht sein chronisches Mißtrauen in den Gesichtszügen. Er darf nichts, außer sich Manager zu nennen und auf ein Klingeln an seiner Tür zu reagieren. Drückt mir das Telefon in die Hand, der Chef ist dran. Er hat kein Zimmer. Alles voll. Bietet mir eine Woche Unterbringung an, in einem Raum, der nicht benutzt wird, zum Wochenpreis, dem doppelten. Fragt mich kurz, was ich mache, woher das Geld kommt. Ein Profi, der keine "Background Checks" und "Credit history" braucht, wie die anderen kommerziellen Zimmervermieter. Der Manager wird angewiesen, sich mit dem Telefon außer Hörweite zu begeben. Nach 20 Minuten bekomme ich einen Raum. Zahle gern das Doppelte. Bar, das war Bedingung. Und eine Kaution dazu. Erfahre das strikte Reglement. Kein Alkohol, keine Lebensmittel im Zimmer, keine Gäste. "Tenants, must wear shoes and shirt". Die Garderobenanforderung an die Bewohner.
Ich bin angekommen. Lief doch wirklich glatt. Kein Vergleich zu Pittsburgh.
Am nächsten Morgen ergebe ich mich und nehme den ersten Bus nach Buffalo, NY. Wie ein Hobo ziehe ich von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum schlafen. Die Suche kostet Kraft. Alles andere wird vernachlässigt; die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick. Busnummern, Hausnummern, Gestalten auf der Straße. Rational denken, sich konzentrieren, Gefühle verdrängen. Die Uhrzeiten sind wichtig. Als Hobo braucht man eine Uhr. Wer auf der Straße lebt, muß wissen, wann es wo welche Hilfe gibt. Darf nicht zu spät kommen. Muß den Weg wissen. Auch die Kirchen öffnen und schließen ihre Suppenküchen zu festen Uhrzeiten.
Ich habe ein Ziel in Buffalo, eine einzige Möglichkeit und einen Notbehelf, denn hier gibt es eine Jugendherberge. Das Telefonieren klappt nicht. Die Telekonzerne nehmen meine Quarters, stellen aber keine Verbindung her. Nach 6 Stunden Busfahrt laufe ich zur Büroadresse und drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Nein, ich habe keinen Termin. Ich nehme aber die erste Hürde und darf auf der Schwelle ein paar Worte wechseln. Darf zu dem Haus gehen, in dem Zimmer vermietet werden. Ein "Rooming House". Bad und Küche werden geteilt. Dem Manager dort steht sein chronisches Mißtrauen in den Gesichtszügen. Er darf nichts, außer sich Manager zu nennen und auf ein Klingeln an seiner Tür zu reagieren. Drückt mir das Telefon in die Hand, der Chef ist dran. Er hat kein Zimmer. Alles voll. Bietet mir eine Woche Unterbringung an, in einem Raum, der nicht benutzt wird, zum Wochenpreis, dem doppelten. Fragt mich kurz, was ich mache, woher das Geld kommt. Ein Profi, der keine "Background Checks" und "Credit history" braucht, wie die anderen kommerziellen Zimmervermieter. Der Manager wird angewiesen, sich mit dem Telefon außer Hörweite zu begeben. Nach 20 Minuten bekomme ich einen Raum. Zahle gern das Doppelte. Bar, das war Bedingung. Und eine Kaution dazu. Erfahre das strikte Reglement. Kein Alkohol, keine Lebensmittel im Zimmer, keine Gäste. "Tenants, must wear shoes and shirt". Die Garderobenanforderung an die Bewohner.
Ich bin angekommen. Lief doch wirklich glatt. Kein Vergleich zu Pittsburgh.
August 04, 2008
On the Road
Alles immer dabei in einer großen Tasche. Was man tragen kann. Was man mitnehmen darf. Im Greyhound Bus. Mehr braucht man auch nicht unbedingt. Rasieren unter Fremden. Nicht auffallen. Gute Kleidung ist wichtig. Sie entscheidet, ob man Reisender ist oder obdachlos. In den Augen der Anderen. Denen mit einer Wohnung. Denen mit einem Cell Phone. Die mit dem offiziellen Ort verbunden sind. Die eine Adresse haben, mit der sie einen Büchereiausweis, ein Konto, einen Führerschein bekommen. Nach und nach entsteht eine ganz spezielle Landkarte im Kopf. Hier ist der Park mit bequemen Bänken, der Schatten spendet und Ruhe. Dort das Münztelefon, das nicht direkt an der Straße steht, damit man versteht, was man hört. Es gibt nicht mehr viele davon. Die sauberen Toiletten. Die Bibliothek mit schönen Sesseln und Air Condition. Bequemes Sitzen ist ein großer Luxus. Ein Sofa ein Traum. Öffentliche Bänke sollen nicht zuviel Bequemlichkeit bieten. Wie Cafe'stühle. Das Sitzgefühl sagt einem, daß man nur geduldet ist.
Hier gibt es nur eine "Sorte" Menschen, die einen direkt anschaut. Wachmänner, Polizisten, Concierges. Gute Kleidung und ein rasiertes Gesicht sind die beste Deckung am Tag, wenn das, was man dabei hat, einen nicht verrät. In der Nacht schließt alles. Die Bibliothek, der Park, das Cafe'. Aus dem öffentlichen Raum wird ein dunkler Ort der Unsicherheit, die man selbst erlebt und selbst erzeugt.
Manche Buchläden haben bis in die Nacht geöffnet. Man kann lesen bei leiser Musik. Und die Zeit verlängern. Bis man zurück muß zur Schlafgelegenheit. Wenn es die dortigen Regeln erlauben. Die Zeitregeln. Geöffnet, geschlossen, jeder Ort hat andere Zeiten.
Öffentliches Schlafen verschiebt die Grenze zur Privatheit zu einem Minimum. Die Bettdecke wird zur letzten Barriere. Nur die Gedanken sind sicher im privaten Raum.
(Nachterfahrungen, Franciscan Outreach, Nursing Home, Straßenbeobachtungen)
Hier gibt es nur eine "Sorte" Menschen, die einen direkt anschaut. Wachmänner, Polizisten, Concierges. Gute Kleidung und ein rasiertes Gesicht sind die beste Deckung am Tag, wenn das, was man dabei hat, einen nicht verrät. In der Nacht schließt alles. Die Bibliothek, der Park, das Cafe'. Aus dem öffentlichen Raum wird ein dunkler Ort der Unsicherheit, die man selbst erlebt und selbst erzeugt.
Manche Buchläden haben bis in die Nacht geöffnet. Man kann lesen bei leiser Musik. Und die Zeit verlängern. Bis man zurück muß zur Schlafgelegenheit. Wenn es die dortigen Regeln erlauben. Die Zeitregeln. Geöffnet, geschlossen, jeder Ort hat andere Zeiten.
Öffentliches Schlafen verschiebt die Grenze zur Privatheit zu einem Minimum. Die Bettdecke wird zur letzten Barriere. Nur die Gedanken sind sicher im privaten Raum.
(Nachterfahrungen, Franciscan Outreach, Nursing Home, Straßenbeobachtungen)
August 01, 2008
Der Albaner
Man kann ein Latinoviertel an ein paar Details erkennen. An den silber glitzernden XXL-Felgen der aufgemöbelten Schlitten. Den Waschsalons ("Coin-Laundry") mit diesem wunderbaren Waschmittelduft und den Fernsehern, aus denen spanischspachige Soap-Operas quellen. Den verbeulten alten Pickup-Trucks am Straßenrand, aus denen Obst und Gemüse verkauft werden. Den Läden mit handbemalten Schildern in Spanisch, Supermärkten und Taco-Läden. Oder den Preisschildern für einen Haarschnitt.
8 Dollars, 7 Dollars; bei 5 Dollars halte ich an. Meist handelt es sich um kleine Läden, in denen ein paar Latinas den Männern einen Maschinenschnitt verpassen. Ein paar Mal über den Skalp fahren und fertig ist der Schnitt. Oft sprechen sie kaum Englisch, machen aber auch nicht viele Worte. So sehen sich die Haarschnitte der Latinomänner auch recht ähnlich. Militärisch praktisch kurz. Nur wer die 5 Dollars nicht aufbringen kann, fällt aus dem Rahmen und sieht wie ein mexikanischer Landarbeiter aus - falls man damit richtig liegt. Als ich den Laden betrete, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich muß an einen Counter, einen Haarschnitt bestellen und werde an einen nummerierten Tisch verwiesen. Die Nummer 12 soll es sein. Auf mich wartet ein schwitzender Mann in meinem Alter, mit militärisch kurzem Schnitt und Übergewicht. Sein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt und voller Haare vergangener Aufträge. Ein paar Stühle weiter nimmt ein Latino mit Knarre Platz. Ein Cop in Freizeitkleidung. Ich lasse mir nicht anmerken, daß ich mir nur ungern von einem Mann einen Haarschnitt verpassen lasse. Die psychosoziale Bedeutung des Haareschneidens ist ein Thema für sich. Ich habe "der Mann der Friseuse" gesehen. Er spricht schlechtes Englisch. So kurz wie sein Haar? Nicht ganz so kurz, bitte, ich bin Zivilist. Dann ruft er etwas in den Raum, das weder englisch noch spanisch klingt. Es ist albanisch, wie ich auf Nachfrage erfahre. Er ist seit vier Jahren in Chicago und hat Heimweh, jeden Tag. Was ich hier denn wolle, Deutschland ist doch viel sozialer. Er hat natürlich recht. Aber das ist die Klugheit eines Immigranten, der der Armut entkommen will. Wir witzeln über mein Haupthaar. Er war zwischendurch für 5 Monate in der Heimat. Und kam zurück, unglücklich. Ich bekomme jetzt eine ordentliche albanische Behandlung. Mein Nacken wird mit dem Rasiermesser behandelt und gepudert. Das Haar mit parfümiertem Alkohol noch ein wenig aufgepeppt. Ich fühle mich wie in einem albanischen Dorf. Das Haar nach hinten kämmen oder zur Seite? Mir werden die rituellen Handgriffe des stolzen lokalen Friseurs zuteil. Jetzt haben auch meine Haare eine Heimstatt gefunden. Die Büschel mischen sich mit denen der Kunden, die vor mir hier Platz genommen hatten. Albaner im Latinoviertel. Ich denke an die Fische, die sich optisch perfekt an den Meeresgrund anpassen, steige wieder auf mein Rad, verlasse das albanische Dorf. Das Latinoviertel hält noch lange an. Die Haarschnitte werden wieder teurer. Der polnische Bezirk beginnt.
8 Dollars, 7 Dollars; bei 5 Dollars halte ich an. Meist handelt es sich um kleine Läden, in denen ein paar Latinas den Männern einen Maschinenschnitt verpassen. Ein paar Mal über den Skalp fahren und fertig ist der Schnitt. Oft sprechen sie kaum Englisch, machen aber auch nicht viele Worte. So sehen sich die Haarschnitte der Latinomänner auch recht ähnlich. Militärisch praktisch kurz. Nur wer die 5 Dollars nicht aufbringen kann, fällt aus dem Rahmen und sieht wie ein mexikanischer Landarbeiter aus - falls man damit richtig liegt. Als ich den Laden betrete, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich muß an einen Counter, einen Haarschnitt bestellen und werde an einen nummerierten Tisch verwiesen. Die Nummer 12 soll es sein. Auf mich wartet ein schwitzender Mann in meinem Alter, mit militärisch kurzem Schnitt und Übergewicht. Sein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt und voller Haare vergangener Aufträge. Ein paar Stühle weiter nimmt ein Latino mit Knarre Platz. Ein Cop in Freizeitkleidung. Ich lasse mir nicht anmerken, daß ich mir nur ungern von einem Mann einen Haarschnitt verpassen lasse. Die psychosoziale Bedeutung des Haareschneidens ist ein Thema für sich. Ich habe "der Mann der Friseuse" gesehen. Er spricht schlechtes Englisch. So kurz wie sein Haar? Nicht ganz so kurz, bitte, ich bin Zivilist. Dann ruft er etwas in den Raum, das weder englisch noch spanisch klingt. Es ist albanisch, wie ich auf Nachfrage erfahre. Er ist seit vier Jahren in Chicago und hat Heimweh, jeden Tag. Was ich hier denn wolle, Deutschland ist doch viel sozialer. Er hat natürlich recht. Aber das ist die Klugheit eines Immigranten, der der Armut entkommen will. Wir witzeln über mein Haupthaar. Er war zwischendurch für 5 Monate in der Heimat. Und kam zurück, unglücklich. Ich bekomme jetzt eine ordentliche albanische Behandlung. Mein Nacken wird mit dem Rasiermesser behandelt und gepudert. Das Haar mit parfümiertem Alkohol noch ein wenig aufgepeppt. Ich fühle mich wie in einem albanischen Dorf. Das Haar nach hinten kämmen oder zur Seite? Mir werden die rituellen Handgriffe des stolzen lokalen Friseurs zuteil. Jetzt haben auch meine Haare eine Heimstatt gefunden. Die Büschel mischen sich mit denen der Kunden, die vor mir hier Platz genommen hatten. Albaner im Latinoviertel. Ich denke an die Fische, die sich optisch perfekt an den Meeresgrund anpassen, steige wieder auf mein Rad, verlasse das albanische Dorf. Das Latinoviertel hält noch lange an. Die Haarschnitte werden wieder teurer. Der polnische Bezirk beginnt.
Subscribe to:
Posts (Atom)