Einen Block von mir entfernt beginnt die West Side. Früher das Gebiet der Italiener. Heute wohnen dort Latinos, hauptsächlich. Die Gegend ist arm, die Häuser sind in schlechtem Zustand, ein Gebiet, in dem Drogen und Kriminalität zu Hause sind. Vor einem Gebäude ein handbemaltes Schild und Fahrradständer. Ich bin pünktlich, aber die meisten sind schon da. Das Gebäude war eine Stadtbücherei. Die Bücher und Computer sind geblieben und der Nachbarschaft übergeben worden. Rückzug aus dem Viertel. Als ich frage, ob ich mich neben ihn setzen dürfe, antwortet der Mann, er habe 4 Tage nicht geduscht. Interessante Eröffnung. Erinnert mich an eine Militärstrategie. Angreifen, um dem Angriff zuvorzukommen. Die Art von schleichender Veränderung, die einen irgendwann im Bademantel enden läßt, den man nicht mehr verläßt. Ich setze mich und frage ihn warum, denn er hat seine Duschgewohnheiten aus der Privatsphäre entlassen und mir zugänglich gemacht. Er ist bequem und ohne Arbeit, sagt er. Im Raum gibt es kaum einen "Average Joe", keinen Durchschnittsbürger, und ich weiß, daß das oberflächlich klingt. Vielleicht aber ist der Preis für die Mitgliedschaft in der Mittelschicht die Anpassung hin zu einem stromlinienförmigen Abziehbild, Individualismus verbotenes Terrain - was wir natürlich nicht zugeben.
Einen Tag zuvor war ich in einer Nebenstraße des Viertels in einem Barber Shop, bekam einen Haarschnitt von einem jungen Puertoricaner verpaßt, seit 8 Monaten in den USA, was sein schlechtes Englisch erklärt. Eigentlich schreibt er Songtexte, Rap, Reggaeton , R+B, auf Spanisch. Er zeigt auf eine Tasche voller Papiere. Ich finde nicht, daß er Haare schneiden kann. Er erzählt mir von den Straßenschießereien und der korrupten Polizei in Puerto Rico. Keiner in dem Laden kann meine 20-Dollarnote wechseln.
Die Veranstaltung wird von 3 jungen Typen betrieben. Community Activists, wie einst Obama in Chicago oder Pfarrer in schwarzen Gemeinden. Die Anwesenden werden aus der Reserve gelockt, den Zuschauern unserer TV-Shows gleich, bevor die Sendung beginnt. "Warming up"- Methoden, die wirken, mich aber innerlich in die Reserve treiben. Nach 10-monatigen Bemühungen hatten sie ihren Termin beim Bürgermeister und sind ganz angetan. Aber hier wird viel geredet und nicht ganz so viel umgesetzt. Nun steht eine "Street Rally" bevor, ein Marsch durch die Downtown, um ihre Forderungen zu stärken. Von den vielen leerstehenden, rottenden Häusern 100 modernisieren und 50% der Arbeit durch Leute aus der Nachbarschaft erledigen lassen. Entlohnte Arbeit schaffen und die Häuser wärmedämmen. Hier scheint es keinen Unwillen zu geben, harte Jobs anzunehmen. Freiwillige werden gesucht, um Anrufe zu machen: Nachbarn bewegen, am Marsch teilzunehmen. Die Leute hier sind mit ihrem Viertel verbunden. Ich denke an meine Mitbewohner. Keiner scheint diese Bindung zu haben. Ein Rooming House sieht so etwas auch nicht vor. Wer hier auf Dauer wohnt, ist hängengeblieben, möchte fort und bleibt doch hier, hat irgendwann aufgehört mit dem Versuch, wegzukommen.
Ein paar Tage zuvor habe ich einen halben Tag auf einer Konferenz der Kunstinstitutionenvertreter zugebracht. Die Kunst in der Stadt stärken durch Schilder an den Schnellstraßen. Hier abbiegen zum Museum. Es soll mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke an meinen ersten Kontakt zur Kunst in dieser Region. Im Schulbus wurden wir zu einem Fest der Native Americans gefahren. Eine schöne Erinnerung. Kein Thema für die Profis. Ich tausche Visitenkarten. Diese Stadt hat viele Gesichter, die irgendwie nicht zueinander passen.
September 20, 2008
September 10, 2008
What would Mingus do
Als ich dort eintreffe, möchte ich eigentlich gleich wieder umdrehen. Aber ich kenne diesen Impuls in mir zu gut. Wieder umdrehen. Froh sein, einen Grund zu finden. Es ist dunkel, beginnt zu nieseln, Wolken kündigen Regen an. Ich bin nun aber schon vor dem Laden. Finde eine Stelle, das Rad anzuschließen. Es ist eine Bar, wie es sie hier viele gibt. Schummrig, Barhocker, Gestalten mittleren Alters am Tresen, die hier hingehören, wie der Barmann, das dunkle Holz, die Schnapsflaschen. Ob sie miteinander reden oder nicht. An der Frontseite bedient eine Frau die Bratpfannen. Fritten und Hühnereien. Buffalo bildet sich etwas ein auf seine "Chicken Wings". Ich gehe durch nach hinten und sehe die Band. Sie spielt bereits. Vor ihnen 12 Tische mit roten Decken, eine bunte Lichterkette hängt an der Wand, gedämmte Blechlampen verbreiten schummriges Licht. Niemand sonst im Raum. Außer der Band, die erstklassigen Jazz spielt. Ich kehre um, ein Bier besorgen. Kann es nicht lassen. Obwohl Bier in diesem Land wirklich keine Freude ist. Frage nach einem "local beer", entdecke Yuengling vom Hahn und bekomme es, ohne Schaum, wie es hier üblich ist. Die Band spielt und braucht niemanden sonst, das merkt man ihr an. Sie scheinen daran gewöhnt zu sein, ohne Publikum aufzutreten. Als ich klatsche, werden sie aufmerksam, schauen herüber. Ich beschließe, eine Glatteisfrage zu stellen. Ob das wirklich alles von Mingus ist. Irgendwie klingt es mir nur ein bißchen nach ihm. Als wenn ich das wirklich sagen könnte. Da ist wirklich Glatteis, aber ich lande weich. Nichts ist von Mingus, alles selbst komponiert. Der Bandname ist von der hier unter Christen gängigen Formel "what would Jesus do", abgegeleitet. Gewagt, Kameraden. In der Pause kommt der Saxophonist zu mir herüber. Hat alle Platten von Mingus. Kam aus Minneapolis hierher, weil seine Frau in dieser Stadt einen Job angenommen hat. Buffalo kann ihn brauchen. Ich erzähle ihm warum ich hier bin. Und daß ich die Stadt wirklich mag. Nach der Pause sind drei weitere Zuschauer an den Tischen. Der Jazz riecht nach gebratenen Chicken Wings. Was würde Mingus dazu sagen. Mingus war schwarz, Chicken scheinen mir ein Teil des "Soul Food" zu sein, der Küchenkultur der Schwarzen aus dem Süden. Buffalos Chicken Wings werden aber von allen Hautfarben geschätzt. Ich hasse mich für diesen Virus in meinem Kopf. Dieses Denken in Hautfarben. Mingus würde es nicht gefallen, daß seine Musik nach Huhn riecht. Aber diese Musik ist nicht von ihm.
Neulich habe ich einem geschätzten schwarzen Mitbewohner mit Verve erklärt, daß ich kein Weißer bin. Er hat zugestimmt, in dem Sinn wie es von mir gemeint war. Schwarz-Weiß als Kulturbegriff. Aber hier kann niemand entkommen. Der legale Rassismus ist nicht lange her. Rosa Parks coole Busaktion fand 1955 statt. Sie weigerte sich, für einen Weißen den Sitzplatz zu räumen und wurde dafür verhaftet. Martin Luther Kings Marsch nach Washington war 1963. In diesem Sinn ist Obama kein Schwarzer, wurde mir erklärt. Seine Mutter war eine Weiße, sein Vater Afrikaner.
Ich höre wieder dem Jazz zu. Ein Tick zu melodisch für meine Ohren. Aber ich mag es, wenn Trompete und Tenorsaxophon synchron die gleiche Melodie spielen. Frage den Barmann nach einem Tee. Nach langem Wühlen zuckt er mit den Schultern. Hier trinkt keiner Tee. Zumindest ich muß noch fahren. Das ist eine Kneipe für den ordinary American von den 40ern an aufwärts. Hier hängen keine Sportfernseher an den Wänden, wie bei den Etablissements für die jüngere Generation. Nun, nicht für ganz Gallien. Gestern abend bin ich zu einer alten, ausgedienten Polizeiwache gefahren. Precinct 17. Darin befindet sich eine große Fahrradwerkstatt. Voller Räder, Reifen, Bremsen, Lenker, Werkzeug. Sie schrauben hier Räder zusammen, bemalen sie und fertig ist das Radsharing Programm. Buffalo Blue Bicycle. Mein Rad hat nun keine 8 mehr im Hinterrad und statt 4 fast 10 Gänge. Erinnert mich an das Meerbaumhaus in Moabit. Nur sind die Leute hier jünger. Und das Haus wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt, die auch Strom und Gas bezahlt. Respekt. Bei nur 2 Straßen, die hier Radstreifen haben, und Autofahrern, die erwarten, daß man auf dem Bürgersteig radelt. In der Werkstatt läuft ein alter Pioneer-Receiver. Die Seife riecht nach Orangen. Ich nehme einen tiefen Zug. Und fahre zurück durch die kühle Nacht.
Neulich habe ich einem geschätzten schwarzen Mitbewohner mit Verve erklärt, daß ich kein Weißer bin. Er hat zugestimmt, in dem Sinn wie es von mir gemeint war. Schwarz-Weiß als Kulturbegriff. Aber hier kann niemand entkommen. Der legale Rassismus ist nicht lange her. Rosa Parks coole Busaktion fand 1955 statt. Sie weigerte sich, für einen Weißen den Sitzplatz zu räumen und wurde dafür verhaftet. Martin Luther Kings Marsch nach Washington war 1963. In diesem Sinn ist Obama kein Schwarzer, wurde mir erklärt. Seine Mutter war eine Weiße, sein Vater Afrikaner.
Ich höre wieder dem Jazz zu. Ein Tick zu melodisch für meine Ohren. Aber ich mag es, wenn Trompete und Tenorsaxophon synchron die gleiche Melodie spielen. Frage den Barmann nach einem Tee. Nach langem Wühlen zuckt er mit den Schultern. Hier trinkt keiner Tee. Zumindest ich muß noch fahren. Das ist eine Kneipe für den ordinary American von den 40ern an aufwärts. Hier hängen keine Sportfernseher an den Wänden, wie bei den Etablissements für die jüngere Generation. Nun, nicht für ganz Gallien. Gestern abend bin ich zu einer alten, ausgedienten Polizeiwache gefahren. Precinct 17. Darin befindet sich eine große Fahrradwerkstatt. Voller Räder, Reifen, Bremsen, Lenker, Werkzeug. Sie schrauben hier Räder zusammen, bemalen sie und fertig ist das Radsharing Programm. Buffalo Blue Bicycle. Mein Rad hat nun keine 8 mehr im Hinterrad und statt 4 fast 10 Gänge. Erinnert mich an das Meerbaumhaus in Moabit. Nur sind die Leute hier jünger. Und das Haus wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt, die auch Strom und Gas bezahlt. Respekt. Bei nur 2 Straßen, die hier Radstreifen haben, und Autofahrern, die erwarten, daß man auf dem Bürgersteig radelt. In der Werkstatt läuft ein alter Pioneer-Receiver. Die Seife riecht nach Orangen. Ich nehme einen tiefen Zug. Und fahre zurück durch die kühle Nacht.
September 04, 2008
Der japanische Garten
Ich fahre durch die East Side. Die Gegend mit den größten Problemen der Stadt. Viele Häuser leer, Fenster und Türen sind mit Brettern vernagelt. Gesprayte Symbole besagen, daß es unsicher ist, die Häuser zu betreten. Hinweise für die Feuerwehr. Dazwischen spielende Kinder, Erwachsene auf der Veranda, alles African Americans. Die Zeit vergeht hier langsam. Die Eckläden sind wie Festungen gesichert. Dort gibt es Lebensmittel, Toastbrot, Coke im Neonlicht. Die East Side war das Siedlungsgebiet der Deutschen und der Polen. Polen sind noch dort, Deutsche nicht. Die Straße wird breiter, mehrspurig und gefährlich. Ich befinde mich auf dem Terrain der Autofahrer, die ungern ausweichen. Als 2 Spuren nach links abbiegen, bin ich am Ziel. Die Mall ist eine der größten in New York, mit 250 Läden. Wahrscheinlich bin ich seit langem der erste, der per Rad kommt - und einer der wenigen, die nichts kaufen werden. Nüchterne Hallen umzingelt von Parkplätzen, ein großes Kino inklusive. Mir gehen die weiten Wegstrecken durch den Kopf, die die Menschen hier zurücklegen, wahrscheinlich ohne es auch nur zu merken. Und mir fällt auf, wie wenig elitär und exklusiv die Läden sind, ihr Design, ihre Ware. Hier gibt es keine Standesdifferenzierung. Die Stühle sind mit dem gefliesten Boden verschraubt, kein Essen kostet auch nur 10 Dollars, dort wo die schnelle Gastronomiemeile ist.
Als ich wieder draußen bin, ist es immer noch hell. Die Sonne scheint wie zuvor, die Autos rauschen dahin auf ihrem Weg. Ich nehme den gleichen Weg zurück und die Leute sitzen noch immer auf ihren Verandas und beobachten den Verkehr. Der Mittelschicht in ihren suburban angelegten Wohnvierteln bleibt das verwehrt. Dort gibt es keine Verandas mit Blick auf die Straße. Dort gibt es auch keinen Durchgangsverkehr, nichts unerwartetes passiert. Aber in den Häusern helfen Flachbildschirme aus - die aus den Malls . Vor ein paar Tagen habe ich den japanischen Garten Buffalos besucht. Nur japanische Gärten geben mir dieses Gefühl von Frieden, Schönheit und Zeitlosigkeit. Sie versöhnen mich mit dem Widerspruch von Natur, die bis ins Kleinste geplant worden ist und dann Kultur genannt wird. Diesem Garten ist anzumerken, daß nicht viel Geld zur Verfügung stand, als er angelegt wurde. Eine nahe Hauptverkehrsstraße bestimmt die Akustik und wird zum Symbol der anderen Welt. Vor ein paar Jahren kamen Gärtner aus Japan, um ihn zu überarbeiten. Was haben sie hier empfunden? Ich spüre die Stärke des Gartens. Der Straßenlärm stört nicht mehr. Er wird vom Garten als Teil des Lebens akzeptiert. Ich sehe Fische. Und ein ferngesteuertes Spielzeugschnellboot den See entlangrasen. Die Fische scheint es nicht zu stören. Mich auch nicht. Nicht mehr.
Als ich wieder draußen bin, ist es immer noch hell. Die Sonne scheint wie zuvor, die Autos rauschen dahin auf ihrem Weg. Ich nehme den gleichen Weg zurück und die Leute sitzen noch immer auf ihren Verandas und beobachten den Verkehr. Der Mittelschicht in ihren suburban angelegten Wohnvierteln bleibt das verwehrt. Dort gibt es keine Verandas mit Blick auf die Straße. Dort gibt es auch keinen Durchgangsverkehr, nichts unerwartetes passiert. Aber in den Häusern helfen Flachbildschirme aus - die aus den Malls . Vor ein paar Tagen habe ich den japanischen Garten Buffalos besucht. Nur japanische Gärten geben mir dieses Gefühl von Frieden, Schönheit und Zeitlosigkeit. Sie versöhnen mich mit dem Widerspruch von Natur, die bis ins Kleinste geplant worden ist und dann Kultur genannt wird. Diesem Garten ist anzumerken, daß nicht viel Geld zur Verfügung stand, als er angelegt wurde. Eine nahe Hauptverkehrsstraße bestimmt die Akustik und wird zum Symbol der anderen Welt. Vor ein paar Jahren kamen Gärtner aus Japan, um ihn zu überarbeiten. Was haben sie hier empfunden? Ich spüre die Stärke des Gartens. Der Straßenlärm stört nicht mehr. Er wird vom Garten als Teil des Lebens akzeptiert. Ich sehe Fische. Und ein ferngesteuertes Spielzeugschnellboot den See entlangrasen. Die Fische scheint es nicht zu stören. Mich auch nicht. Nicht mehr.
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