Die Reise ist zu Ende. Wann die nächste beginnt?
Hoffentlich bald...
Danke fürs Lesen.
August 21, 2009
July 18, 2009
Auf Tour
13.07.09: Shreveport, Bossier City, Louisiana.
Shotgun Shacks werden plattgemacht. Die alten kleinen Häuser, die so typisch für die Zeit waren, daß sie diesen Namen bekamen. Arm und reich sind nur durch eine Straße getrennt. Die wirtschaftliche Basis von Shreveport ist schnell erfaßt. Militär und Casinos. Aufgrund rechtlicher, also moralischer Regeln, findet das Spielen auf Flußbooten statt, die Hotels sind die höchsten Gebäude in der Downtown.
16.07.09: Salt Lake City, Utah
Die Mormonenstadt. Ihr Hauptquartier sieht aus wie das eines Konzerns. Dazu alte Gebäude aus der Zeit der Gründung der Stadt durch die Mormonen (Latter Day Saints). Eine schöne Downtown, aber auf den Salzsee muß ich verzichten. Die Black Keys spielen zu zweit, Gesang, Gitarre, Schlagzeug - lautstarken Rock'n Roll. In meiner Herberge sind sie in der Nacht besoffen, die Männer die hier untergekommen sind. In einem alternativen Buchladen begegnet mir Edward Abbeys "Monkey Wrench Gang" wieder, das Buch, das ein paar junge Mormonen, neben denen ich gecampt hatte, 1990 am Grand Canyon gelesen hatten. Sweet.
18.07.09: El Paso, Texas
Die amerikanische Seite des amerikanischen Traumes. Mexikanische Gesichter überall. Haarschnitt vier Dollars. Mexiko auf der anderen Seite des Flusses. Menschenschlangen auf der einzigen Fußgängerbrücke, die auf die andere Seite führt. El Paso ist voller Ramschläden, made in China. Sie nutzen die Gebäude längst vergangener Warenhäuser ohne auch nur einen Dollar in deren Erhaltung zu investieren. Viele Details zeugen von der gebauten Vergangenheit. die trockene Hitzé der Rocky Mountains, alte Pick Up Trucks; kleine Familienrestaurants servieren mexikanisches Essen. Alles schließt weit vor Sonnenuntergang. Ich teile mein Zimmer mit einem kleinen alten Franzosen, dessen Hemd seit den 70ern im Einsatz scheint. Auch er hat Nächte im Bus verbracht, aber ihm gefällt nicht, was er hier sieht. Vielleicht überall in diesem Land.
20.07.09: Denver, Colorado
Denver hat nicht die Probleme vieler amerikanischer Downtowns. Hier wird geschlendert, Geld ausgegeben, für Dinge, die man nicht braucht, hier sind Stühle in die Fußgängerzone gestellt - eine Einladung sich zu setzen, die in US-Städten nicht oft zu sehen ist. Denver hat beide Arten von Architektur, die einzigartige und die fantasielose, die Langeweile billiger Bürotürme. Ich besuche erneut den japanischen Platz. Denver hatte japanische Amerikaner aufgenommen, die anderswo in den USA verfolgt wurden. Zweiter Weltkrieg. Ich frage eine Amerikanerin nach einem Cafe', das mich das letzte Mal beeindruckt hatte. Hohe Tortenkunst, altes Gebäude, viele Leckereien, Salate, gelassene Atmosphäre. Sie arbeitet in einem der Hochhausbüros. Verläßt das Gebäude nur, um nach Hause zu fahren. Kennt keine Stadtcafes. Ich finde es, ordere ein Mango-Smoothie, purer Luxus, dreieinhalb Dollars.
21.07.09: Chicago, Illinois
60 Meilen vor Chicago beginnt der Verkehr zu stocken. Auf allen Spuren, in beiden Richtungen. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten bis zum Horizont. Chicago ist keine Stadt; nach all den Feldern, der Prairie, den Ranches in der Steppe, den Bergen, erscheint sie mir wie eine andere Wirklichkeit.
26.07.09: Berlin, Germany
Zurück.
Dort wieder angekommen, wo ich vor 6 Monaten in Kälte und Dunkelheit frühmorgens auf den Bus zum Flughafen gewartet hatte, als wäre es nicht wirklich, als wäre nichts wirklich. Das gleiche Gefühl begrüßt mich als zurückkehre.
Meine rauhe Mauerstadt.
Shotgun Shacks werden plattgemacht. Die alten kleinen Häuser, die so typisch für die Zeit waren, daß sie diesen Namen bekamen. Arm und reich sind nur durch eine Straße getrennt. Die wirtschaftliche Basis von Shreveport ist schnell erfaßt. Militär und Casinos. Aufgrund rechtlicher, also moralischer Regeln, findet das Spielen auf Flußbooten statt, die Hotels sind die höchsten Gebäude in der Downtown.
16.07.09: Salt Lake City, Utah
Die Mormonenstadt. Ihr Hauptquartier sieht aus wie das eines Konzerns. Dazu alte Gebäude aus der Zeit der Gründung der Stadt durch die Mormonen (Latter Day Saints). Eine schöne Downtown, aber auf den Salzsee muß ich verzichten. Die Black Keys spielen zu zweit, Gesang, Gitarre, Schlagzeug - lautstarken Rock'n Roll. In meiner Herberge sind sie in der Nacht besoffen, die Männer die hier untergekommen sind. In einem alternativen Buchladen begegnet mir Edward Abbeys "Monkey Wrench Gang" wieder, das Buch, das ein paar junge Mormonen, neben denen ich gecampt hatte, 1990 am Grand Canyon gelesen hatten. Sweet.
18.07.09: El Paso, Texas
Die amerikanische Seite des amerikanischen Traumes. Mexikanische Gesichter überall. Haarschnitt vier Dollars. Mexiko auf der anderen Seite des Flusses. Menschenschlangen auf der einzigen Fußgängerbrücke, die auf die andere Seite führt. El Paso ist voller Ramschläden, made in China. Sie nutzen die Gebäude längst vergangener Warenhäuser ohne auch nur einen Dollar in deren Erhaltung zu investieren. Viele Details zeugen von der gebauten Vergangenheit. die trockene Hitzé der Rocky Mountains, alte Pick Up Trucks; kleine Familienrestaurants servieren mexikanisches Essen. Alles schließt weit vor Sonnenuntergang. Ich teile mein Zimmer mit einem kleinen alten Franzosen, dessen Hemd seit den 70ern im Einsatz scheint. Auch er hat Nächte im Bus verbracht, aber ihm gefällt nicht, was er hier sieht. Vielleicht überall in diesem Land.
20.07.09: Denver, Colorado
Denver hat nicht die Probleme vieler amerikanischer Downtowns. Hier wird geschlendert, Geld ausgegeben, für Dinge, die man nicht braucht, hier sind Stühle in die Fußgängerzone gestellt - eine Einladung sich zu setzen, die in US-Städten nicht oft zu sehen ist. Denver hat beide Arten von Architektur, die einzigartige und die fantasielose, die Langeweile billiger Bürotürme. Ich besuche erneut den japanischen Platz. Denver hatte japanische Amerikaner aufgenommen, die anderswo in den USA verfolgt wurden. Zweiter Weltkrieg. Ich frage eine Amerikanerin nach einem Cafe', das mich das letzte Mal beeindruckt hatte. Hohe Tortenkunst, altes Gebäude, viele Leckereien, Salate, gelassene Atmosphäre. Sie arbeitet in einem der Hochhausbüros. Verläßt das Gebäude nur, um nach Hause zu fahren. Kennt keine Stadtcafes. Ich finde es, ordere ein Mango-Smoothie, purer Luxus, dreieinhalb Dollars.
21.07.09: Chicago, Illinois
60 Meilen vor Chicago beginnt der Verkehr zu stocken. Auf allen Spuren, in beiden Richtungen. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten bis zum Horizont. Chicago ist keine Stadt; nach all den Feldern, der Prairie, den Ranches in der Steppe, den Bergen, erscheint sie mir wie eine andere Wirklichkeit.
26.07.09: Berlin, Germany
Zurück.
Dort wieder angekommen, wo ich vor 6 Monaten in Kälte und Dunkelheit frühmorgens auf den Bus zum Flughafen gewartet hatte, als wäre es nicht wirklich, als wäre nichts wirklich. Das gleiche Gefühl begrüßt mich als zurückkehre.
Meine rauhe Mauerstadt.
July 09, 2009
Die Nacht, die nie vergeht
Die letzte Nacht in Cincy.
Auf den Stufen der Front Porch. Der Mond scheint, die Hunde heulen. Es ist so warm, daß hier keiner die Sonne braucht. Dies ist die richtige Stadt für die Nacht. Würde die Sonne nie mehr aufgehen, wäre dies der Ort, sie nicht zu vermissen.
Nicht weit von hier gibt es eine Stelle, von der man auf die Downtown hinabschauen kann, auf die Tageswelt. Dort unten wird das Geld verdient, dort unten klingeln die Telefone, stehen "Cubicles" in Bürotürmen, dort unten ist das Vermächtnis der katholischen Deutschen des 19. Jahrhunderts ein Viertel, in dem sie stolz die Festnahmen zählen. Die, die das Viertel auf Vordermann bringen sollen. Über 1.000 im letzten Jahr - bei 7.000 Einwohnern.
Hier oben ist das ohne Bedeutung. Hier zogen diejenigen hin, die sich größere Häuser, mehr Land und bessere Luft leisten konnten. Aber auch das ist vorbei. Die Kinder spielen auf der Straße. Schwarze und weiße. Und Michael Jackson beschallt die Gegend. Im Bus verkauft einer der Fahrerin Bücher aus der Tüte. Sie wirft beim Fahren einen Blick auf die Schmöker und zahlt drei Dollars. Ein Obdachloser steigt ein, trägt Mundschutz wie im OP, wünscht einen Guten. Die Fahrgäste grüßen zurück. Eine Schwarze steckt einem weißen Bettler Geld zu. Cincys Botschaft ist auf der Straße ablesbar, eindeutig.
Ich hoffe, daß die Nacht noch lange währt.
Auf den Stufen der Front Porch. Der Mond scheint, die Hunde heulen. Es ist so warm, daß hier keiner die Sonne braucht. Dies ist die richtige Stadt für die Nacht. Würde die Sonne nie mehr aufgehen, wäre dies der Ort, sie nicht zu vermissen.
Nicht weit von hier gibt es eine Stelle, von der man auf die Downtown hinabschauen kann, auf die Tageswelt. Dort unten wird das Geld verdient, dort unten klingeln die Telefone, stehen "Cubicles" in Bürotürmen, dort unten ist das Vermächtnis der katholischen Deutschen des 19. Jahrhunderts ein Viertel, in dem sie stolz die Festnahmen zählen. Die, die das Viertel auf Vordermann bringen sollen. Über 1.000 im letzten Jahr - bei 7.000 Einwohnern.
Hier oben ist das ohne Bedeutung. Hier zogen diejenigen hin, die sich größere Häuser, mehr Land und bessere Luft leisten konnten. Aber auch das ist vorbei. Die Kinder spielen auf der Straße. Schwarze und weiße. Und Michael Jackson beschallt die Gegend. Im Bus verkauft einer der Fahrerin Bücher aus der Tüte. Sie wirft beim Fahren einen Blick auf die Schmöker und zahlt drei Dollars. Ein Obdachloser steigt ein, trägt Mundschutz wie im OP, wünscht einen Guten. Die Fahrgäste grüßen zurück. Eine Schwarze steckt einem weißen Bettler Geld zu. Cincys Botschaft ist auf der Straße ablesbar, eindeutig.
Ich hoffe, daß die Nacht noch lange währt.
July 04, 2009
Himmelswege in der Porkopolis
Grün leuchten die Glühwürmchen, Fourth of July. In der Downtown zeigen sie den Film “Independence Day”, auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt. Man kann einen Campingstuhl mitnehmen und sogar Alkohol ist erlaubt, Schilder weisen darauf hin, bis wohin man ihn mit sich führen darf. Der Regen in Price Hill, meinem Viertel, läßt die Knaller und Rauchbomben, die Rauchschwaden vom Grillen auf den Verandas, zu einem Nebelteppich werden. Die Schnapsflaschen aus dem Supermarkt haben hier 21% Alkohol. "Booze" wird abgeregelt.
Der größte Wolkenkratzer wurde 1930 gebaut. 49 Stockwerke, genau die richtige Höhe, um die Stadt von einer ganz neuen Seite zu sehen. Die Ästhetik der Schnellstraßen von oben.
Vor dem Hamburgerladen unterhalten sich die Männer darüber, welche Pistolenkaliber die besten sind, sie sitzen auf ihren Motorhauben. Karl Malden ist vor kurzem gestorben. Der Besonnene mit Knollennase und Schlapphut in „Die Straßen von San Francisco“. Im Radio erzählen zwei alte Farmer aus Minnesota, wie sie im zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben. Wehrpflicht. Bis zur 5.Klasse haben sie selbst nur deutsch gesprochen. Danach waren sie noch in ein paar weiteren Kriegen eingesetzt.
In den ersten beiden Etagen kann man Uhren erwerben, Schuhe, Taschentelefone und BHs in allen Farben; Victoria’s Secrets. Rückenmassagen in 10 Minuten und Kaffee. Der "Food Court" versammelt 8 Schnellküchen für den Lunch, Tische und Stühle in der Mitte, kein Essen kostet mehr als 7 Dollars. Die Büromenschen finden hier alles, was sie brauchen, während von draußen nichts darauf hinweist, was man hier kaufen, essen und trinken kann. In der Außenwelt gibt es nicht viele Läden. Man fährt nicht zum Einkaufen in die Downtown, sondern um zu arbeiten.
Der Hauptbahnhof wurde 1933 gebaut und genau so sieht er aus. Wunderschöne Architektur, hätte Adolf auch gefallen. Davor ein paar Dinosaurier und Schulkinder. Er beherbergt mehrere Museen. Ich bin überrascht, als ich erfahre, daß hier tatsächlich noch Züge halten. Es sind zwei und sie kommen in der Nacht, einer fährt nach Chicago. Im Keller ist die Bibliothek der Cincinnati Historical Society untergebracht. Das Territorium strenger Regeln. Ausweis zeigen, persönliche Daten eintragen, kein Gepäck, kein Wasser, keine Kugelschreiber. Kameras überall. Aber wie immer, hilfsbereites Personal, wahrscheinlich ehrenamtlich. In Buffalo wurde ich gebeten, Handschuhe überzuziehen, um die alten Fotos nicht zu berühren. Hier geht das ohne.
„Skywalks“ werden die Übergänge zwischen den Bürotürmen genannt, eine Etage über der Erde, von einem Gebäude zum nächsten, ohne die Straßen betreten zu müssen, seit den 1970ern. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jährlich über 200.000 Schweine durch diese Straßen zu den Schlachthöfen getrieben. Die Passanten hatten kaum ein Durchkommen. Das lange Gedächtnis der Stadt. Vielleicht hat es ein bißchen zu sehr gedauert, bis man auf die Übergänge in luftiger Höhe kam. Aber solche Verbindungen sind auch bei Rassenunruhen angenehm. 2001 gab es die letzten in dieser Stadt, die schwersten seit Los Angeles. Die Polizei hatte über die Jahre zu viele Schwarze erschossen. Dabei ist das die Stadt, in der ich am wenigsten Rassentrennung erlebe. Zumindest in der Unterschicht läuft das schon sehr gut.
Ich mag den Regen hier, er ist warm und leise. Genau das Richtige, um in der Dämmerung durch die Straßen zu laufen, gedankenlos, die Natur wiederzufinden. Das grüne Licht der Glühwürmchen begleitet mich durch die Nacht.
Der größte Wolkenkratzer wurde 1930 gebaut. 49 Stockwerke, genau die richtige Höhe, um die Stadt von einer ganz neuen Seite zu sehen. Die Ästhetik der Schnellstraßen von oben.
Vor dem Hamburgerladen unterhalten sich die Männer darüber, welche Pistolenkaliber die besten sind, sie sitzen auf ihren Motorhauben. Karl Malden ist vor kurzem gestorben. Der Besonnene mit Knollennase und Schlapphut in „Die Straßen von San Francisco“. Im Radio erzählen zwei alte Farmer aus Minnesota, wie sie im zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben. Wehrpflicht. Bis zur 5.Klasse haben sie selbst nur deutsch gesprochen. Danach waren sie noch in ein paar weiteren Kriegen eingesetzt.
In den ersten beiden Etagen kann man Uhren erwerben, Schuhe, Taschentelefone und BHs in allen Farben; Victoria’s Secrets. Rückenmassagen in 10 Minuten und Kaffee. Der "Food Court" versammelt 8 Schnellküchen für den Lunch, Tische und Stühle in der Mitte, kein Essen kostet mehr als 7 Dollars. Die Büromenschen finden hier alles, was sie brauchen, während von draußen nichts darauf hinweist, was man hier kaufen, essen und trinken kann. In der Außenwelt gibt es nicht viele Läden. Man fährt nicht zum Einkaufen in die Downtown, sondern um zu arbeiten.
Der Hauptbahnhof wurde 1933 gebaut und genau so sieht er aus. Wunderschöne Architektur, hätte Adolf auch gefallen. Davor ein paar Dinosaurier und Schulkinder. Er beherbergt mehrere Museen. Ich bin überrascht, als ich erfahre, daß hier tatsächlich noch Züge halten. Es sind zwei und sie kommen in der Nacht, einer fährt nach Chicago. Im Keller ist die Bibliothek der Cincinnati Historical Society untergebracht. Das Territorium strenger Regeln. Ausweis zeigen, persönliche Daten eintragen, kein Gepäck, kein Wasser, keine Kugelschreiber. Kameras überall. Aber wie immer, hilfsbereites Personal, wahrscheinlich ehrenamtlich. In Buffalo wurde ich gebeten, Handschuhe überzuziehen, um die alten Fotos nicht zu berühren. Hier geht das ohne.
„Skywalks“ werden die Übergänge zwischen den Bürotürmen genannt, eine Etage über der Erde, von einem Gebäude zum nächsten, ohne die Straßen betreten zu müssen, seit den 1970ern. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jährlich über 200.000 Schweine durch diese Straßen zu den Schlachthöfen getrieben. Die Passanten hatten kaum ein Durchkommen. Das lange Gedächtnis der Stadt. Vielleicht hat es ein bißchen zu sehr gedauert, bis man auf die Übergänge in luftiger Höhe kam. Aber solche Verbindungen sind auch bei Rassenunruhen angenehm. 2001 gab es die letzten in dieser Stadt, die schwersten seit Los Angeles. Die Polizei hatte über die Jahre zu viele Schwarze erschossen. Dabei ist das die Stadt, in der ich am wenigsten Rassentrennung erlebe. Zumindest in der Unterschicht läuft das schon sehr gut.
Ich mag den Regen hier, er ist warm und leise. Genau das Richtige, um in der Dämmerung durch die Straßen zu laufen, gedankenlos, die Natur wiederzufinden. Das grüne Licht der Glühwürmchen begleitet mich durch die Nacht.
June 19, 2009
Die beste Winterjacke, die ich je hatte
Dies ist der Süden der Nordstaaten. Ohio River. 32 Grad im Schatten. Als wäre New Orleans gleich um die Ecke. Wegen der Hitze in den Häusern ist nachts das Wohnzimmer draußen, solange es eben geht. Platzregen - eine Erlösung. Warmes Wasser prallt auf Asphalt und Beton. Und fließt in die Autos, deren zerschlagene Seitenscheiben nur notdürftig durch Plastikfolie ersetzt wurden. Hier kann man auch ohne Kotflügel fahren und mit Reifen, deren Profil nicht mehr erkennbar ist. Formel 1 fährt auch nicht anders. Der Regen ist zu stark, ich nehme den Bus zurück aus der Innenstadt. Das Rad kommt auf ein Gestell vor das Fahrzeug, gratis.
Ich habe mich längst daran gewöhnt, daß die Leute, die ihre Brötchen in der Kranken- und Altenpflege verdienen, ihre Arbeitskleidung auf der Straße tragen. Diese charakteristisch blau-lila-rot gemusterten Oberteile mit den blauen Hosen. Ein Tarnmuster für den Einsatz in dem Wirtschaftssektor mit den rosigsten Aussichten. Die Frau, die mit ihrer Kollegin zusteigt, trägt zusätzlich ein Stethoskop, lässig um den Hals baumelnd. Viele Dinge haben ihre symbolische Bedeutung. Die beste Winterjacke, die ich je hatte, gehört hier zur Standardausstattung von Obdachlosen und plötzlich spürte ich die Blicke der Anderen. Die Büromenschen tragen blütenweiße Hemden und unlesbare Plastikausweise am Gürtel, wo sie auch immer herumlaufen. Und ganz andere Jacken.
Die Kollegin der Stethoskopin treffe ich im Supermarkt wieder. Sie spricht mich an, ganz auf die Nette. Kinder, jobben, Schule, Busgeld. Sie will für mich bezahlen, mit ihrer Geldkarte vom Staat, und dafür Bares zurück. Hier scheinen diese elektronischen „Food Stamps“ weiter verbreitet als Kreditkarten, in einem Land, in dem deren Zahl die Geldbörsen verstopft. Ist eine am Ende der Kreditlinie angekommen („Maxed out“), hilft die nächste weiter. Ich lehne höflich ab. Erkläre ihr, daß ich als Ausländer wahrscheinlich innerhalb von 10 Minuten deportiert würde. Der große Bruder sieht alles.
Ich zwinkere in die Kameras und wuchte eine Gallone O-Saft auf das Band. 80 Gramm Zucker pro Liter – keine Chance, dem Dicksein zu entgehen. Man kann hier viele Geschichten über Lebensmittel erzählen. Pepsi wird derzeit als Retro-Variante angeboten, "mit echtem Zucker", wie in der guten alten Zeit. Was heute süß schmeckt, ist aus "High Fructose Corn Syrup" gemacht. Viel billiger als Zucker. Um die 30 kg pro Jahr soll der gemeine Amerikaner davon zu sich nehmen. Nicht daß Europäer weniger gesüßt wären. Das Zeug ist in so ziemlich allem enthalten. Ich schaue mich um. Die fette Kassiererin. Die zahnlose Angestellte, die die Tüten füllt.
Im Aussortieren sind wir einfach besser. Hier werden sogar 60Jährige eingestellt. Und ich habe tatsächlich eine Frau bei der Müllabfuhr gesehen. Das würde uns nicht passieren. Unser Genius wurde im lokalen Radio kürzlich angezweifelt. Ob man 6.Klässler in Deutschland wirklich so treffend vorbestimmen könne. Akademiker oder Handwerker. Wir kriegen das doch schon viel früher hin, hatte ich sofort gemurmelt. Aber für die im Radio war ich wohl zu leise.
Ich zahle bar, wie immer. Draußen steht die Hitze und es gibt echte Sterne am Nachthimmel.
Ich habe mich längst daran gewöhnt, daß die Leute, die ihre Brötchen in der Kranken- und Altenpflege verdienen, ihre Arbeitskleidung auf der Straße tragen. Diese charakteristisch blau-lila-rot gemusterten Oberteile mit den blauen Hosen. Ein Tarnmuster für den Einsatz in dem Wirtschaftssektor mit den rosigsten Aussichten. Die Frau, die mit ihrer Kollegin zusteigt, trägt zusätzlich ein Stethoskop, lässig um den Hals baumelnd. Viele Dinge haben ihre symbolische Bedeutung. Die beste Winterjacke, die ich je hatte, gehört hier zur Standardausstattung von Obdachlosen und plötzlich spürte ich die Blicke der Anderen. Die Büromenschen tragen blütenweiße Hemden und unlesbare Plastikausweise am Gürtel, wo sie auch immer herumlaufen. Und ganz andere Jacken.
Die Kollegin der Stethoskopin treffe ich im Supermarkt wieder. Sie spricht mich an, ganz auf die Nette. Kinder, jobben, Schule, Busgeld. Sie will für mich bezahlen, mit ihrer Geldkarte vom Staat, und dafür Bares zurück. Hier scheinen diese elektronischen „Food Stamps“ weiter verbreitet als Kreditkarten, in einem Land, in dem deren Zahl die Geldbörsen verstopft. Ist eine am Ende der Kreditlinie angekommen („Maxed out“), hilft die nächste weiter. Ich lehne höflich ab. Erkläre ihr, daß ich als Ausländer wahrscheinlich innerhalb von 10 Minuten deportiert würde. Der große Bruder sieht alles.
Ich zwinkere in die Kameras und wuchte eine Gallone O-Saft auf das Band. 80 Gramm Zucker pro Liter – keine Chance, dem Dicksein zu entgehen. Man kann hier viele Geschichten über Lebensmittel erzählen. Pepsi wird derzeit als Retro-Variante angeboten, "mit echtem Zucker", wie in der guten alten Zeit. Was heute süß schmeckt, ist aus "High Fructose Corn Syrup" gemacht. Viel billiger als Zucker. Um die 30 kg pro Jahr soll der gemeine Amerikaner davon zu sich nehmen. Nicht daß Europäer weniger gesüßt wären. Das Zeug ist in so ziemlich allem enthalten. Ich schaue mich um. Die fette Kassiererin. Die zahnlose Angestellte, die die Tüten füllt.
Im Aussortieren sind wir einfach besser. Hier werden sogar 60Jährige eingestellt. Und ich habe tatsächlich eine Frau bei der Müllabfuhr gesehen. Das würde uns nicht passieren. Unser Genius wurde im lokalen Radio kürzlich angezweifelt. Ob man 6.Klässler in Deutschland wirklich so treffend vorbestimmen könne. Akademiker oder Handwerker. Wir kriegen das doch schon viel früher hin, hatte ich sofort gemurmelt. Aber für die im Radio war ich wohl zu leise.
Ich zahle bar, wie immer. Draußen steht die Hitze und es gibt echte Sterne am Nachthimmel.
June 10, 2009
Schweinestadt, auf Lunge
Ich atme die Luft ein, auf dem nächtlichen Weg durch mein neues Viertel in Cincinnati, Ohio. Vielleicht hat jede Stadt ihren eigenen Geruch. Lokale Kultur, die nicht in den Büchern steht. Es ist stickig warm, die Luft steht und riecht nach Mäusen. Vor den Häusern sitzen Leute, hören Hip Hop oder tragen Hautbemalung zu Kurzhaarschnitten und weißen Unterhemden. Aber zuerst kommt das Fressen. Ich laufe zum Supermarkt. Die Firma hat hier ihr Hauptquartier und keine Konkurrenz in der Stadt. Es gibt auch nur wegen der Uni einen Radladen für die 330.000 Einwohner, aber das spielt keine Rolle. Wer richtig einkaufen will, fährt sowieso in die Suburbs. Für die Underdogs in der Stadt bleiben die Eindollarketten und die Corner Stores, kleine Läden für alles was man so braucht, meist gut gesichert und in rottigem Zustand.
Am nächsten Tag sehe ich die Cops. Sie sehen aus wie russische Marineoffiziere, weiße Hemden, weiße Tellermützen, dunkle Hosen. Es gibt sie auch auf dem Pferd, dem Mountain Bike und auf Segways, den Elektrorollern, die anderswo Touristen beglücken sollen. Ich frage einen nach den Gesetzen der Straße – denen für Leute auf dem Rad. Seine Augen versteckt eine Oakleybrille, die die Wüstensoldaten so schätzen. Ich könne überall fahren, auch auf diesen autobahnähnlichen Straßen, kein Problem. Dort zu Überleben muß mir aber auch gelingen.
Die Deutschen waren die größte Einwanderergruppe der Stadt. Mit ihnen kamen die Schweine. Es entwickelte sich eine Schlachtindustrie, aus den Fetten wurden dann Seifen gemacht. Der Beginn der chemischen Industrie. Die Firma Procter&Gamble ist hier groß geworden. Als ich in die Innenstadt laufe, fällt mir das Atmen immer schwerer. Abgase, wie ich sie lange nicht mehr genossen habe. Kein reiner Dieselruß, wie in unseren Städten zunehmend schick. Staubig bleischwere Luft. Vielleicht eine Inversionswetterlage. Ich muß eh nach dem Weg fragen, erwähne beiläufig, wie schwer mir hier das Atmen fällt. Die Frau ist überrascht, was Touristen alles fragen. Gut, wenn alle das in ihre Lungen füllen, will ich mich nicht so anstellen. Hier ist man halt nicht zimperlich mit der Luft.
Ich erreiche die Hauptbibliothek. Tolles Gebäude, lichtdurchflutet, die Bücherei mit der stärksten Nutzung in den USA. Die Public Libraries des Landes sind eine kulturelle Errungenschaft. Alle Bibliothekare, die mir bisher über den Weg gelaufen sind, ernsthaft, qualifiziert und hilfsbereit. Sie bewahren das Wissen über die Geschichte ihrer Städte, Zeitungsartikel aus dem frühen 20. Jahrhundert in Heftern oder auf Mikrofilm, Einwandererregister. Und es gibt Leute, die das alles auch nutzen. Dazu Sessel, ein Lesegarten, Essen und Trinken, viele Computer für das Internet. Aber eines gibt es nicht. Der Uniformierte hat jemanden mit geschlossenen Augen erwischt. Einnicken wird nicht toleriert. Die Kultur des Wachseins bestimmt die Regeln. Koffein, maximale Produktivität zu jeder Zeit, Büros ohne Fenster, Essen im Gehen, Telefon am Gürtel, Bluetooth am Ohr, aber nie die Augen schließen. Oder sie mit Wüstengläsern bedecken.
Am nächsten Tag sehe ich die Cops. Sie sehen aus wie russische Marineoffiziere, weiße Hemden, weiße Tellermützen, dunkle Hosen. Es gibt sie auch auf dem Pferd, dem Mountain Bike und auf Segways, den Elektrorollern, die anderswo Touristen beglücken sollen. Ich frage einen nach den Gesetzen der Straße – denen für Leute auf dem Rad. Seine Augen versteckt eine Oakleybrille, die die Wüstensoldaten so schätzen. Ich könne überall fahren, auch auf diesen autobahnähnlichen Straßen, kein Problem. Dort zu Überleben muß mir aber auch gelingen.
Die Deutschen waren die größte Einwanderergruppe der Stadt. Mit ihnen kamen die Schweine. Es entwickelte sich eine Schlachtindustrie, aus den Fetten wurden dann Seifen gemacht. Der Beginn der chemischen Industrie. Die Firma Procter&Gamble ist hier groß geworden. Als ich in die Innenstadt laufe, fällt mir das Atmen immer schwerer. Abgase, wie ich sie lange nicht mehr genossen habe. Kein reiner Dieselruß, wie in unseren Städten zunehmend schick. Staubig bleischwere Luft. Vielleicht eine Inversionswetterlage. Ich muß eh nach dem Weg fragen, erwähne beiläufig, wie schwer mir hier das Atmen fällt. Die Frau ist überrascht, was Touristen alles fragen. Gut, wenn alle das in ihre Lungen füllen, will ich mich nicht so anstellen. Hier ist man halt nicht zimperlich mit der Luft.
Ich erreiche die Hauptbibliothek. Tolles Gebäude, lichtdurchflutet, die Bücherei mit der stärksten Nutzung in den USA. Die Public Libraries des Landes sind eine kulturelle Errungenschaft. Alle Bibliothekare, die mir bisher über den Weg gelaufen sind, ernsthaft, qualifiziert und hilfsbereit. Sie bewahren das Wissen über die Geschichte ihrer Städte, Zeitungsartikel aus dem frühen 20. Jahrhundert in Heftern oder auf Mikrofilm, Einwandererregister. Und es gibt Leute, die das alles auch nutzen. Dazu Sessel, ein Lesegarten, Essen und Trinken, viele Computer für das Internet. Aber eines gibt es nicht. Der Uniformierte hat jemanden mit geschlossenen Augen erwischt. Einnicken wird nicht toleriert. Die Kultur des Wachseins bestimmt die Regeln. Koffein, maximale Produktivität zu jeder Zeit, Büros ohne Fenster, Essen im Gehen, Telefon am Gürtel, Bluetooth am Ohr, aber nie die Augen schließen. Oder sie mit Wüstengläsern bedecken.
June 07, 2009
On the Rocks
Buffalo, die vergessene Stadt. Mit ihren ethnischen Vierteln und Schachbrettmusterstraßen. Der vergoldeten Kuppel der alten Bank, dem Sandsteinwolkenkratzer der Bürgermeister aus einer anderen Zeit, der eiskalten Luft noch im Juni. Das Leben ist friedlich auf der Veranda. Die Stadt, in der jeder etwas von den anderen weiß und in der einst doppelt so viele Menschen lebten.
Der Koffer ist randvoll. Ich schenke einem meiner Mitbewohner einen Atlas, ein Hemd. Er zeigt mir einen Baedeker aus den 20ern, was der wert sei. Gebe mein Rad ab, ziehe den Stecker. Nachts noch in eine Bar, der Whiskey geht aufs Haus, ich bin der letzte Gast, on the Rocks. Was für eine Stadt. Etablierte Politik seit Jahrzehnten zum Umblättern. 14.000 Häuser leer und abrißreif. Aber Buffalo ist nicht aus Stein gebaut. Es sind die Menschen. Sie schreiben hier Gedichte und malen in Öl. Verwenden alte Druckmaschinen, organisieren sich, um etwas zu bewegen. Verbinden das Beste aus der Kleinstadt mit den Vorzügen der Metropole. Ich meine die Weißen. In den schwarzen Vierteln Kirchengemeinden und Trostlosigkeit vereint.
Hier war ich bowlen. Seit "The Big Lebowski" gehört der "White Russian" für mich dazu. Ein Cocktail aus dem Jahr 1965. Buffalo liegt am Eriesee. Schnellstraßen riegeln ihn ab und die meisten Bewohner bekommen ihn nie zu Gesicht.
Ich trage mein Gepäck zur Haltestelle. Sie liegt genau vor der Bar der letzten Nacht. Die Stühle sind hochgestellt. Ein letzter Blick. Der Bus fährt an als wäre nichts.
Beim Warten auf den Greyhound nach Cleveland und Cincinnati komme ich mit einem alten Armenier aus Canada ins Gespräch. Ein neuer Tag.
Ich versuche nicht zurückzuschauen.
Der Koffer ist randvoll. Ich schenke einem meiner Mitbewohner einen Atlas, ein Hemd. Er zeigt mir einen Baedeker aus den 20ern, was der wert sei. Gebe mein Rad ab, ziehe den Stecker. Nachts noch in eine Bar, der Whiskey geht aufs Haus, ich bin der letzte Gast, on the Rocks. Was für eine Stadt. Etablierte Politik seit Jahrzehnten zum Umblättern. 14.000 Häuser leer und abrißreif. Aber Buffalo ist nicht aus Stein gebaut. Es sind die Menschen. Sie schreiben hier Gedichte und malen in Öl. Verwenden alte Druckmaschinen, organisieren sich, um etwas zu bewegen. Verbinden das Beste aus der Kleinstadt mit den Vorzügen der Metropole. Ich meine die Weißen. In den schwarzen Vierteln Kirchengemeinden und Trostlosigkeit vereint.
Hier war ich bowlen. Seit "The Big Lebowski" gehört der "White Russian" für mich dazu. Ein Cocktail aus dem Jahr 1965. Buffalo liegt am Eriesee. Schnellstraßen riegeln ihn ab und die meisten Bewohner bekommen ihn nie zu Gesicht.
Ich trage mein Gepäck zur Haltestelle. Sie liegt genau vor der Bar der letzten Nacht. Die Stühle sind hochgestellt. Ein letzter Blick. Der Bus fährt an als wäre nichts.
Beim Warten auf den Greyhound nach Cleveland und Cincinnati komme ich mit einem alten Armenier aus Canada ins Gespräch. Ein neuer Tag.
Ich versuche nicht zurückzuschauen.
May 07, 2009
Home, Sweet Home
Endlich sehe ich einen im Oberhemd. Spreche ihn an, ja es gibt Kunden, die mit dem Rad kommen. Er zeigt mir die Radständer, die im Nebenraum verstaut auf das Aufstellen warten, will wirklich meine Meinung. Der Supermarkt, der Aldi unterbietet und neu ist in unserer Gegend.
Stehe im Regen, einen Hörer in der Hand, Public Phone an der Tanke. Ob sie mich zurückrufen könne, die Verbindung sei so schlecht. Welche Nummer ich habe, die müsse sie eingeben. Der Regen läuft mir in den Nacken. Ich habe keine Nummer, ich muß ein Telefon kaufen, ein drahtloses. Dieses Teufelszeug, ohne das keiner mehr das Haus verläßt. Keine Telefonnummer zu haben, ist nicht vorgesehen. Ich gebe ihr die Nummer, die auf dem Münzapparat notiert ist. Das ist meine. War schon beeindruckend, die Radfahrerin zu beobachten, die freihändig fährt, um ihre SMS zu tippen. Höre Joni Mitchell aus den 70ern, der guten alten Zeit, wünsche mir das einfache Leben herbei, auf dem Sofa sitzend in den Sonnenuntergang zu schauen. Sie singt von California, coming home. Meine Kreditkarte hat keine US-Adresse, wird nicht akzeptiert. Ob sie sonst etwas für mich tun kann.
143 Getränkedosen in den Recyclingautomaten gestopft und dann den Bon vergessen. Ich schaue nach links und rechts, niemand da. Darf ich nehmen, was mir nicht gehört? Ich stecke den Bon ein und stelle mir vor, was ich alles dafür kaufen kann, für mehr als 6 Dollars. Suche Bier und Schokolade aus und komme davon. Fahre mit dem Wäschesack über der Schulter durch den Regen, navigiere um die Schlaglöcher herum, einhändig. Friere im Waschsalon, um auch mein letztes Hemd in die Trommel werfen zu können. Jemand hat acht Quarters liegen lassen, mit denen ich die Maschine füttere. Ich werde mein altes Uhrenradio zurücklassen müssen, das dicke Panasonic mit den Klappziffern, die sich nicht mehr bewegen. Die Community Organizer spendieren die Pizzastücken diesmal erst nach dem Film, damit keiner vorher abhaut, dem das Fressen zuerst kommt. Hundetrick, Ihr Hunde. Über das Trinkwasser und die Konzerne, aber eine echte Diskussion wird nicht erwartet. Daß der Hälfte der Anwesenden bereits einmal das Wasser abgestellt wurde, beeindruckt mich dann doch.
Die Menschen auf den Fotos in den großen alten Fabriken. Haben Autos gebaut wie Musikinstrumente. 65 PS aus sechs Zylindern, 1907, Luxusklasse. Bilder wie aus einer Detektivgeschichte. Ich darf sie nur mit Handschuhen berühren und um Kopien bitten, die gleich mit einem Stempel versehen werden, damit klar ist, wem hier was gehört. In der größten Fabrik haben sie Seife gekocht, aus Schlachtfetten. Buffalo war die Nummer zwei in der Seifenbranche, nach Cincinnati. Die Seifen an die Landfrauen verschickt, denen das Seifenkochen zuhause nicht so recht gelang. Wurde mehr bestellt, gab es eine „Sweet Home“-Lampe dazu, oder einen Sekretär aus Eichenholz mit Indianernamen. Sweet Home aus Seife, Sweet Home aus Buffalo.
Sie schäkert mit dem Manager von McD, um einen Kaffee extra zu bekommen, die Kaffeesahne hat sie mitgebracht, wie wohl jeden Tag. Die mit Schlips bekommen zwei Dollars mehr. Sie ist Gabelstapler gefahren und jetzt in Rente. Spricht nicht mit den Nachbarn, die reden zu viel über die, die gerade nicht dabei sind. Die Sitzpolster sind aufgeschlitzt, die Tische verdreckt, eine Franchise-Filiale. Ich esse Eis für einen Dollar im Plastikbecher und betrachte den akkurat gemähten Rasen durch das Fenster. Eine Angestellte sortiert ihre vielen Tüten in einer Ecke. Bei McD arbeiten und obdachlos sein, kein Problem.
Ich war Bäume pflanzen. Es begann mit jeder Menge Kaffee und Doughnuts, eine Viertelstunde zu früh, 8.45 Uhr am Samstag. Jeder mußte unterschreiben, alle Risiken selbst zu tragen, aber einen Erste-Hilfe-Kasten haben sie trotzdem mitgebracht. Riverside Park, im Norden, zwischen Black Rock und der GM Motorenfabrik, am See. Schwerster Lehmboden, fünfzig Bäume, zwanzig Freiwillige. Einer schmeißt danach eine Verandaparty, lädt mich ein, gibt mir eine Adresse, die nicht mehr existiert, sie haben die Straßen längst umbenannt, und wenn schon. Conneticut and 7th Street. Auf dem Rad finde ich es trotzdem. Der Hund bedient sich am Buffet, ich bekomme Whiskey mit Minzblättern und Sirup. Jemand mit Ray-Ban Sonnenbrille erklärt mir, was visuelle Anthropologie ist und zeichnet die Türkei auf eine Serviette. Mit jemandem reden, dessen Augen man nicht sehen kann, das ist visuelle Anthropologie, aber das meine ich nicht so, wie es klingt. Die Sonne scheint und ich stecke in meinen Lehmbotten, umgeben von zu jungen und zu alten netten Mittelschichtamerikanern mit großem Gemeinsinn. Ihre Häuser sollen einer zweiten Brücke nach Kanada weichen und sie wehren sich mit allem, was sie haben. Zählen die Krebsfälle in der Nachbarschaft, sorgen sich um die Auswirkungen der LKW-Abgase auf die Schulkinder. Die Brückenbehörde ist bi-national und damit nicht zu fassen. Auf dem Weg nachhause halte ich bei dem Aldikiller-Supermarkt, packe 1,43 L Breyer’s Eiscreme für zwei Dollars in den Rucksack und lade mir gleich die Hälfte auf den Teller, um ihn mit auf unsere Veranda zu nehmen. Eiscreme schmilzt hier anders. Neben uns wohnen Scene-Kids mit ihren coolen Rädern. Nicken nicht mal. Wir sind die Gossentypen aus dem Rooming House. Visuelle Anthropologie mit Vanillegeschmack, zartbitter.
Stehe im Regen, einen Hörer in der Hand, Public Phone an der Tanke. Ob sie mich zurückrufen könne, die Verbindung sei so schlecht. Welche Nummer ich habe, die müsse sie eingeben. Der Regen läuft mir in den Nacken. Ich habe keine Nummer, ich muß ein Telefon kaufen, ein drahtloses. Dieses Teufelszeug, ohne das keiner mehr das Haus verläßt. Keine Telefonnummer zu haben, ist nicht vorgesehen. Ich gebe ihr die Nummer, die auf dem Münzapparat notiert ist. Das ist meine. War schon beeindruckend, die Radfahrerin zu beobachten, die freihändig fährt, um ihre SMS zu tippen. Höre Joni Mitchell aus den 70ern, der guten alten Zeit, wünsche mir das einfache Leben herbei, auf dem Sofa sitzend in den Sonnenuntergang zu schauen. Sie singt von California, coming home. Meine Kreditkarte hat keine US-Adresse, wird nicht akzeptiert. Ob sie sonst etwas für mich tun kann.
143 Getränkedosen in den Recyclingautomaten gestopft und dann den Bon vergessen. Ich schaue nach links und rechts, niemand da. Darf ich nehmen, was mir nicht gehört? Ich stecke den Bon ein und stelle mir vor, was ich alles dafür kaufen kann, für mehr als 6 Dollars. Suche Bier und Schokolade aus und komme davon. Fahre mit dem Wäschesack über der Schulter durch den Regen, navigiere um die Schlaglöcher herum, einhändig. Friere im Waschsalon, um auch mein letztes Hemd in die Trommel werfen zu können. Jemand hat acht Quarters liegen lassen, mit denen ich die Maschine füttere. Ich werde mein altes Uhrenradio zurücklassen müssen, das dicke Panasonic mit den Klappziffern, die sich nicht mehr bewegen. Die Community Organizer spendieren die Pizzastücken diesmal erst nach dem Film, damit keiner vorher abhaut, dem das Fressen zuerst kommt. Hundetrick, Ihr Hunde. Über das Trinkwasser und die Konzerne, aber eine echte Diskussion wird nicht erwartet. Daß der Hälfte der Anwesenden bereits einmal das Wasser abgestellt wurde, beeindruckt mich dann doch.
Die Menschen auf den Fotos in den großen alten Fabriken. Haben Autos gebaut wie Musikinstrumente. 65 PS aus sechs Zylindern, 1907, Luxusklasse. Bilder wie aus einer Detektivgeschichte. Ich darf sie nur mit Handschuhen berühren und um Kopien bitten, die gleich mit einem Stempel versehen werden, damit klar ist, wem hier was gehört. In der größten Fabrik haben sie Seife gekocht, aus Schlachtfetten. Buffalo war die Nummer zwei in der Seifenbranche, nach Cincinnati. Die Seifen an die Landfrauen verschickt, denen das Seifenkochen zuhause nicht so recht gelang. Wurde mehr bestellt, gab es eine „Sweet Home“-Lampe dazu, oder einen Sekretär aus Eichenholz mit Indianernamen. Sweet Home aus Seife, Sweet Home aus Buffalo.
Sie schäkert mit dem Manager von McD, um einen Kaffee extra zu bekommen, die Kaffeesahne hat sie mitgebracht, wie wohl jeden Tag. Die mit Schlips bekommen zwei Dollars mehr. Sie ist Gabelstapler gefahren und jetzt in Rente. Spricht nicht mit den Nachbarn, die reden zu viel über die, die gerade nicht dabei sind. Die Sitzpolster sind aufgeschlitzt, die Tische verdreckt, eine Franchise-Filiale. Ich esse Eis für einen Dollar im Plastikbecher und betrachte den akkurat gemähten Rasen durch das Fenster. Eine Angestellte sortiert ihre vielen Tüten in einer Ecke. Bei McD arbeiten und obdachlos sein, kein Problem.
Ich war Bäume pflanzen. Es begann mit jeder Menge Kaffee und Doughnuts, eine Viertelstunde zu früh, 8.45 Uhr am Samstag. Jeder mußte unterschreiben, alle Risiken selbst zu tragen, aber einen Erste-Hilfe-Kasten haben sie trotzdem mitgebracht. Riverside Park, im Norden, zwischen Black Rock und der GM Motorenfabrik, am See. Schwerster Lehmboden, fünfzig Bäume, zwanzig Freiwillige. Einer schmeißt danach eine Verandaparty, lädt mich ein, gibt mir eine Adresse, die nicht mehr existiert, sie haben die Straßen längst umbenannt, und wenn schon. Conneticut and 7th Street. Auf dem Rad finde ich es trotzdem. Der Hund bedient sich am Buffet, ich bekomme Whiskey mit Minzblättern und Sirup. Jemand mit Ray-Ban Sonnenbrille erklärt mir, was visuelle Anthropologie ist und zeichnet die Türkei auf eine Serviette. Mit jemandem reden, dessen Augen man nicht sehen kann, das ist visuelle Anthropologie, aber das meine ich nicht so, wie es klingt. Die Sonne scheint und ich stecke in meinen Lehmbotten, umgeben von zu jungen und zu alten netten Mittelschichtamerikanern mit großem Gemeinsinn. Ihre Häuser sollen einer zweiten Brücke nach Kanada weichen und sie wehren sich mit allem, was sie haben. Zählen die Krebsfälle in der Nachbarschaft, sorgen sich um die Auswirkungen der LKW-Abgase auf die Schulkinder. Die Brückenbehörde ist bi-national und damit nicht zu fassen. Auf dem Weg nachhause halte ich bei dem Aldikiller-Supermarkt, packe 1,43 L Breyer’s Eiscreme für zwei Dollars in den Rucksack und lade mir gleich die Hälfte auf den Teller, um ihn mit auf unsere Veranda zu nehmen. Eiscreme schmilzt hier anders. Neben uns wohnen Scene-Kids mit ihren coolen Rädern. Nicken nicht mal. Wir sind die Gossentypen aus dem Rooming House. Visuelle Anthropologie mit Vanillegeschmack, zartbitter.
April 30, 2009
Zwischen rot und grün liegt das Nichts
Der Staub nimmt mir den Atem. Die Sonne scheint gleißend, der Wind ist kalt und stark. Läßt mich an die großen Weiten im Westen denken. An endlose Staubstürme. Hier ist er gemischt mit dem Dieselruß der brüllenden Busse, dem Bremsabrieb aus Detroit, dem Wintersalz auf der Straße. Das Warten an den Ampeln läßt die Fahrer dösen. Alles steht. Ich verliere mich, werde zu einer Wand im Wind, einem Gegenstand auf dem Asphalt, ohne Bedeutung, willenlos. Minuten, die sich wie Stunden anfühlen, steht alles vor dem Licht, es spielt keine Rolle. Das Rot erstarrt, wird zeitlos, Zen.
Nur die Sonne verbindet sich mit dem Nichts, dringt vor bis in das Unterbewußtsein. Die Industrie geht, die Fabriken verfallen, Busse und Autos verwittern, der Asphalt bricht auf, die Steppe bahnt sich ihren Weg. Der Zeitraffer vor dem inneren Auge, das nicht mir gehört.
Als die Ampeln auf grün schalten, vergeht Zeit, bis jeder zurückgekehrt ist zu sich, in sein Auto, sein Bestreben, an irgendeinen Ort der Stadt zu gelangen. Langsam setzt sich die Karawane in Bewegung, schweigend, bis zur nächsten Ampel, ein Tag-Nacht-Rhythmus von einer Kreuzung zur nächsten.
Dem Staub ist das egal. Ich atme ihn ein. Er schmeckt nach alten Gebäuden, die langsam geschliffen wurden. Die sich der amerikanischen Kultur geschlagen geben, in der nichts der Ewigkeit gehört, aber alles dem hier und jetzt. Yemeniten und Somalis siedeln auf der Westside. Religiöse beginnen mit Landwirtschaft auf der östlichen Seite der Stadt. Die Steppe kehrt zurück, wartet auf die stampfenden Büffelherden.
Doch die Ampeln
schalten seit Jahrzehnten
unbeirrt im selben Rhythmus,
auf rot.
Nur die Sonne verbindet sich mit dem Nichts, dringt vor bis in das Unterbewußtsein. Die Industrie geht, die Fabriken verfallen, Busse und Autos verwittern, der Asphalt bricht auf, die Steppe bahnt sich ihren Weg. Der Zeitraffer vor dem inneren Auge, das nicht mir gehört.
Als die Ampeln auf grün schalten, vergeht Zeit, bis jeder zurückgekehrt ist zu sich, in sein Auto, sein Bestreben, an irgendeinen Ort der Stadt zu gelangen. Langsam setzt sich die Karawane in Bewegung, schweigend, bis zur nächsten Ampel, ein Tag-Nacht-Rhythmus von einer Kreuzung zur nächsten.
Dem Staub ist das egal. Ich atme ihn ein. Er schmeckt nach alten Gebäuden, die langsam geschliffen wurden. Die sich der amerikanischen Kultur geschlagen geben, in der nichts der Ewigkeit gehört, aber alles dem hier und jetzt. Yemeniten und Somalis siedeln auf der Westside. Religiöse beginnen mit Landwirtschaft auf der östlichen Seite der Stadt. Die Steppe kehrt zurück, wartet auf die stampfenden Büffelherden.
Doch die Ampeln
schalten seit Jahrzehnten
unbeirrt im selben Rhythmus,
auf rot.
April 12, 2009
Black Rock
Drei alte Männer und ich in einem Raum. Keiner spricht, hier fehlt keine Unterhaltung. Was ich sehe, ist seit Jahrzehnten unverändert. Die alte mechanische Registrierkasse, die weder registriert, noch klingelt, wenn die Lade geöffnet wird. Die Stühle mit Plastikbezug in Farben, die damals modisch waren. Lindgrün, weinrot, beigegelb. Das Radio läuft seit den frühen 70ern, ein AM-Sender bringt Songs aus dieser Zeit, der dumpfe Ton kommt direkt aus der Vergangenheit. Eine Zeitkapsel.
Dem alten Mann neben mir fehlt ein Ohr. Die Haut an dieser Stelle sieht verbrannt aus, wie weggeschossen. Ein Bügel ist über seinen Kopf gespannt, an dem ein Hörgerät befestigt ist. Ein harter Gesichtsausdruck hat sich in ihm eingegraben. Ich rechne damit, vielleicht eine halbe Stunde hier warten zu müssen, ein Teil des Raumes zu werden, aber das macht mir nichts aus. Das Viertel heißt Black Rock, ein kraftvoller Name. Es ist das Viertel, in dem ich die Frau mit der Baskenmütze getroffen hatte. Ihr Laden, in derselben Straße, hat immer geschlossen. Black Rock ist heruntergekommen, aber es trägt Spuren der europäischen Einwanderer, als wären sie noch hier.
Ein weißer Jeep Cherokee hält vor der Tür. Der Fahrer kommt herein, seine Kinder bleiben auf der Rückbank des Wagens. Ein stämmiger Latino in den 30ern, ein Bein leicht nachziehend. Ihn hat eine Kugel erwischt, im Irak. Ein redseliger Soldat mit schwerem Akzent, in diesem Friseursalon der schweigenden alten Männer. Als er von mir hört, daß ich Deutscher bin, werde ich von einer Welle der Anerkennung überströmt. Nicht nur von ihm. Einer der alten Männer neben mir ist ein Ägypter, der in Buffalo und im nahen Toronto jenseits der Grenze wohnt. Fährt durchs Land und verkauft Glaswaren, die er aus Ägypten importiert, war in Süddeutschland, vor langer Zeit. Seine Augen leuchten. Währenddessen bekommt der alte Mann auf dem Stuhl den „Skin Cut“, den er verlangt hat. Der Soldat hört regelmäßig Deutsche Welle im Radio, ist beeindruckt von den deutschen Prinzipien. Diese Kassiererin, die wegen eines Pfandbons entlassen wurde. Ich erzähle ihm nicht, daß hinter dieser Geschichte wahrscheinlich mehr steckt, denn ich weiß, was er meint. Hier wird mehr ausgehandelt. Mit Geld, mit Macht, wenn man darüber verfügt. Manchmal mit einem großen Herzen, das bei uns scheinbar verloren gegangen ist. Ich beginne, mein Land aus ihren Augen zu sehen. Das ist es, was man in der Ferne lernen kann. Aber es bleibt ein fremder Blick.
Er respektiert die Schiiten im Irak. Und schimpft auf die Regierung, die Korruption, hier in Amerika. Die Tyrannei wird kommen, die Militias werden aufstehen. Dabei habe ich ihn nur gefragt, was die Soldaten so denken über den Krieg. Der Einohrige bekommt einen Schnitt, ohne auch nur ein Wort zu sagen, ein stummer Stammkunde. An der Wand hängt ein Schild. „Haircuts $7“. Mehr gibt es nicht und nicht weniger. Keine Waschbecken. Hier will keiner gut aussehen, ordentlich soll es sein, das reicht. Der Friseur arbeitet allein. Das Rasiermesser wirkt ganz natürlich in seiner Hand. Die Geschichte eines dienenden Lebens in diesem Laden ist in seinem Gesicht ablesbar. Gütige Züge, friedlich. Seine Körperbewegungen zeigen, daß er keine Zeit verliert, aber auch nicht in Hast gerät. Er schneidet die Haare ordentlich und antwortet freundlich. Geschichten erzählt er nicht, er hat zu tun.
Die Alten schweigen, obwohl ich ihre Gedanken hören kann, zu den temperamentvollen Sätzen des Soldaten. Der die Feinde achtet und nichts für die da oben übrig hat. Ihr stummer Widerspruch hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun. Aber das weiß ich natürlich nicht. Der Ägypter gibt mir seine Nummer, der Latino will wissen, wie ich heiße. Es gibt keine Spiegel an der Wand, aus denen ich meinen geschorenen Kopf betrachten könnte. Ordentlich braucht keine Spiegel. Mit Haarwasser aus der 70ern und Händeschütteln werde ich verabschiedet. Draußen scheint mir die Sonne entgegen, im Wagen spielen die Kinder.
Dem alten Mann neben mir fehlt ein Ohr. Die Haut an dieser Stelle sieht verbrannt aus, wie weggeschossen. Ein Bügel ist über seinen Kopf gespannt, an dem ein Hörgerät befestigt ist. Ein harter Gesichtsausdruck hat sich in ihm eingegraben. Ich rechne damit, vielleicht eine halbe Stunde hier warten zu müssen, ein Teil des Raumes zu werden, aber das macht mir nichts aus. Das Viertel heißt Black Rock, ein kraftvoller Name. Es ist das Viertel, in dem ich die Frau mit der Baskenmütze getroffen hatte. Ihr Laden, in derselben Straße, hat immer geschlossen. Black Rock ist heruntergekommen, aber es trägt Spuren der europäischen Einwanderer, als wären sie noch hier.
Ein weißer Jeep Cherokee hält vor der Tür. Der Fahrer kommt herein, seine Kinder bleiben auf der Rückbank des Wagens. Ein stämmiger Latino in den 30ern, ein Bein leicht nachziehend. Ihn hat eine Kugel erwischt, im Irak. Ein redseliger Soldat mit schwerem Akzent, in diesem Friseursalon der schweigenden alten Männer. Als er von mir hört, daß ich Deutscher bin, werde ich von einer Welle der Anerkennung überströmt. Nicht nur von ihm. Einer der alten Männer neben mir ist ein Ägypter, der in Buffalo und im nahen Toronto jenseits der Grenze wohnt. Fährt durchs Land und verkauft Glaswaren, die er aus Ägypten importiert, war in Süddeutschland, vor langer Zeit. Seine Augen leuchten. Währenddessen bekommt der alte Mann auf dem Stuhl den „Skin Cut“, den er verlangt hat. Der Soldat hört regelmäßig Deutsche Welle im Radio, ist beeindruckt von den deutschen Prinzipien. Diese Kassiererin, die wegen eines Pfandbons entlassen wurde. Ich erzähle ihm nicht, daß hinter dieser Geschichte wahrscheinlich mehr steckt, denn ich weiß, was er meint. Hier wird mehr ausgehandelt. Mit Geld, mit Macht, wenn man darüber verfügt. Manchmal mit einem großen Herzen, das bei uns scheinbar verloren gegangen ist. Ich beginne, mein Land aus ihren Augen zu sehen. Das ist es, was man in der Ferne lernen kann. Aber es bleibt ein fremder Blick.
Er respektiert die Schiiten im Irak. Und schimpft auf die Regierung, die Korruption, hier in Amerika. Die Tyrannei wird kommen, die Militias werden aufstehen. Dabei habe ich ihn nur gefragt, was die Soldaten so denken über den Krieg. Der Einohrige bekommt einen Schnitt, ohne auch nur ein Wort zu sagen, ein stummer Stammkunde. An der Wand hängt ein Schild. „Haircuts $7“. Mehr gibt es nicht und nicht weniger. Keine Waschbecken. Hier will keiner gut aussehen, ordentlich soll es sein, das reicht. Der Friseur arbeitet allein. Das Rasiermesser wirkt ganz natürlich in seiner Hand. Die Geschichte eines dienenden Lebens in diesem Laden ist in seinem Gesicht ablesbar. Gütige Züge, friedlich. Seine Körperbewegungen zeigen, daß er keine Zeit verliert, aber auch nicht in Hast gerät. Er schneidet die Haare ordentlich und antwortet freundlich. Geschichten erzählt er nicht, er hat zu tun.
Die Alten schweigen, obwohl ich ihre Gedanken hören kann, zu den temperamentvollen Sätzen des Soldaten. Der die Feinde achtet und nichts für die da oben übrig hat. Ihr stummer Widerspruch hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun. Aber das weiß ich natürlich nicht. Der Ägypter gibt mir seine Nummer, der Latino will wissen, wie ich heiße. Es gibt keine Spiegel an der Wand, aus denen ich meinen geschorenen Kopf betrachten könnte. Ordentlich braucht keine Spiegel. Mit Haarwasser aus der 70ern und Händeschütteln werde ich verabschiedet. Draußen scheint mir die Sonne entgegen, im Wagen spielen die Kinder.
April 03, 2009
Making Koffi
Ich mochte den Mann im Bademantel schon damals, als ich das erste Mal hier einzog in das alte Haus mit den vielen Zimmern, den Fledermäusen und der Kellerküche, in der man sich nur mit eingezogenem Kopf bewegen kann, weil die Decke so niedrig ist. Er summt Lieder und lacht viel. Kommt in diese Küche eigentlich nur um Kaffee zu kochen. Ich habe ihn noch nie etwas Warmes essen sehen. I eat Sandwiches, you know.
Ich habe seine Tochter getroffen und seine Exfrau, ab und an holen sie ihn ab in einem alten Lincoln. Sie machen Ausflüge zusammen, fahren in ein Hamburger-Restaurant, er bezahlt. Ich mag die Art wie er Coffee ausspricht, und damit einem Ritual einen besonderen Klang gibt. Making Koffi.
Ich wußte jedoch nicht, daß auch sein Bruder hier wohnt, ein paar Zimmer von meinem entfernt. Der ihm weder ähnlich sieht, noch sein Naturell hat. Verläßt kaum sein Zimmer, geht nie in die Küche, spricht nicht mit Fremden, die seit Jahren mit ihm unter einem Dach wohnen. Zweimal täglich klopft sein Bruder bei ihm an, fragt, ob er Kaffee möchte, ernst und höflich. Er klopft laut, aber immer dauert es eine Weile, bis sich die Tür öffnet. Nach zwei Monaten ein paar überraschende Sätze zu mir über das Wetter, ein großer Vertrauensbeweis, eine Freude.
Sein Bruder dagegen fragt jeden, wie es so geht. Sein Gedächtnis ist nicht in Ordnung und wenn er auch nur Minuten auf etwas warten muß, wird er unruhig. Sie haben ihm vor kurzem alle Zähne gezogen und plötzlich schmeckte er ihm nicht mehr, der Kaffee. Ich habe mir Sorgen gemacht. Er spricht jetzt undeutlicher, sein Gesicht hat sich verändert, es wirkt älter ohne Zähne. Aber das Lachen ist zurückgekehrt und er kocht wieder Kaffee für sich und seinen Bruder.
Der blaue Bademantel gibt ihm die Aura eines Kurgastes. Vielleicht ist er das in diesem Haus.
Ich habe seine Tochter getroffen und seine Exfrau, ab und an holen sie ihn ab in einem alten Lincoln. Sie machen Ausflüge zusammen, fahren in ein Hamburger-Restaurant, er bezahlt. Ich mag die Art wie er Coffee ausspricht, und damit einem Ritual einen besonderen Klang gibt. Making Koffi.
Ich wußte jedoch nicht, daß auch sein Bruder hier wohnt, ein paar Zimmer von meinem entfernt. Der ihm weder ähnlich sieht, noch sein Naturell hat. Verläßt kaum sein Zimmer, geht nie in die Küche, spricht nicht mit Fremden, die seit Jahren mit ihm unter einem Dach wohnen. Zweimal täglich klopft sein Bruder bei ihm an, fragt, ob er Kaffee möchte, ernst und höflich. Er klopft laut, aber immer dauert es eine Weile, bis sich die Tür öffnet. Nach zwei Monaten ein paar überraschende Sätze zu mir über das Wetter, ein großer Vertrauensbeweis, eine Freude.
Sein Bruder dagegen fragt jeden, wie es so geht. Sein Gedächtnis ist nicht in Ordnung und wenn er auch nur Minuten auf etwas warten muß, wird er unruhig. Sie haben ihm vor kurzem alle Zähne gezogen und plötzlich schmeckte er ihm nicht mehr, der Kaffee. Ich habe mir Sorgen gemacht. Er spricht jetzt undeutlicher, sein Gesicht hat sich verändert, es wirkt älter ohne Zähne. Aber das Lachen ist zurückgekehrt und er kocht wieder Kaffee für sich und seinen Bruder.
Der blaue Bademantel gibt ihm die Aura eines Kurgastes. Vielleicht ist er das in diesem Haus.
March 25, 2009
Kulturen des Todes
Kerzen auf der Straße, geleerte Schnapsflaschen, beschriebene Baseballcaps, sorgfältig zusammengestellt, auf dem Bürgersteig, die letzte Ehre. Die Kerzen heruntergebrannt, wie verbrauchte Tränen. Rest-in-Peace-Graffiti an der Hauswand. Mitglied einer lokalen Gang, erschossen.
Ein paar Straßen weiter wieder Kerzen und Graffiti, ein weiterer Ort des Sterbens und Trauerns auf der West Side.
Ich laufe über den Friedhof. Genormte Steine gehören dem Andenken an Soldaten. Geordnet nach Orten des Krieges, Orten des Sterbens. Kuba. Der Friedhof ist menschenleer, der Sturm treibt mich fort, kein Ort für die Lebenden.
Amerika hat verschiedene Kulturen des Todes. Viele Friedhöfe des 19.Jahrhunderts sind bebaut worden. Die der Armen und der Sklaven, der Namenlosen. Ihre Knochen liegen jetzt unter Häusern. Die Grausamkeit des Geldes in diesem Land.
In einem Zimmer steht eine Urne. Die Nähe eines vergangenen Menschen.
Die die fortgehen, sollen manchmal noch ein wenig bleiben.
Ein paar Straßen weiter wieder Kerzen und Graffiti, ein weiterer Ort des Sterbens und Trauerns auf der West Side.
Ich laufe über den Friedhof. Genormte Steine gehören dem Andenken an Soldaten. Geordnet nach Orten des Krieges, Orten des Sterbens. Kuba. Der Friedhof ist menschenleer, der Sturm treibt mich fort, kein Ort für die Lebenden.
Amerika hat verschiedene Kulturen des Todes. Viele Friedhöfe des 19.Jahrhunderts sind bebaut worden. Die der Armen und der Sklaven, der Namenlosen. Ihre Knochen liegen jetzt unter Häusern. Die Grausamkeit des Geldes in diesem Land.
In einem Zimmer steht eine Urne. Die Nähe eines vergangenen Menschen.
Die die fortgehen, sollen manchmal noch ein wenig bleiben.
March 20, 2009
Was mich verrückt macht
Buffalo verliert seit langem an Bevölkerung, 300.000 in den letzten 50 Jahren, das sind mehr als 50%. Vierzehntausend oft wunderschöne alte Häuser stehen leer, verlassen, verrottend. Viele mit Veranda, zwei Stockwerken, bunten Farben und einer Geschichte. Von sorgfältigen Handwerkern für die Ewigkeit gebaut. Die Stadt kommt mit dem Abriß nicht hinterher. Weil die Grundsteuern für sie nicht bezahlt werden, wird sie die Eigentümerin der Häuser.
An der Elmwood Avenue, einer der coolen Straßen der Stadt, steht seit Jahren eine KFC-Filiale zum Verkauf. Brathuhn aus Kentucky ist ausgegangen. Das Design ist so eigen, daß kein anderes Unternehmen dort einziehen wird. Vielleicht ist es auch kein ernsthaftes Angebot, um irgendwann den Betrieb wieder aufzunehmen, wenn die Gegend noch attraktiver geworden ist. Viele Firmen verlassen ihre Standorte, siedeln um nach Asien oder an den nächsten Ort. Oft bekommen sie Subventionen dafür und lassen ihre Gebäude und Grundstücke hinter sich zurück. Sie werden zu Müll, der nicht abgeholt wird. Wal-Mart-Filialen stehen leer, weil die Firma inzwischen größere bevorzugt. Die leeren dem Verrotten überlassenen Bauten sind Kultursymbole. Denkmale der Wegwerfgesellschaft über Generationen. Amerika hat soviel Land, das billig genug und noch nicht betoniert ist, so daß es keine Rolle spielt. Man muß nur etwas weiter mit dem Auto fahren. Mall-Planer rechnen mit einer Nutzungsdauer, die so gering ist, daß sie mich an die von Autos erinnert. Danach dann recyceln, oder leer stehen lassen und weiterziehen? Bald werden die „Dead Malls“ von archäologischem Interesse sein wie die "Ghost Towns" des einst so wilden Westens.
Autos zu verschrotten, ist eigentlich ein kultureller Verstoß gegen diese amerikanischen Sitten. Sie sollten sich selbst überlassen werden. Die Türen verschließen, ein letzter Blick zurück, und dann auf zu einem neuen. Fährt man über Land, kann man viele aufgegebene Wagen sehen, die sich über Jahrzehnte auf den Grundstücken ihrer Eigentümer ansammeln. Geschichte aus Metall.
In Buffalo werden neue Häuser gebaut, billig, im suburbanen Einheitsdesign, dort wo vorher die verlassenen standen. Schon beim Bau kann man abschätzen, wann diese Häuser verrotten werden. Der Staat übernimmt die Hälfte der Kosten, damit Ärmere Hauseigentümer werden können: $80,000 gibt es für das neue Haus, ca. $20,000 kostet der Abriß des alten. Mieter werden als soziales Problem angesehen, erst Eigentümer steigen zu Bürgern auf, was mich an das alte Griechenland erinnert. Die neuen Vollbürger wollen aber für ihren Teil der Finanzierung keine Zinsen zahlen. Aus religiösen Gründen, denn sie sind muslimische Einwanderer. Niemand sonst würde auf der East Side ein neues Haus kaufen wollen. Dort wo soziale Probleme, Verbrechen und Rassentrennung am frappierendsten sind. Auf deutsch muß es natürlich ethnische Segregation heißen. Die Moslems werden ihre eignen Geschäfte und Schulen aufbauen, ihre eigenen Sprachen sprechen und sich so vor den Gefahren um sie herum und dem Rest der Stadt komplett abschotten. Die lokale Bank hat Schwierigkeiten, ein Koran-konformes Kreditangebot zu machen. Eine Bank in Chicago ist da schon weiter.
Die alten Häuser könnten aufgearbeitet werden. Das würde wahrscheinlich weniger kosten, aber wäre nur Arbeit für lokale Handwerker. Wirtschaftswachstum braucht mehr Umsatz. Schnelleres Verbrauchen, Wegwerfen, Neubauen. Aufträge für Großunternehmen der Massenproduktion. Gerade jetzt. Nichts hat sich geändert.
Obdachlose holen die Getränkedosen aus den Mülltonnen, bringen sie zurück in die Supermärkte. Es gibt 5 Cent Pfand pro Stück. Klar, das niemand sonst die Dosen zurückbringt. 120 Stück bringen 6 Dollars, ein Essen im chinesischen Imbißrestaurant.
Eine 20Jährige führt zwei Kläffer aus. Sammelt den Hundekot vom Boden auf. Liegenlassen verboten. Wenigstens das funktioniert.
An der Elmwood Avenue, einer der coolen Straßen der Stadt, steht seit Jahren eine KFC-Filiale zum Verkauf. Brathuhn aus Kentucky ist ausgegangen. Das Design ist so eigen, daß kein anderes Unternehmen dort einziehen wird. Vielleicht ist es auch kein ernsthaftes Angebot, um irgendwann den Betrieb wieder aufzunehmen, wenn die Gegend noch attraktiver geworden ist. Viele Firmen verlassen ihre Standorte, siedeln um nach Asien oder an den nächsten Ort. Oft bekommen sie Subventionen dafür und lassen ihre Gebäude und Grundstücke hinter sich zurück. Sie werden zu Müll, der nicht abgeholt wird. Wal-Mart-Filialen stehen leer, weil die Firma inzwischen größere bevorzugt. Die leeren dem Verrotten überlassenen Bauten sind Kultursymbole. Denkmale der Wegwerfgesellschaft über Generationen. Amerika hat soviel Land, das billig genug und noch nicht betoniert ist, so daß es keine Rolle spielt. Man muß nur etwas weiter mit dem Auto fahren. Mall-Planer rechnen mit einer Nutzungsdauer, die so gering ist, daß sie mich an die von Autos erinnert. Danach dann recyceln, oder leer stehen lassen und weiterziehen? Bald werden die „Dead Malls“ von archäologischem Interesse sein wie die "Ghost Towns" des einst so wilden Westens.
Autos zu verschrotten, ist eigentlich ein kultureller Verstoß gegen diese amerikanischen Sitten. Sie sollten sich selbst überlassen werden. Die Türen verschließen, ein letzter Blick zurück, und dann auf zu einem neuen. Fährt man über Land, kann man viele aufgegebene Wagen sehen, die sich über Jahrzehnte auf den Grundstücken ihrer Eigentümer ansammeln. Geschichte aus Metall.
In Buffalo werden neue Häuser gebaut, billig, im suburbanen Einheitsdesign, dort wo vorher die verlassenen standen. Schon beim Bau kann man abschätzen, wann diese Häuser verrotten werden. Der Staat übernimmt die Hälfte der Kosten, damit Ärmere Hauseigentümer werden können: $80,000 gibt es für das neue Haus, ca. $20,000 kostet der Abriß des alten. Mieter werden als soziales Problem angesehen, erst Eigentümer steigen zu Bürgern auf, was mich an das alte Griechenland erinnert. Die neuen Vollbürger wollen aber für ihren Teil der Finanzierung keine Zinsen zahlen. Aus religiösen Gründen, denn sie sind muslimische Einwanderer. Niemand sonst würde auf der East Side ein neues Haus kaufen wollen. Dort wo soziale Probleme, Verbrechen und Rassentrennung am frappierendsten sind. Auf deutsch muß es natürlich ethnische Segregation heißen. Die Moslems werden ihre eignen Geschäfte und Schulen aufbauen, ihre eigenen Sprachen sprechen und sich so vor den Gefahren um sie herum und dem Rest der Stadt komplett abschotten. Die lokale Bank hat Schwierigkeiten, ein Koran-konformes Kreditangebot zu machen. Eine Bank in Chicago ist da schon weiter.
Die alten Häuser könnten aufgearbeitet werden. Das würde wahrscheinlich weniger kosten, aber wäre nur Arbeit für lokale Handwerker. Wirtschaftswachstum braucht mehr Umsatz. Schnelleres Verbrauchen, Wegwerfen, Neubauen. Aufträge für Großunternehmen der Massenproduktion. Gerade jetzt. Nichts hat sich geändert.
Obdachlose holen die Getränkedosen aus den Mülltonnen, bringen sie zurück in die Supermärkte. Es gibt 5 Cent Pfand pro Stück. Klar, das niemand sonst die Dosen zurückbringt. 120 Stück bringen 6 Dollars, ein Essen im chinesischen Imbißrestaurant.
Eine 20Jährige führt zwei Kläffer aus. Sammelt den Hundekot vom Boden auf. Liegenlassen verboten. Wenigstens das funktioniert.
March 10, 2009
Das Verschwinden der Eiswürfel
Das Gefühl, schon ewig hier zu sein. Als hätte sich nichts verändert. Es ist kälter als letztes Jahr, eine andere Jahreszeit. Ich fahre ein anderes Rad. Aber die Straßen sind die gleichen. Die Menschen, irgendwie. Mir kommt der Gedanke, kleine Gegenstände zu verstecken, irgendwo da draußen, die ich wiederfinden würde, irgendwann. Alles, was ich sehe, hat eine Geschichte, ist mit Leuten verbunden, die sie erzählen könnten. Häuser, Bäume, der Müll. Irgendwer hat hier gelebt, gepflanzt, etwas dem Lauf der Dinge überlassen. Die Optimisten glauben, man müsse nur fragen. Ich glaube das nicht.
Manchmal finde ich CDs auf der Straße. Selbstgebrannte, die mir erst verraten, was in ihnen steckt, wenn ich sie anhöre. Oder auch nicht. Denn ich kenne die Musik nicht. Und weiß nichts über die Menschen, die sie zuvor gehört haben, in ihren Autos, auf einem Weg, der im Dunkeln bleibt.
Eine ganze Menge Eiswürfel passen in eine Plastiktüte. Jeden Morgen erneut. Ich weiß nicht, welchem Zweck sie diesen. Ich sehe sie später am Tag wieder, wie sie verschwinden, langsam, im Ausguß. Es dauert Stunden. Ich frage die Frau, die die Tüte füllt, aber bekomme keine Antwort, die etwas erklärt. Der U-Bootfahrer ist nicht mehr hier. Der Lehrer zweiter Klasse ist verschwunden. Es gibt noch ein paar Küchengegenstände von ihm. Langsam verblaßt sie, die Erinnerung, verändert sich. Ich erkenne den Kaffee nicht mehr wieder. Diesen Bombengeschmack vom letzten Jahr. Vielleicht sparen sie jetzt an dem, was einmal so großzügig bemessen war. Blümchenkaffee, dieser alte Begriff. Aber niemand läßt sich etwas anmerken. Riten verdecken die Veränderung, sind die Haltegriffe gegen das Schlingern.
Der nächste Tag bringt wieder Eiswürfel hervor. Für ein paar Stunden.
Manchmal finde ich CDs auf der Straße. Selbstgebrannte, die mir erst verraten, was in ihnen steckt, wenn ich sie anhöre. Oder auch nicht. Denn ich kenne die Musik nicht. Und weiß nichts über die Menschen, die sie zuvor gehört haben, in ihren Autos, auf einem Weg, der im Dunkeln bleibt.
Eine ganze Menge Eiswürfel passen in eine Plastiktüte. Jeden Morgen erneut. Ich weiß nicht, welchem Zweck sie diesen. Ich sehe sie später am Tag wieder, wie sie verschwinden, langsam, im Ausguß. Es dauert Stunden. Ich frage die Frau, die die Tüte füllt, aber bekomme keine Antwort, die etwas erklärt. Der U-Bootfahrer ist nicht mehr hier. Der Lehrer zweiter Klasse ist verschwunden. Es gibt noch ein paar Küchengegenstände von ihm. Langsam verblaßt sie, die Erinnerung, verändert sich. Ich erkenne den Kaffee nicht mehr wieder. Diesen Bombengeschmack vom letzten Jahr. Vielleicht sparen sie jetzt an dem, was einmal so großzügig bemessen war. Blümchenkaffee, dieser alte Begriff. Aber niemand läßt sich etwas anmerken. Riten verdecken die Veränderung, sind die Haltegriffe gegen das Schlingern.
Der nächste Tag bringt wieder Eiswürfel hervor. Für ein paar Stunden.
February 28, 2009
Babbba Ghanoouuush
Ich fahre durch den Schneeregen, sehe durch meine Skydivingbrille die Welt in gelb.
Im Rucksack Proviant aus dem Supermarkt, Bier, Bohnen, Erdnußbutter. Fahre durch die Grant Street. Abgehalfterte Grande Dame besserer Zeiten. Läden stehen leer, die Gestalten auf der Straße passen zur abgewrackten Gegenwart und den Klischees in meinem Gepäck. Manche sehen hier aus wie Junkies und anderen möchte man ungern alles Geld überlassen. Dazwischen Somalis und Yemeniten. Flüchtlinge, Moslems. Angesiedelt zur Eindämmung von Verfall und Kriminalität. Dahinter stecken clevere Grundeigentümer. Manches lernt man wirklich nur vor Ort.
Wenn ich hier zu Fuß unterwegs bin, laufe ich durch mein Schulbuch der 80er Jahre, blicke auf den Niedergang der Städte Amerikas. Damals traf ich eine Amerikanerin in einem Zugabteil, irgendwo in Deutschland, und erzählte ihr von dem Kollaps in meinem Buch. Sie war entrüstet, alles übertrieben. Das Morbide hat seine versteckten Schönheiten. Und ein paar Unerschrockene aus der Mittelschicht, die hier die Fahne der Zivilisation hochhalten. Häuser besitzen, ein Cafe’ aufmachen. Vor dem Eingang ein Rad aus der Cycling Community – selten in der Gegend. Drinnen ein paar junge Weiße auf alten Stühlen. Ich bestelle einen Kaffee und frage nach Steckdosen. Die elektrischen Interessen der Internetlebewesen.
Ein paar Blocks weiter betreibt eine alteingesessene Italienerfamilie einen Lebensmittelladen, der keine Wünsche offen läßt. Volles Sortiment südeuropäischer Spezialitäten, Obst, Gemüse, Fleisch und Käse, Olivenöle, Kaffee und Pitabrot, Ajvar. Und draußen das Elend. Baba Ghanoush ist ausverkauft, aber ich finde etwas anderes.
Auf dem Rad merkt man, daß viele Autofahrer kein Gefühl für die Dimensionen ihrer Karossen haben. Geparkten Wagen werden häufig die Außenspiegel abgefahren. Dann oft behelfsmäßig mit Band befestigt. Oder sie bleiben einfach hängen, nur von Elektrokabeln gehalten, es geht auch so. Hier umgenietet zu werden ist also eher ein Versehen, nicht persönlich gemeint.
In unserer Kellerküche gebe ich meinen Mitbewohnern aus Kanada und Korea von meinem nahöstlichen Essen ab. Als sie mich nach der deutschen Schnitzelküche fragen, muß ich passen. Ein Wunder, daß wir noch deutsch sprechen. Die Somalis haben ihre Halal-Läden, die Koreaner schwören auf Kimchi und die Kanadierin erzählt von Hamburgern, die es auf eine gewisse Art zubereitet nur dort gebe. Immerhin.
Der Italiener schließt um 6, das Cafe’ auch. Jetzt stimmt das Bild wieder. Mein Buch hat doch recht, in diesem Teil Amerikas.
Im Rucksack Proviant aus dem Supermarkt, Bier, Bohnen, Erdnußbutter. Fahre durch die Grant Street. Abgehalfterte Grande Dame besserer Zeiten. Läden stehen leer, die Gestalten auf der Straße passen zur abgewrackten Gegenwart und den Klischees in meinem Gepäck. Manche sehen hier aus wie Junkies und anderen möchte man ungern alles Geld überlassen. Dazwischen Somalis und Yemeniten. Flüchtlinge, Moslems. Angesiedelt zur Eindämmung von Verfall und Kriminalität. Dahinter stecken clevere Grundeigentümer. Manches lernt man wirklich nur vor Ort.
Wenn ich hier zu Fuß unterwegs bin, laufe ich durch mein Schulbuch der 80er Jahre, blicke auf den Niedergang der Städte Amerikas. Damals traf ich eine Amerikanerin in einem Zugabteil, irgendwo in Deutschland, und erzählte ihr von dem Kollaps in meinem Buch. Sie war entrüstet, alles übertrieben. Das Morbide hat seine versteckten Schönheiten. Und ein paar Unerschrockene aus der Mittelschicht, die hier die Fahne der Zivilisation hochhalten. Häuser besitzen, ein Cafe’ aufmachen. Vor dem Eingang ein Rad aus der Cycling Community – selten in der Gegend. Drinnen ein paar junge Weiße auf alten Stühlen. Ich bestelle einen Kaffee und frage nach Steckdosen. Die elektrischen Interessen der Internetlebewesen.
Ein paar Blocks weiter betreibt eine alteingesessene Italienerfamilie einen Lebensmittelladen, der keine Wünsche offen läßt. Volles Sortiment südeuropäischer Spezialitäten, Obst, Gemüse, Fleisch und Käse, Olivenöle, Kaffee und Pitabrot, Ajvar. Und draußen das Elend. Baba Ghanoush ist ausverkauft, aber ich finde etwas anderes.
Auf dem Rad merkt man, daß viele Autofahrer kein Gefühl für die Dimensionen ihrer Karossen haben. Geparkten Wagen werden häufig die Außenspiegel abgefahren. Dann oft behelfsmäßig mit Band befestigt. Oder sie bleiben einfach hängen, nur von Elektrokabeln gehalten, es geht auch so. Hier umgenietet zu werden ist also eher ein Versehen, nicht persönlich gemeint.
In unserer Kellerküche gebe ich meinen Mitbewohnern aus Kanada und Korea von meinem nahöstlichen Essen ab. Als sie mich nach der deutschen Schnitzelküche fragen, muß ich passen. Ein Wunder, daß wir noch deutsch sprechen. Die Somalis haben ihre Halal-Läden, die Koreaner schwören auf Kimchi und die Kanadierin erzählt von Hamburgern, die es auf eine gewisse Art zubereitet nur dort gebe. Immerhin.
Der Italiener schließt um 6, das Cafe’ auch. Jetzt stimmt das Bild wieder. Mein Buch hat doch recht, in diesem Teil Amerikas.
February 20, 2009
Der Fehltritt des Briefträgers
Paul Austers Moon Palace geht mir aus dem Leim. Seit 1989 ist das Buch im Auftrag von Buffalos Stadtbücherei unterwegs. Beim Aufschlagen knistert der Plastikumschlag und auch die Seiten scheinen mir lauter als bei anderen Büchern. Sie sind aus dem rauhen Papier der hiesigen Taschenbücher, diesem „nach-dem-Lesen-bitte-wegwerfen“-Material. Neben mir eine leere Packung „Regal Dynasty“. Was wie eine Zigarettenmarke klingt, ist dunkle Schokolade aus Polen, deren Geschmack die billigen amerikanischen Sorten aussticht, den ich aber in meiner alten Heimat kaum genießbar fände. Die Geschichte hat einen sentimentalen Beginn in Chicago, ändert seine Bahn in ein hungerndes Leiden in New York City und schlägt dann weitere Haken. Mir fällt ein Stoff von Hamsun ein, dem ich nie wieder begegnen wollte. Dann kommt die Erinnerung zurück. Ich muß das Buch bereits vor Jahren gelesen haben, denn plötzlich sind mir einzelne Szenen wieder vertraut.
Jeden Tag werden unsere Mülltonnen durchsucht. Von meinem Fenster aus sehe ich, wie mal ein, mal zwei Männer mit einem Einkaufswagen unterwegs sind, um Pfanddosen oder anderes Brauchbares mitzunehmen. Sie haben einen festen Zeit- und Routenplan, wie der Postzusteller, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen und mit lautem Transistorradio in der Tasche unsere Briefkästen füllt. Er hört Talk Radio, eine dieser Sendungen, in denen Anrufer und Moderatoren Meinungen tauschen und Themen breit reden, je reißerischer, desto besser. Dazwischen dann Reklame. Briefträger sind hier verpflichtet, Abkürzungen über den Rasen zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die Grundstücke haben keine Zäune und die Post macht Miese, also muß abgebogen werden vom rechten Weg. Ein Zusteller wurde jüngst von seinem Vorgesetzten beschattet. Und dabei ertappt, wie er auf dem Bürgersteig lief. Der Schnee auf dem Rasen war ihm zu hoch, jetzt bangt er um seinen Job.
Zwischen meinen Fenstern kühlen goldfarbene Bierdosen. "Miller’s High Life" aus Milwaukee. Süßliches Massenbier, auf das die deutschen Brauer, die als Immigranten im 19.Jahrhundert die Bierindustrie im Mittleren Westen aufbauten, sicher nicht stolz gewesen wären. Es wird im 6er-Pack angeboten und diese Verkaufsform hat sogar den letzten Wahlkampf geprägt. Von „Joe Sixpack“ war dort häufig zu hören, ein Begriff für den männlichen Normalbürger und das war nicht abwertend gemeint. Insbesondere die Frau aus Alaska, die als Gouverneurin auch das Jagen vom Hubschrauber aus verteidigt, hat oft von diesem Joe gesprochen. Der Joe im hohen Norden jagt aus der Luft, wenn er gerade kein Bier trinkt. Auf Fotos in den Medien schaut sie mit gestrecktem Hals schräg nach oben, wie sonst nur Obama auf einem populären Bild. Aufmerksam blickt sie auf, als höre sie zu wie eine gelehrsame Tochter. Subtile Botschaften in einer hierarchischen Gesellschaft. Ich jedenfalls laufe mit den Bierdosen zur Kasse und warte darauf, daß man den Joe in mir erkennt.
Dafür zahle ich mit zerknüllten Dollarnoten. Das gehört sich genauso, wie das Zusammendrücken der geleerten Dosen, die man dann zuhause in großem Bogen in den Mülleimer zu befördern versucht. Eine symbolische Absage an materielle Werte. Alles ist politisch.
Jeden Tag werden unsere Mülltonnen durchsucht. Von meinem Fenster aus sehe ich, wie mal ein, mal zwei Männer mit einem Einkaufswagen unterwegs sind, um Pfanddosen oder anderes Brauchbares mitzunehmen. Sie haben einen festen Zeit- und Routenplan, wie der Postzusteller, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen und mit lautem Transistorradio in der Tasche unsere Briefkästen füllt. Er hört Talk Radio, eine dieser Sendungen, in denen Anrufer und Moderatoren Meinungen tauschen und Themen breit reden, je reißerischer, desto besser. Dazwischen dann Reklame. Briefträger sind hier verpflichtet, Abkürzungen über den Rasen zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die Grundstücke haben keine Zäune und die Post macht Miese, also muß abgebogen werden vom rechten Weg. Ein Zusteller wurde jüngst von seinem Vorgesetzten beschattet. Und dabei ertappt, wie er auf dem Bürgersteig lief. Der Schnee auf dem Rasen war ihm zu hoch, jetzt bangt er um seinen Job.
Zwischen meinen Fenstern kühlen goldfarbene Bierdosen. "Miller’s High Life" aus Milwaukee. Süßliches Massenbier, auf das die deutschen Brauer, die als Immigranten im 19.Jahrhundert die Bierindustrie im Mittleren Westen aufbauten, sicher nicht stolz gewesen wären. Es wird im 6er-Pack angeboten und diese Verkaufsform hat sogar den letzten Wahlkampf geprägt. Von „Joe Sixpack“ war dort häufig zu hören, ein Begriff für den männlichen Normalbürger und das war nicht abwertend gemeint. Insbesondere die Frau aus Alaska, die als Gouverneurin auch das Jagen vom Hubschrauber aus verteidigt, hat oft von diesem Joe gesprochen. Der Joe im hohen Norden jagt aus der Luft, wenn er gerade kein Bier trinkt. Auf Fotos in den Medien schaut sie mit gestrecktem Hals schräg nach oben, wie sonst nur Obama auf einem populären Bild. Aufmerksam blickt sie auf, als höre sie zu wie eine gelehrsame Tochter. Subtile Botschaften in einer hierarchischen Gesellschaft. Ich jedenfalls laufe mit den Bierdosen zur Kasse und warte darauf, daß man den Joe in mir erkennt.
Dafür zahle ich mit zerknüllten Dollarnoten. Das gehört sich genauso, wie das Zusammendrücken der geleerten Dosen, die man dann zuhause in großem Bogen in den Mülleimer zu befördern versucht. Eine symbolische Absage an materielle Werte. Alles ist politisch.
February 14, 2009
Warten auf die Eisbären
Unerbittlich schmilzt der Schnee und gibt all den Müll frei und den Dreck der Straße. Macht sie wieder zu dem, was sie war. Feiner Regen schlägt mir ins Gesicht. Im Fernsehraum befindet sich ein Buchregal. Neugierig gehe ich die Titel durch. Buchregale erzählen ihre eigenen Geschichten über die Menschen. Mein Blick bleibt an Douglas Coupland hängen (Hey Nostradamus!). Ein schwarzes Buch, von außen und innen und nicht recht zu den anderen passend. Darin kein Name, kein Hinweis auf seinen früheren Besitzer. Ich nehme es mit auf mein Zimmer. Und weiß schon nach den ersten Seiten, daß es ein anziehendes Werk ist. „A remarkable examination of violence and spirituality“. Eine Studentin erzählt post mortem – Schüler erschießen Schüler - von ihrem Tod und der Zeit danach.
Auf einer Karte habe ich mir den Norden Kanadas angeschaut. Die Hudson Bay scheint nicht weit entfernt für hiesige Maßstäbe, aber ich kann keine Orte erkennen und es gibt keine Buslinie, die mich dorthin bringen würde. Eine Brücke führt von Buffalo direkt nach Kanada. Hätte ich einen Wagen. Ich habe eine Sehnsucht nach meterhohem Schnee, der alles zudeckt, der die Stadt beruhigt. Der mich in den Frieden einschließt. Ich höre wieder christliches Nachtradio. June Hunt nimmt noch immer Anrufe entgegen von Menschen in Schwierigkeiten. „Hope in the Night“. Empathie, Anstrengung, auch für sie und das Festziehen der Bindung an Jesus. Ich kenne ihre Stimme noch aus Chicago.
Das Heulen von Sirenen gehören hier zu meinem Alltag. Ganz in der Nähe gibt es eine Feuerwache. Manchmal biegen sie auch in meine Straße ein. Ich erinnere mich an die alte Frau in einem kleinen Ort in Iowa, die einen Scanner in ihrem Wohnzimmer zu stehen hatte, mit dem sie laufend den Polizeifunk abhörte, am Kaffeetisch. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die schweren roten Wagen so häufig ausrücken, besonders in der Nacht, mit den großen US-Flaggen am Heck als wären es Schiffe. Selten geht es um Feuer, aber die Feuerwehr hat hier fast einen heiligen Status. Niemand nimmt den Männern ihre Wachen, ihre Fahrzeuge, ihren Stolz. Politiker die es versuchen, müssen mit Ärger rechnen.
Von den vielen leeren alten Häusern brennen allerdings manche ab. Die, die nur einen Dollar kosten. Und trotzdem nicht verkauft werden. Die Stadt will noch mehr von ihnen abreißen lassen als bisher. 1 Bagger, 1 Kipper, 2 Mann, für "twenty Grand" (20.000 Dollar). Das ist alles, was man braucht, um ein Haus an einem Tag verschwinden zu lassen. Der neue Raum bleibt jedoch ungenutzt, als wäre er unwillkommen.
Beim Anflug auf Buffalo ist ein Flugzeug abgestürzt. Ohne ein Wort über Funk zuvor. Radio und Fernsehen können dagegen gar nicht mehr enden, die Zeitungen sind ausverkauft. Wieder und wieder die gleichen Sätze. Niemand aber weiß etwas. Niemand KANN SAGEN, warum das passiert ist. Zumindest Fernsehen könnte sprachlos sein, wenn es wollte. CNN-Filme sind das manchmal. Verstörend ungewohnt.
Ich habe mir eine Skibrille besorgt und warte auf den Schnee, auf die Rückkehr des Winters. Auf Schneestürme, klirrende Kälte, Eisbären.
Ich will radfahren.
Auf einer Karte habe ich mir den Norden Kanadas angeschaut. Die Hudson Bay scheint nicht weit entfernt für hiesige Maßstäbe, aber ich kann keine Orte erkennen und es gibt keine Buslinie, die mich dorthin bringen würde. Eine Brücke führt von Buffalo direkt nach Kanada. Hätte ich einen Wagen. Ich habe eine Sehnsucht nach meterhohem Schnee, der alles zudeckt, der die Stadt beruhigt. Der mich in den Frieden einschließt. Ich höre wieder christliches Nachtradio. June Hunt nimmt noch immer Anrufe entgegen von Menschen in Schwierigkeiten. „Hope in the Night“. Empathie, Anstrengung, auch für sie und das Festziehen der Bindung an Jesus. Ich kenne ihre Stimme noch aus Chicago.
Das Heulen von Sirenen gehören hier zu meinem Alltag. Ganz in der Nähe gibt es eine Feuerwache. Manchmal biegen sie auch in meine Straße ein. Ich erinnere mich an die alte Frau in einem kleinen Ort in Iowa, die einen Scanner in ihrem Wohnzimmer zu stehen hatte, mit dem sie laufend den Polizeifunk abhörte, am Kaffeetisch. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die schweren roten Wagen so häufig ausrücken, besonders in der Nacht, mit den großen US-Flaggen am Heck als wären es Schiffe. Selten geht es um Feuer, aber die Feuerwehr hat hier fast einen heiligen Status. Niemand nimmt den Männern ihre Wachen, ihre Fahrzeuge, ihren Stolz. Politiker die es versuchen, müssen mit Ärger rechnen.
Von den vielen leeren alten Häusern brennen allerdings manche ab. Die, die nur einen Dollar kosten. Und trotzdem nicht verkauft werden. Die Stadt will noch mehr von ihnen abreißen lassen als bisher. 1 Bagger, 1 Kipper, 2 Mann, für "twenty Grand" (20.000 Dollar). Das ist alles, was man braucht, um ein Haus an einem Tag verschwinden zu lassen. Der neue Raum bleibt jedoch ungenutzt, als wäre er unwillkommen.
Beim Anflug auf Buffalo ist ein Flugzeug abgestürzt. Ohne ein Wort über Funk zuvor. Radio und Fernsehen können dagegen gar nicht mehr enden, die Zeitungen sind ausverkauft. Wieder und wieder die gleichen Sätze. Niemand aber weiß etwas. Niemand KANN SAGEN, warum das passiert ist. Zumindest Fernsehen könnte sprachlos sein, wenn es wollte. CNN-Filme sind das manchmal. Verstörend ungewohnt.
Ich habe mir eine Skibrille besorgt und warte auf den Schnee, auf die Rückkehr des Winters. Auf Schneestürme, klirrende Kälte, Eisbären.
Ich will radfahren.
February 09, 2009
Haut und Knochen
Ob sie mich etwas fragen könne. Natürlich, entgegne ich. Ich bin auf eine ungewöhnliche Frage gefaßt, denn Fragen nach Geld oder dem Weg werden so nicht eingeleitet. Ich sitze im Vorraum eines Supermarktes und esse halbwegs naturbelassene Maischips. Neben mir mein Rucksack voller Lebensmittel, gerade erstanden und da vor mir ein Fußweg von 40 Minuten liegt, habe ich keine Eile.
Ob ich Brigitte Bardot kenne, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Die Frage geht an mich, weil eine junge Kassiererin mit diesem Wissen nicht aufwarten konnte. Und so beginnt ein Gespräch, das mir eine kleine Lebensgeschichte eröffnet, von der Medizinerin, die viele Jahre unterrichtet hat, nun im Ruhestand einen Antiquitätenladen betreibt und ein paar Häuser vermietet. Von ihrer Kleidung her könnte sie einer Künstlerkolonie entstammen, ihre Baskenmütze paßt nicht ganz zum gängigen Klischee der Stadt aus Armut und Elend. Sie bemerkt meinen "leichten" Akzent und ordnet meine Gesichtsknochen mit forensisch geschultem Blick Nordeuropa zu. Ich weiß nicht, ob vorher bereits jemand mein Gesicht auf diese Weise gemustert hat, sie aber läßt mich voll teilhaben. Sie könnte an meinem Körper sicher auch ablesen, ob ich Linkshänder bin, Arbeiter oder Optimist. Ich interessiere mich gelegentlich für die Faltenverläufe in Gesichtern, die mir begegnen und stelle mir vor, ob sie noch lächeln können oder in Bitterkeit gefangen sind. Jetzt werde ich auch auf Kiefer-, Wangen-, Stirnknochen achten.
Sie engagiert sich in mehreren Nachbarschaftskomitees und Geschäftsvereinigungen. Und sie fürchtet Einbrüche. Deshalb hat auch sie eine Knarre zuhause. Sie schwärmt von Berlin, wegen der alten Möbel, die sie dort auf Trödelmärkten gesehen hat. Und dem Respekt, den Schüler ihren Lehrern in Europa sicher entgegenbringen würden. Sie wurde mehrmals angegriffen.
Ich frage mich, warum sie gerade mich angesprochen hat. Ich sehe in meiner Aufmachung eigentlich nicht wie ein Bildungsbürger aus, was in dieser Gegend nur von Vorteil sein kann. Aber sie hat mich mit Kennerblick als jemanden enttarnt, der von diesen drei Frauen gehört haben muß. Der ihr bestätigt, daß ihre Welt doch noch nicht versunken ist. Nach dem Flop mit der Kassiererin war das auch nötig. Wenngleich ich denke, daß es unangemessen war, ihr diese Frage zu stellen und die Antwort deshalb vielleicht verdient.
Europäer wie ich dagegen antworten gern.
Und fragen zurück.
Ob ich Brigitte Bardot kenne, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Die Frage geht an mich, weil eine junge Kassiererin mit diesem Wissen nicht aufwarten konnte. Und so beginnt ein Gespräch, das mir eine kleine Lebensgeschichte eröffnet, von der Medizinerin, die viele Jahre unterrichtet hat, nun im Ruhestand einen Antiquitätenladen betreibt und ein paar Häuser vermietet. Von ihrer Kleidung her könnte sie einer Künstlerkolonie entstammen, ihre Baskenmütze paßt nicht ganz zum gängigen Klischee der Stadt aus Armut und Elend. Sie bemerkt meinen "leichten" Akzent und ordnet meine Gesichtsknochen mit forensisch geschultem Blick Nordeuropa zu. Ich weiß nicht, ob vorher bereits jemand mein Gesicht auf diese Weise gemustert hat, sie aber läßt mich voll teilhaben. Sie könnte an meinem Körper sicher auch ablesen, ob ich Linkshänder bin, Arbeiter oder Optimist. Ich interessiere mich gelegentlich für die Faltenverläufe in Gesichtern, die mir begegnen und stelle mir vor, ob sie noch lächeln können oder in Bitterkeit gefangen sind. Jetzt werde ich auch auf Kiefer-, Wangen-, Stirnknochen achten.
Sie engagiert sich in mehreren Nachbarschaftskomitees und Geschäftsvereinigungen. Und sie fürchtet Einbrüche. Deshalb hat auch sie eine Knarre zuhause. Sie schwärmt von Berlin, wegen der alten Möbel, die sie dort auf Trödelmärkten gesehen hat. Und dem Respekt, den Schüler ihren Lehrern in Europa sicher entgegenbringen würden. Sie wurde mehrmals angegriffen.
Ich frage mich, warum sie gerade mich angesprochen hat. Ich sehe in meiner Aufmachung eigentlich nicht wie ein Bildungsbürger aus, was in dieser Gegend nur von Vorteil sein kann. Aber sie hat mich mit Kennerblick als jemanden enttarnt, der von diesen drei Frauen gehört haben muß. Der ihr bestätigt, daß ihre Welt doch noch nicht versunken ist. Nach dem Flop mit der Kassiererin war das auch nötig. Wenngleich ich denke, daß es unangemessen war, ihr diese Frage zu stellen und die Antwort deshalb vielleicht verdient.
Europäer wie ich dagegen antworten gern.
Und fragen zurück.
February 01, 2009
Im Greyhound auf dem Weg in den Nordosten
Rauhe Gestalten, lange unterwegs. Von Vegas nach New York City, von Arizona nach Pennsylvania. Tage im Bus. Als ich eingestiegen bin, warnt der Fahrer vor Einwandererkontrollen in Toledo, Ohio, falls Ausländer ohne Papiere unter uns sind. Ein Kapuzen-Latino geht nach vorn, verläßt den Bus. Wir fahren die Nacht durch. Auf einer der Pausen geht ein Weißer verloren. Dem Fahrer ist das egal. Dafür erklärt er in scharfem Ton die Regeln Anbord. Was man nicht darf, wo man stehen und was man sagen muß, um ihn während der Fahrt anzusprechen. Ich bin in einem Gefängnisbus unterwegs.
Wer in diesem Bus fährt, hat keine Alternative. Weder Auto, noch Geld für einen Flug. Das Busticket und etwas Junkfood, mehr geht nicht. Der Mann aus Brooklyn verleiht sein Mobiltelefon mit freiem Wochenendtarif. Das brüllende Kind rotzt ohne väterliches Interesse vor sich hin, bekommt dann aber von einer mitreisenden Friseuse eine Packung Kekse. Sie will ihre Ruhe wiederhaben, das ist der Deal. Sie hat schon genug eigene Sorgen. Wegen eine Internetbekanntschaft ist sie aus dem Südwesten nach Cleveland, Ohio gekommen und nun ist sie auf dem Weg zu ihrem Vater und Cleveland ist schon wieder Geschichte für sie. Wo soll man sonst hin, wenn man abgebrannt ist und nicht mehr weiter weiß. Als sie aussteigt, ist ihr Vater nicht zu sehen. Als ich aussteige und im Busbahnhof von Buffalo eine Pause einlege, sitzt neben mir ein Air Force Veteran. Seine Baseballkappe zeugt davon und der Ausweis um den Hals, mit Foto aus besseren Tagen. Sein Haar ist schlohweiß, hinten zu einem kleinen Zopf gebunden und all seine Habe besteht aus einer kleinen Tasche und zwei Plastiktüten. Seine hagere Statur füllt seine alte Bluejeans nicht aus. Ich weiß nicht, ob Armut hier dick macht oder völlig abmagert.
Die unterste Schicht Amerikas sitzt aber nicht im Bus. Die ist tagsüber unterwegs, um Dosen aus dem Müll zu sammeln, kauert sich nachts in Nischen oder schläft unter Bergen von Decken unter Brücken. Zwischen denen im Bus und denen unter der Brücke leben die Getarnten, die unauffällig in Kleidung und Verhalten ihre Armut gut verstecken und von Tagelöhnerjob zu befristeter Unterkunft ziehen. Die z.B. im Rooming House unterkommen - solange sie die Miete zahlen können und sich an alle Regeln halten. Zweien aus meiner Unterkunft gelang das nicht mehr. Sie ließen sich gehen und flogen raus, wurden aussortiert. Ich kenne ihre Geschichten noch vom letzten Mal. Komplizierte Geschichten, die in diesem engmaschigen Regelnetz erstickten. Und die schwarze Frau, die für Obama einen Kuchen gebacken hatte, die ihre besten Klamotten anzog, um sich bei Hotels zu bewerben, die immer wütender wurde, weil die vom Sozialamt hart mit ihr umgingen und die Hotels an ihr nicht interessiert waren, mußte ebenfalls raus. Sie konnte nicht mehr zahlen. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.
Vom mir wollten sie die Versicherung, daß jemand für den Rücktransport meines toten Körpers aufkommt, nur für den Fall, Sie verstehen. Wenn es ums Geld geht, wird die Sprache direkt. Mein toter Körper wird für mich zahlen, keine Sorge, er regelt das schon. Er fliegt gern Air India wegen der tollen Atmosphäre und der großzügig ausgeschenkten Whiskeys.
Holy Smokey!
Wer in diesem Bus fährt, hat keine Alternative. Weder Auto, noch Geld für einen Flug. Das Busticket und etwas Junkfood, mehr geht nicht. Der Mann aus Brooklyn verleiht sein Mobiltelefon mit freiem Wochenendtarif. Das brüllende Kind rotzt ohne väterliches Interesse vor sich hin, bekommt dann aber von einer mitreisenden Friseuse eine Packung Kekse. Sie will ihre Ruhe wiederhaben, das ist der Deal. Sie hat schon genug eigene Sorgen. Wegen eine Internetbekanntschaft ist sie aus dem Südwesten nach Cleveland, Ohio gekommen und nun ist sie auf dem Weg zu ihrem Vater und Cleveland ist schon wieder Geschichte für sie. Wo soll man sonst hin, wenn man abgebrannt ist und nicht mehr weiter weiß. Als sie aussteigt, ist ihr Vater nicht zu sehen. Als ich aussteige und im Busbahnhof von Buffalo eine Pause einlege, sitzt neben mir ein Air Force Veteran. Seine Baseballkappe zeugt davon und der Ausweis um den Hals, mit Foto aus besseren Tagen. Sein Haar ist schlohweiß, hinten zu einem kleinen Zopf gebunden und all seine Habe besteht aus einer kleinen Tasche und zwei Plastiktüten. Seine hagere Statur füllt seine alte Bluejeans nicht aus. Ich weiß nicht, ob Armut hier dick macht oder völlig abmagert.
Die unterste Schicht Amerikas sitzt aber nicht im Bus. Die ist tagsüber unterwegs, um Dosen aus dem Müll zu sammeln, kauert sich nachts in Nischen oder schläft unter Bergen von Decken unter Brücken. Zwischen denen im Bus und denen unter der Brücke leben die Getarnten, die unauffällig in Kleidung und Verhalten ihre Armut gut verstecken und von Tagelöhnerjob zu befristeter Unterkunft ziehen. Die z.B. im Rooming House unterkommen - solange sie die Miete zahlen können und sich an alle Regeln halten. Zweien aus meiner Unterkunft gelang das nicht mehr. Sie ließen sich gehen und flogen raus, wurden aussortiert. Ich kenne ihre Geschichten noch vom letzten Mal. Komplizierte Geschichten, die in diesem engmaschigen Regelnetz erstickten. Und die schwarze Frau, die für Obama einen Kuchen gebacken hatte, die ihre besten Klamotten anzog, um sich bei Hotels zu bewerben, die immer wütender wurde, weil die vom Sozialamt hart mit ihr umgingen und die Hotels an ihr nicht interessiert waren, mußte ebenfalls raus. Sie konnte nicht mehr zahlen. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.
Vom mir wollten sie die Versicherung, daß jemand für den Rücktransport meines toten Körpers aufkommt, nur für den Fall, Sie verstehen. Wenn es ums Geld geht, wird die Sprache direkt. Mein toter Körper wird für mich zahlen, keine Sorge, er regelt das schon. Er fliegt gern Air India wegen der tollen Atmosphäre und der großzügig ausgeschenkten Whiskeys.
Holy Smokey!
October 05, 2008
Der Katzenmann
Wieder auf langer Fahrt im Greyhound. Volle Besetzung. Ich bin umzingelt von besonders dicken Menschen. Vor und neben mir die 120kg-Klasse, hinter mir 150kg, die nicht auf einen Sitz passen. Es ist so eng, ich bekomme für ein paar Minuten Panik, kann mich nicht mehr bewegen. Denke an das Gesicht des Mädchens, das seine besonders dicke Mutter im Supermarkt begleitete. Die fuhr im E-Wagen die Reihen ab. Elektrowägelchen stehen hier allen zur Verfügung, deren Körperfülle das Einkaufen sonst zur Qual werden ließe. Guter Service. Keine Regung im Gesicht des Mädchens. Sie scheint daran gewöhnt zu sein. Oder es ist in dieser Gesellschaft einfacher für die besonders Dicken. Bei einem Zwischenstopp sichert sich meine Beisitzerin eine eigene Sitzreihe und es kommt der Katzenmann. "Du siehst am ungefährlichsten aus" (least threatening) begrüßt er mich. Oft sind die Greyhoundreisenden eine wilde Truppe und keiner ist gerne in diesen Bussen. Deshalb kühlt die Klimaanlage die Gemüter auch besonders herunter. Als ein Kind schreit, wirft ein alter Daddy der Mutter wütende Blicke zu, beschwert sich schließlich beim Fahrer. Der fordert die Mutter über Lautsprecher 2x auf, das Kind "unter Kontrolle" zu bringen, sie sei hier nicht zuhause. Das für die antiautoritären deutschen Maßstäbe nur mäßig schreiende Kind läßt sich von der Durchsage überzeugen. Niemand im ganzen Bus stört sich am Durchgreifen des Fahrers.
Der Katzenmann neben mir trägt einen australischen Outbackmantel, der nach Mittagessen und Staub alter Möbel riecht. Die besonders Dicken haben ihre Techniken, Zusteigende vom Dazusetzen abzubringen, doch jeder Platz wird gebraucht. Mir wird plötzlich klar, daß Kleinwagen doch keine Zukunft haben, sie passen einfach nicht zu den Menschen, die immer dicker und größer werden. Die fahren hier dann auch die alten amerikanischen "Fullsize"-Modelle, oder soweit sie mehr Geld haben, die dicken SUVs. Der Katzenmann zieht seinen Mantel aus. Er erzählt mir, daß er vollkommen pleite auf dem Weg zur Beerdigung seiner Großmutter ist. Er reist mit 75 Cent in der Tasche. Das reicht um seinen Bruder anzurufen, sobald er dort angekommen ist, wo er abgeholt werden kann. Seine Wortwahl ist nicht sendefähig, seine Zähne sind ockerfarben vom Rauchen, Selbstgedrehtes spart Geld.
Ich falle in den Sekundenschlaf, mein Kopf knallt zweimal gegen den Fensterrahmen. Soweit ich wach bin, versuche ich die Luft aus dem Schlitz der Klimaanlage aufzusaugen. Der Katzenmann riecht nach einer Mischung aus Katzenkot und altem Schweiß. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter hat Erfahrungen mit dem bewußtseinsverändernden Chemiebaukasten und er war wohl auch nicht immer auf der Seite der Enthaltsamen. Jetzt ist er 47 und übt sich in der Kunst, Jesus aus Papiermasse zu formen, die aus Schnipseln und Tapetenkleber entsteht. Sein Husten ist trocken und heiser. Ich hätte gern ein paar Zentimeter mehr Platz, aber werde auch so überleben, hoffentlich. Er wird seine Wäsche waschen, wenn er bei seinem Bruder unterkommt, wieder ein bißchen Geld in die Hände bekommen und um seine Großmutter weinen, wenn es ihm paßt, jedenfalls nicht zur Beerdigung. Einen Monat will er bleiben, wenn es geht. Er wünscht mir Gottes Segen zum Abschied und ich frage ihn nicht nach seinen Katzen. Ich fahre mit den Dicken weiter durch die Nacht und lasse ihn im Dunkeln zurück, den Mann aus Niagara Falls mit dem irren Lachen und dem Duft, der mir fast den Rest gegeben hätte. Take care, Katzenmann.
Der Katzenmann neben mir trägt einen australischen Outbackmantel, der nach Mittagessen und Staub alter Möbel riecht. Die besonders Dicken haben ihre Techniken, Zusteigende vom Dazusetzen abzubringen, doch jeder Platz wird gebraucht. Mir wird plötzlich klar, daß Kleinwagen doch keine Zukunft haben, sie passen einfach nicht zu den Menschen, die immer dicker und größer werden. Die fahren hier dann auch die alten amerikanischen "Fullsize"-Modelle, oder soweit sie mehr Geld haben, die dicken SUVs. Der Katzenmann zieht seinen Mantel aus. Er erzählt mir, daß er vollkommen pleite auf dem Weg zur Beerdigung seiner Großmutter ist. Er reist mit 75 Cent in der Tasche. Das reicht um seinen Bruder anzurufen, sobald er dort angekommen ist, wo er abgeholt werden kann. Seine Wortwahl ist nicht sendefähig, seine Zähne sind ockerfarben vom Rauchen, Selbstgedrehtes spart Geld.
Ich falle in den Sekundenschlaf, mein Kopf knallt zweimal gegen den Fensterrahmen. Soweit ich wach bin, versuche ich die Luft aus dem Schlitz der Klimaanlage aufzusaugen. Der Katzenmann riecht nach einer Mischung aus Katzenkot und altem Schweiß. Er kommt aus schwierigen Verhältnissen. Seine Mutter hat Erfahrungen mit dem bewußtseinsverändernden Chemiebaukasten und er war wohl auch nicht immer auf der Seite der Enthaltsamen. Jetzt ist er 47 und übt sich in der Kunst, Jesus aus Papiermasse zu formen, die aus Schnipseln und Tapetenkleber entsteht. Sein Husten ist trocken und heiser. Ich hätte gern ein paar Zentimeter mehr Platz, aber werde auch so überleben, hoffentlich. Er wird seine Wäsche waschen, wenn er bei seinem Bruder unterkommt, wieder ein bißchen Geld in die Hände bekommen und um seine Großmutter weinen, wenn es ihm paßt, jedenfalls nicht zur Beerdigung. Einen Monat will er bleiben, wenn es geht. Er wünscht mir Gottes Segen zum Abschied und ich frage ihn nicht nach seinen Katzen. Ich fahre mit den Dicken weiter durch die Nacht und lasse ihn im Dunkeln zurück, den Mann aus Niagara Falls mit dem irren Lachen und dem Duft, der mir fast den Rest gegeben hätte. Take care, Katzenmann.
October 03, 2008
Amishland
Wir rauschen durch das Land. Wälder ziehen an uns vorbei, lautlos. Nur die Fahrgeräusche untermalen die Landschaft. Der Tempomat nährt die Vorstellung, in einem Film zu sitzen. Der Wagen schaltet selbst. Das Lenken ist nur ein Ritual, nicht wirklich nötig, schießt es mir durch den Kopf. Aber ich dränge den Gedanken zurück. Was ich mir unter Pennsylvania vorstelle, kann ich nicht spüren, so schnell sind wir. Dafür laufe ich nachts durch die Orte. Kann das Knirschen unter meinen Sohlen hören, den Wind spüren und die schlafenden Häuser betrachten. Nachts erzählen sie eine andere Geschichte. Die Zikaden erzeugen einen exotischen Klangteppich dazu.
Die einzigen hell erleuchteten Inseln der Zivilisation sind die Tankstellen. Dort kaufe ich Kaffee, auch wenn der meist kein Genuß ist. Aber er wärmt die Hände in der kühlen Nacht. Und er gibt mir Gelegenheit, die "Locals" zu betrachten, die sich mit Sandwiches, Zigaretten und Treibstoff eindecken. Ich weiß nicht, warum sich die Nacht- so von den Tagesmenschen unterscheiden. Aber sie tun es. Ich falle dabei nicht weiter auf. Niemand bemerkt, daß ich aus dem Dunkeln komme und wieder in die Nacht entschwinde, während alle anderen in ihre Autos steigen.
Das Amishland kündigt sich ganz überraschend an. Zwei Kutschen wollen die Schnellstraße überqueren. Ich bewundere ihre Lebensweise, auch wenn ich viel zu wenig über die Amish weiß. Nachts höre ich Hufe im Galopp auf den Asphalt schlagen, dann sehe ich die Lampen der Kutschen näherkommen. Auf dem nahen Highway ziehen die Lastzüge vorbei. 2 Welten, die nebeneinander bestehen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
Die einzigen hell erleuchteten Inseln der Zivilisation sind die Tankstellen. Dort kaufe ich Kaffee, auch wenn der meist kein Genuß ist. Aber er wärmt die Hände in der kühlen Nacht. Und er gibt mir Gelegenheit, die "Locals" zu betrachten, die sich mit Sandwiches, Zigaretten und Treibstoff eindecken. Ich weiß nicht, warum sich die Nacht- so von den Tagesmenschen unterscheiden. Aber sie tun es. Ich falle dabei nicht weiter auf. Niemand bemerkt, daß ich aus dem Dunkeln komme und wieder in die Nacht entschwinde, während alle anderen in ihre Autos steigen.
Das Amishland kündigt sich ganz überraschend an. Zwei Kutschen wollen die Schnellstraße überqueren. Ich bewundere ihre Lebensweise, auch wenn ich viel zu wenig über die Amish weiß. Nachts höre ich Hufe im Galopp auf den Asphalt schlagen, dann sehe ich die Lampen der Kutschen näherkommen. Auf dem nahen Highway ziehen die Lastzüge vorbei. 2 Welten, die nebeneinander bestehen, in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.
October 02, 2008
Bergland
Der Wagen gibt Alarm. Was ich auch mache, das Hupen und Blinken hört nicht auf, was im Dunkeln besonders eindrucksvoll ist. Wie ein Dieb starte ich den Motor und fahre dorthin, wo Männer und Autos zusammenkommen. Am Ortseingang gibt es eine Tankstelle. Ich spreche zwei an, die aussehen, als würden sie in die Gegend passen. Der Dialekt klingt nach Südstaaten. West Virginia, rauh, arm, bergig. Bergarbeiter haben hier seit Jahrhunderten in den Appalachen geschürft und nach wie vor werden hier ganze Berge abgetragen.
In dieser Gegend fährt man die großen Pickup Trucks, egal was das Benzin kostet. Und man jagt. In den Läden werden Tarnkleidung, Flinten und Bögen verkauft. Eine Frage der Identität. Was da hupt und blinkt, muß dagegen wirken wie ein Ufo. Ein Chevy Kleinwagen aus Korea in West Virginia, gefahren von einem Deutschen. Die Männer sind freundlich, versuchen zu helfen. Der eine trägt ein beigefarbenes Uniformhemd. Er ist Waldbrandbekämpfer, war gerade für ein paar Monate in Kalifornien im Einsatz. Könnte nicht in der Stadt wohnen. Braucht die Ruhe. Schüttelt den Kopf über die Holzschindeldächer der Häuser in den Waldbrandgebieten, in denen eigentlich niemand siedeln sollte. Wie die Häuser in New Orleans unter dem Wasserspiegel, füge ich hinzu. Sein Vater war POW (Prisoner of War), im 2.Weltkrieg Gefangener der Deutschen. Sie haben ihn ordentlich behandelt. Sein Rheuma kuriert. Er ist 85 geworden.
Die Männer entschuldigen sich, daß sie keine Lösung für den Alarm aus Korea haben. Ich frage nach dem Ortsnamen, um Alamo anzurufen. Belington, West Virginia. Sie nennen auch den Namen ihres Staates – ein Tourist weiß vielleicht nicht, in welchem Bundesstaat er sich befindet. Der Unterton enthält nichts als Hilfsbereitschaft. Am Ende hat ein Dritter die rettende Idee, wie man einem koreanischen Auto erklärt, was ein Fehlalarm ist. Händeschüttelnd wird Abschied genommen.
Ich gehe einen großen Kaffee kaufen. EinDollarneunundddreißig. Fahre zurück zum Motel. Eines, das dazu geschaffen ist, den Stuhl vor die Zimmertür zu stellen und nachts die Wagen vorbeifahren zu sehen. Die kühle Luft riecht nach Rauch, der Himmel ist klar. Die Republikaner haben hier ein kleines Wahlbüro, an 3 Tagen der Woche geöffnet. Ein Zug steht hinter den Häusern. Er sieht nicht aus, als wäre er nur ein Ausstellungsstück. Vor dem Senior Center steht ein umgewidmeter Briefkasten. Zur Aufnahme zu entsorgender US-Flaggen. Es versteht sich, daß man sie nicht einfach in den Müll werfen kann. Manche Dinge haben eine besondere Bedeutung und verdienen Respekt auch der Andersdenkenden. Die Kirche ist wie ein Lagerhaus gebaut. Schnell und einfach in Fertigbauweise. Die Fortsetzung der protestantischen Idee von Schlichtheit.
Ich bleibe vor einer Bar stehen und lausche der Musik. Country. Schemenhaft kann ich eine Frau beim Billardspielen sehen. Die Bar ist fensterlos, verhüllt wie ein Geheimnis, nur die Tür hat etwas Schmutzglas. Als ich das Lied erkenne, stürmt ein Langhaariger aus der Tür und will wissen, was ich hier mache, er vermutet feindliche Absichten. Ich entwaffne ihn mit der Wahrheit und meinem Kaffeebecher in der Hand. Der steht für den Lebensstil der urbanen Mittelschichts-Amerikaner, immer busy, immer „on the run“, Und: mit einem Kaffee in der Hand greift man nicht an. Eine weiße Fahne, die man trinken kann. Der Ort hat einen Supermarkt. Hier gibt es endlich Bier, anders als in Pennsylvania. Und DVDs zu mieten, für 79 Cents. Ich miete Jodie Foster. Den Film, den die Europäer nicht mochten, weil sie Gerechtigkeit mit der Knarre sucht, statt den Staat zu bemühen. Ein Haus weiter ein Laundromat. Wäsche waschen für ein paar Dollars. Ich mag diesen Waschmittelduft. Die Wärme der Trockner. Aber alles ist dunkel. Schon nach 10. Zeit, zuhause zu sein. Das hier ist keine Stadt. Die Nacht hat ihre Geltung bewahrt für die 1.800 in Belington, West Virginia.
In dieser Gegend fährt man die großen Pickup Trucks, egal was das Benzin kostet. Und man jagt. In den Läden werden Tarnkleidung, Flinten und Bögen verkauft. Eine Frage der Identität. Was da hupt und blinkt, muß dagegen wirken wie ein Ufo. Ein Chevy Kleinwagen aus Korea in West Virginia, gefahren von einem Deutschen. Die Männer sind freundlich, versuchen zu helfen. Der eine trägt ein beigefarbenes Uniformhemd. Er ist Waldbrandbekämpfer, war gerade für ein paar Monate in Kalifornien im Einsatz. Könnte nicht in der Stadt wohnen. Braucht die Ruhe. Schüttelt den Kopf über die Holzschindeldächer der Häuser in den Waldbrandgebieten, in denen eigentlich niemand siedeln sollte. Wie die Häuser in New Orleans unter dem Wasserspiegel, füge ich hinzu. Sein Vater war POW (Prisoner of War), im 2.Weltkrieg Gefangener der Deutschen. Sie haben ihn ordentlich behandelt. Sein Rheuma kuriert. Er ist 85 geworden.
Die Männer entschuldigen sich, daß sie keine Lösung für den Alarm aus Korea haben. Ich frage nach dem Ortsnamen, um Alamo anzurufen. Belington, West Virginia. Sie nennen auch den Namen ihres Staates – ein Tourist weiß vielleicht nicht, in welchem Bundesstaat er sich befindet. Der Unterton enthält nichts als Hilfsbereitschaft. Am Ende hat ein Dritter die rettende Idee, wie man einem koreanischen Auto erklärt, was ein Fehlalarm ist. Händeschüttelnd wird Abschied genommen.
Ich gehe einen großen Kaffee kaufen. EinDollarneunundddreißig. Fahre zurück zum Motel. Eines, das dazu geschaffen ist, den Stuhl vor die Zimmertür zu stellen und nachts die Wagen vorbeifahren zu sehen. Die kühle Luft riecht nach Rauch, der Himmel ist klar. Die Republikaner haben hier ein kleines Wahlbüro, an 3 Tagen der Woche geöffnet. Ein Zug steht hinter den Häusern. Er sieht nicht aus, als wäre er nur ein Ausstellungsstück. Vor dem Senior Center steht ein umgewidmeter Briefkasten. Zur Aufnahme zu entsorgender US-Flaggen. Es versteht sich, daß man sie nicht einfach in den Müll werfen kann. Manche Dinge haben eine besondere Bedeutung und verdienen Respekt auch der Andersdenkenden. Die Kirche ist wie ein Lagerhaus gebaut. Schnell und einfach in Fertigbauweise. Die Fortsetzung der protestantischen Idee von Schlichtheit.
Ich bleibe vor einer Bar stehen und lausche der Musik. Country. Schemenhaft kann ich eine Frau beim Billardspielen sehen. Die Bar ist fensterlos, verhüllt wie ein Geheimnis, nur die Tür hat etwas Schmutzglas. Als ich das Lied erkenne, stürmt ein Langhaariger aus der Tür und will wissen, was ich hier mache, er vermutet feindliche Absichten. Ich entwaffne ihn mit der Wahrheit und meinem Kaffeebecher in der Hand. Der steht für den Lebensstil der urbanen Mittelschichts-Amerikaner, immer busy, immer „on the run“, Und: mit einem Kaffee in der Hand greift man nicht an. Eine weiße Fahne, die man trinken kann. Der Ort hat einen Supermarkt. Hier gibt es endlich Bier, anders als in Pennsylvania. Und DVDs zu mieten, für 79 Cents. Ich miete Jodie Foster. Den Film, den die Europäer nicht mochten, weil sie Gerechtigkeit mit der Knarre sucht, statt den Staat zu bemühen. Ein Haus weiter ein Laundromat. Wäsche waschen für ein paar Dollars. Ich mag diesen Waschmittelduft. Die Wärme der Trockner. Aber alles ist dunkel. Schon nach 10. Zeit, zuhause zu sein. Das hier ist keine Stadt. Die Nacht hat ihre Geltung bewahrt für die 1.800 in Belington, West Virginia.
September 20, 2008
West Side Story
Einen Block von mir entfernt beginnt die West Side. Früher das Gebiet der Italiener. Heute wohnen dort Latinos, hauptsächlich. Die Gegend ist arm, die Häuser sind in schlechtem Zustand, ein Gebiet, in dem Drogen und Kriminalität zu Hause sind. Vor einem Gebäude ein handbemaltes Schild und Fahrradständer. Ich bin pünktlich, aber die meisten sind schon da. Das Gebäude war eine Stadtbücherei. Die Bücher und Computer sind geblieben und der Nachbarschaft übergeben worden. Rückzug aus dem Viertel. Als ich frage, ob ich mich neben ihn setzen dürfe, antwortet der Mann, er habe 4 Tage nicht geduscht. Interessante Eröffnung. Erinnert mich an eine Militärstrategie. Angreifen, um dem Angriff zuvorzukommen. Die Art von schleichender Veränderung, die einen irgendwann im Bademantel enden läßt, den man nicht mehr verläßt. Ich setze mich und frage ihn warum, denn er hat seine Duschgewohnheiten aus der Privatsphäre entlassen und mir zugänglich gemacht. Er ist bequem und ohne Arbeit, sagt er. Im Raum gibt es kaum einen "Average Joe", keinen Durchschnittsbürger, und ich weiß, daß das oberflächlich klingt. Vielleicht aber ist der Preis für die Mitgliedschaft in der Mittelschicht die Anpassung hin zu einem stromlinienförmigen Abziehbild, Individualismus verbotenes Terrain - was wir natürlich nicht zugeben.
Einen Tag zuvor war ich in einer Nebenstraße des Viertels in einem Barber Shop, bekam einen Haarschnitt von einem jungen Puertoricaner verpaßt, seit 8 Monaten in den USA, was sein schlechtes Englisch erklärt. Eigentlich schreibt er Songtexte, Rap, Reggaeton , R+B, auf Spanisch. Er zeigt auf eine Tasche voller Papiere. Ich finde nicht, daß er Haare schneiden kann. Er erzählt mir von den Straßenschießereien und der korrupten Polizei in Puerto Rico. Keiner in dem Laden kann meine 20-Dollarnote wechseln.
Die Veranstaltung wird von 3 jungen Typen betrieben. Community Activists, wie einst Obama in Chicago oder Pfarrer in schwarzen Gemeinden. Die Anwesenden werden aus der Reserve gelockt, den Zuschauern unserer TV-Shows gleich, bevor die Sendung beginnt. "Warming up"- Methoden, die wirken, mich aber innerlich in die Reserve treiben. Nach 10-monatigen Bemühungen hatten sie ihren Termin beim Bürgermeister und sind ganz angetan. Aber hier wird viel geredet und nicht ganz so viel umgesetzt. Nun steht eine "Street Rally" bevor, ein Marsch durch die Downtown, um ihre Forderungen zu stärken. Von den vielen leerstehenden, rottenden Häusern 100 modernisieren und 50% der Arbeit durch Leute aus der Nachbarschaft erledigen lassen. Entlohnte Arbeit schaffen und die Häuser wärmedämmen. Hier scheint es keinen Unwillen zu geben, harte Jobs anzunehmen. Freiwillige werden gesucht, um Anrufe zu machen: Nachbarn bewegen, am Marsch teilzunehmen. Die Leute hier sind mit ihrem Viertel verbunden. Ich denke an meine Mitbewohner. Keiner scheint diese Bindung zu haben. Ein Rooming House sieht so etwas auch nicht vor. Wer hier auf Dauer wohnt, ist hängengeblieben, möchte fort und bleibt doch hier, hat irgendwann aufgehört mit dem Versuch, wegzukommen.
Ein paar Tage zuvor habe ich einen halben Tag auf einer Konferenz der Kunstinstitutionenvertreter zugebracht. Die Kunst in der Stadt stärken durch Schilder an den Schnellstraßen. Hier abbiegen zum Museum. Es soll mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke an meinen ersten Kontakt zur Kunst in dieser Region. Im Schulbus wurden wir zu einem Fest der Native Americans gefahren. Eine schöne Erinnerung. Kein Thema für die Profis. Ich tausche Visitenkarten. Diese Stadt hat viele Gesichter, die irgendwie nicht zueinander passen.
Einen Tag zuvor war ich in einer Nebenstraße des Viertels in einem Barber Shop, bekam einen Haarschnitt von einem jungen Puertoricaner verpaßt, seit 8 Monaten in den USA, was sein schlechtes Englisch erklärt. Eigentlich schreibt er Songtexte, Rap, Reggaeton , R+B, auf Spanisch. Er zeigt auf eine Tasche voller Papiere. Ich finde nicht, daß er Haare schneiden kann. Er erzählt mir von den Straßenschießereien und der korrupten Polizei in Puerto Rico. Keiner in dem Laden kann meine 20-Dollarnote wechseln.
Die Veranstaltung wird von 3 jungen Typen betrieben. Community Activists, wie einst Obama in Chicago oder Pfarrer in schwarzen Gemeinden. Die Anwesenden werden aus der Reserve gelockt, den Zuschauern unserer TV-Shows gleich, bevor die Sendung beginnt. "Warming up"- Methoden, die wirken, mich aber innerlich in die Reserve treiben. Nach 10-monatigen Bemühungen hatten sie ihren Termin beim Bürgermeister und sind ganz angetan. Aber hier wird viel geredet und nicht ganz so viel umgesetzt. Nun steht eine "Street Rally" bevor, ein Marsch durch die Downtown, um ihre Forderungen zu stärken. Von den vielen leerstehenden, rottenden Häusern 100 modernisieren und 50% der Arbeit durch Leute aus der Nachbarschaft erledigen lassen. Entlohnte Arbeit schaffen und die Häuser wärmedämmen. Hier scheint es keinen Unwillen zu geben, harte Jobs anzunehmen. Freiwillige werden gesucht, um Anrufe zu machen: Nachbarn bewegen, am Marsch teilzunehmen. Die Leute hier sind mit ihrem Viertel verbunden. Ich denke an meine Mitbewohner. Keiner scheint diese Bindung zu haben. Ein Rooming House sieht so etwas auch nicht vor. Wer hier auf Dauer wohnt, ist hängengeblieben, möchte fort und bleibt doch hier, hat irgendwann aufgehört mit dem Versuch, wegzukommen.
Ein paar Tage zuvor habe ich einen halben Tag auf einer Konferenz der Kunstinstitutionenvertreter zugebracht. Die Kunst in der Stadt stärken durch Schilder an den Schnellstraßen. Hier abbiegen zum Museum. Es soll mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke an meinen ersten Kontakt zur Kunst in dieser Region. Im Schulbus wurden wir zu einem Fest der Native Americans gefahren. Eine schöne Erinnerung. Kein Thema für die Profis. Ich tausche Visitenkarten. Diese Stadt hat viele Gesichter, die irgendwie nicht zueinander passen.
September 10, 2008
What would Mingus do
Als ich dort eintreffe, möchte ich eigentlich gleich wieder umdrehen. Aber ich kenne diesen Impuls in mir zu gut. Wieder umdrehen. Froh sein, einen Grund zu finden. Es ist dunkel, beginnt zu nieseln, Wolken kündigen Regen an. Ich bin nun aber schon vor dem Laden. Finde eine Stelle, das Rad anzuschließen. Es ist eine Bar, wie es sie hier viele gibt. Schummrig, Barhocker, Gestalten mittleren Alters am Tresen, die hier hingehören, wie der Barmann, das dunkle Holz, die Schnapsflaschen. Ob sie miteinander reden oder nicht. An der Frontseite bedient eine Frau die Bratpfannen. Fritten und Hühnereien. Buffalo bildet sich etwas ein auf seine "Chicken Wings". Ich gehe durch nach hinten und sehe die Band. Sie spielt bereits. Vor ihnen 12 Tische mit roten Decken, eine bunte Lichterkette hängt an der Wand, gedämmte Blechlampen verbreiten schummriges Licht. Niemand sonst im Raum. Außer der Band, die erstklassigen Jazz spielt. Ich kehre um, ein Bier besorgen. Kann es nicht lassen. Obwohl Bier in diesem Land wirklich keine Freude ist. Frage nach einem "local beer", entdecke Yuengling vom Hahn und bekomme es, ohne Schaum, wie es hier üblich ist. Die Band spielt und braucht niemanden sonst, das merkt man ihr an. Sie scheinen daran gewöhnt zu sein, ohne Publikum aufzutreten. Als ich klatsche, werden sie aufmerksam, schauen herüber. Ich beschließe, eine Glatteisfrage zu stellen. Ob das wirklich alles von Mingus ist. Irgendwie klingt es mir nur ein bißchen nach ihm. Als wenn ich das wirklich sagen könnte. Da ist wirklich Glatteis, aber ich lande weich. Nichts ist von Mingus, alles selbst komponiert. Der Bandname ist von der hier unter Christen gängigen Formel "what would Jesus do", abgegeleitet. Gewagt, Kameraden. In der Pause kommt der Saxophonist zu mir herüber. Hat alle Platten von Mingus. Kam aus Minneapolis hierher, weil seine Frau in dieser Stadt einen Job angenommen hat. Buffalo kann ihn brauchen. Ich erzähle ihm warum ich hier bin. Und daß ich die Stadt wirklich mag. Nach der Pause sind drei weitere Zuschauer an den Tischen. Der Jazz riecht nach gebratenen Chicken Wings. Was würde Mingus dazu sagen. Mingus war schwarz, Chicken scheinen mir ein Teil des "Soul Food" zu sein, der Küchenkultur der Schwarzen aus dem Süden. Buffalos Chicken Wings werden aber von allen Hautfarben geschätzt. Ich hasse mich für diesen Virus in meinem Kopf. Dieses Denken in Hautfarben. Mingus würde es nicht gefallen, daß seine Musik nach Huhn riecht. Aber diese Musik ist nicht von ihm.
Neulich habe ich einem geschätzten schwarzen Mitbewohner mit Verve erklärt, daß ich kein Weißer bin. Er hat zugestimmt, in dem Sinn wie es von mir gemeint war. Schwarz-Weiß als Kulturbegriff. Aber hier kann niemand entkommen. Der legale Rassismus ist nicht lange her. Rosa Parks coole Busaktion fand 1955 statt. Sie weigerte sich, für einen Weißen den Sitzplatz zu räumen und wurde dafür verhaftet. Martin Luther Kings Marsch nach Washington war 1963. In diesem Sinn ist Obama kein Schwarzer, wurde mir erklärt. Seine Mutter war eine Weiße, sein Vater Afrikaner.
Ich höre wieder dem Jazz zu. Ein Tick zu melodisch für meine Ohren. Aber ich mag es, wenn Trompete und Tenorsaxophon synchron die gleiche Melodie spielen. Frage den Barmann nach einem Tee. Nach langem Wühlen zuckt er mit den Schultern. Hier trinkt keiner Tee. Zumindest ich muß noch fahren. Das ist eine Kneipe für den ordinary American von den 40ern an aufwärts. Hier hängen keine Sportfernseher an den Wänden, wie bei den Etablissements für die jüngere Generation. Nun, nicht für ganz Gallien. Gestern abend bin ich zu einer alten, ausgedienten Polizeiwache gefahren. Precinct 17. Darin befindet sich eine große Fahrradwerkstatt. Voller Räder, Reifen, Bremsen, Lenker, Werkzeug. Sie schrauben hier Räder zusammen, bemalen sie und fertig ist das Radsharing Programm. Buffalo Blue Bicycle. Mein Rad hat nun keine 8 mehr im Hinterrad und statt 4 fast 10 Gänge. Erinnert mich an das Meerbaumhaus in Moabit. Nur sind die Leute hier jünger. Und das Haus wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt, die auch Strom und Gas bezahlt. Respekt. Bei nur 2 Straßen, die hier Radstreifen haben, und Autofahrern, die erwarten, daß man auf dem Bürgersteig radelt. In der Werkstatt läuft ein alter Pioneer-Receiver. Die Seife riecht nach Orangen. Ich nehme einen tiefen Zug. Und fahre zurück durch die kühle Nacht.
Neulich habe ich einem geschätzten schwarzen Mitbewohner mit Verve erklärt, daß ich kein Weißer bin. Er hat zugestimmt, in dem Sinn wie es von mir gemeint war. Schwarz-Weiß als Kulturbegriff. Aber hier kann niemand entkommen. Der legale Rassismus ist nicht lange her. Rosa Parks coole Busaktion fand 1955 statt. Sie weigerte sich, für einen Weißen den Sitzplatz zu räumen und wurde dafür verhaftet. Martin Luther Kings Marsch nach Washington war 1963. In diesem Sinn ist Obama kein Schwarzer, wurde mir erklärt. Seine Mutter war eine Weiße, sein Vater Afrikaner.
Ich höre wieder dem Jazz zu. Ein Tick zu melodisch für meine Ohren. Aber ich mag es, wenn Trompete und Tenorsaxophon synchron die gleiche Melodie spielen. Frage den Barmann nach einem Tee. Nach langem Wühlen zuckt er mit den Schultern. Hier trinkt keiner Tee. Zumindest ich muß noch fahren. Das ist eine Kneipe für den ordinary American von den 40ern an aufwärts. Hier hängen keine Sportfernseher an den Wänden, wie bei den Etablissements für die jüngere Generation. Nun, nicht für ganz Gallien. Gestern abend bin ich zu einer alten, ausgedienten Polizeiwache gefahren. Precinct 17. Darin befindet sich eine große Fahrradwerkstatt. Voller Räder, Reifen, Bremsen, Lenker, Werkzeug. Sie schrauben hier Räder zusammen, bemalen sie und fertig ist das Radsharing Programm. Buffalo Blue Bicycle. Mein Rad hat nun keine 8 mehr im Hinterrad und statt 4 fast 10 Gänge. Erinnert mich an das Meerbaumhaus in Moabit. Nur sind die Leute hier jünger. Und das Haus wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt, die auch Strom und Gas bezahlt. Respekt. Bei nur 2 Straßen, die hier Radstreifen haben, und Autofahrern, die erwarten, daß man auf dem Bürgersteig radelt. In der Werkstatt läuft ein alter Pioneer-Receiver. Die Seife riecht nach Orangen. Ich nehme einen tiefen Zug. Und fahre zurück durch die kühle Nacht.
September 04, 2008
Der japanische Garten
Ich fahre durch die East Side. Die Gegend mit den größten Problemen der Stadt. Viele Häuser leer, Fenster und Türen sind mit Brettern vernagelt. Gesprayte Symbole besagen, daß es unsicher ist, die Häuser zu betreten. Hinweise für die Feuerwehr. Dazwischen spielende Kinder, Erwachsene auf der Veranda, alles African Americans. Die Zeit vergeht hier langsam. Die Eckläden sind wie Festungen gesichert. Dort gibt es Lebensmittel, Toastbrot, Coke im Neonlicht. Die East Side war das Siedlungsgebiet der Deutschen und der Polen. Polen sind noch dort, Deutsche nicht. Die Straße wird breiter, mehrspurig und gefährlich. Ich befinde mich auf dem Terrain der Autofahrer, die ungern ausweichen. Als 2 Spuren nach links abbiegen, bin ich am Ziel. Die Mall ist eine der größten in New York, mit 250 Läden. Wahrscheinlich bin ich seit langem der erste, der per Rad kommt - und einer der wenigen, die nichts kaufen werden. Nüchterne Hallen umzingelt von Parkplätzen, ein großes Kino inklusive. Mir gehen die weiten Wegstrecken durch den Kopf, die die Menschen hier zurücklegen, wahrscheinlich ohne es auch nur zu merken. Und mir fällt auf, wie wenig elitär und exklusiv die Läden sind, ihr Design, ihre Ware. Hier gibt es keine Standesdifferenzierung. Die Stühle sind mit dem gefliesten Boden verschraubt, kein Essen kostet auch nur 10 Dollars, dort wo die schnelle Gastronomiemeile ist.
Als ich wieder draußen bin, ist es immer noch hell. Die Sonne scheint wie zuvor, die Autos rauschen dahin auf ihrem Weg. Ich nehme den gleichen Weg zurück und die Leute sitzen noch immer auf ihren Verandas und beobachten den Verkehr. Der Mittelschicht in ihren suburban angelegten Wohnvierteln bleibt das verwehrt. Dort gibt es keine Verandas mit Blick auf die Straße. Dort gibt es auch keinen Durchgangsverkehr, nichts unerwartetes passiert. Aber in den Häusern helfen Flachbildschirme aus - die aus den Malls . Vor ein paar Tagen habe ich den japanischen Garten Buffalos besucht. Nur japanische Gärten geben mir dieses Gefühl von Frieden, Schönheit und Zeitlosigkeit. Sie versöhnen mich mit dem Widerspruch von Natur, die bis ins Kleinste geplant worden ist und dann Kultur genannt wird. Diesem Garten ist anzumerken, daß nicht viel Geld zur Verfügung stand, als er angelegt wurde. Eine nahe Hauptverkehrsstraße bestimmt die Akustik und wird zum Symbol der anderen Welt. Vor ein paar Jahren kamen Gärtner aus Japan, um ihn zu überarbeiten. Was haben sie hier empfunden? Ich spüre die Stärke des Gartens. Der Straßenlärm stört nicht mehr. Er wird vom Garten als Teil des Lebens akzeptiert. Ich sehe Fische. Und ein ferngesteuertes Spielzeugschnellboot den See entlangrasen. Die Fische scheint es nicht zu stören. Mich auch nicht. Nicht mehr.
Als ich wieder draußen bin, ist es immer noch hell. Die Sonne scheint wie zuvor, die Autos rauschen dahin auf ihrem Weg. Ich nehme den gleichen Weg zurück und die Leute sitzen noch immer auf ihren Verandas und beobachten den Verkehr. Der Mittelschicht in ihren suburban angelegten Wohnvierteln bleibt das verwehrt. Dort gibt es keine Verandas mit Blick auf die Straße. Dort gibt es auch keinen Durchgangsverkehr, nichts unerwartetes passiert. Aber in den Häusern helfen Flachbildschirme aus - die aus den Malls . Vor ein paar Tagen habe ich den japanischen Garten Buffalos besucht. Nur japanische Gärten geben mir dieses Gefühl von Frieden, Schönheit und Zeitlosigkeit. Sie versöhnen mich mit dem Widerspruch von Natur, die bis ins Kleinste geplant worden ist und dann Kultur genannt wird. Diesem Garten ist anzumerken, daß nicht viel Geld zur Verfügung stand, als er angelegt wurde. Eine nahe Hauptverkehrsstraße bestimmt die Akustik und wird zum Symbol der anderen Welt. Vor ein paar Jahren kamen Gärtner aus Japan, um ihn zu überarbeiten. Was haben sie hier empfunden? Ich spüre die Stärke des Gartens. Der Straßenlärm stört nicht mehr. Er wird vom Garten als Teil des Lebens akzeptiert. Ich sehe Fische. Und ein ferngesteuertes Spielzeugschnellboot den See entlangrasen. Die Fische scheint es nicht zu stören. Mich auch nicht. Nicht mehr.
August 23, 2008
Ein Kuchen für Obama
Rockmusik ist immer noch lebendig in dieser Stadt. Tausende kommen in die Downtown zum Konzert. Fast alle sind weiß. Ich habe gelernt, in Hautfarben zu denken. Schon damals war mir aufgefallen, daß es Konzerte für Weiße gibt und Konzerte für Schwarze. Grunge ist definitiv eine weiße Angelegenheit. Obwohl die Rassentrennung in Chicago viel schärfer zu sein scheint. Hier kommt mir der Umgang zwischen schwarz und weiß etwas entspannter vor, als ich es in Chicago erlebt habe. Ich lerne dazu. Lerne, daß es manchmal sehr desillusionierende Wahrheiten gibt. Mein Idealismus aber sagt mir, daß ich Teil der Realität bin. Sie beeinflussen kann. Der Marktwert von Ethnien erscheint mir extrem häßlich. Ich weigere mich, diese Realität zu akzeptieren. Rockmusik hatte für mich einen ähnlichen Hintergrund. Das Aufbäumen gegen die Werte des Mainstream. Die Downtown-Konzerte werden von einer Bank gesponsert, unter anderem. Die Realität ist nicht schwarz-weiß.
Die Uhr tickt. Der Schnee wird diese Stadt begraben, viele Monate lang. Bis dahin ist sie ein Geschenk. Die Schönheit der Häuser, der Viertel, der Gebäude, der Ziegel, der Verwitterung. Der Erie-See exisitiert nur auf Karten, die Stadt ist nach innen gewandt. Kanada ist zum Greifen nah, die LKWs stauen sich auf der Brücke, die hinüber führt in das andere Land. Die Fernseher laufen den ganzen Tag. Wahrscheinlich beruhigt die Kulisse aus bemühter Sprache und dem Flimmern des Bildschirms. In jedem Raum ein TV. American Way of Life. Dort, wo ich jetzt wohne, haben die Menschen nur einen Raum. Here I'm a radio guy. Der Empfang ist schlecht. Neben mir sitzt ein Mann. Ich biete ihm den Sportteil meiner Zeitung an. Nachdem ich mir Gedanken gemacht habe, ob man dem anderen anbieten sollte, was man selbst schätzt oder was man selbst nicht braucht. Ich weiß es nicht. Aber ich lese nie den Sportteil. Er ist blind. Ich hatte so eine Ahnung, aber sicher war ich mir nicht. Acht Schlaganfälle. Hatte ein Motorrad, früher. Fast life. Hat in Schweden gelebt. War Ingenieur. Ist auch ein Radio Guy. Ham Radio nennen sie hier das Amateurfunken. Er kann sein Radio nicht mehr allein bedienen, hat auch Schwierigkeiten zu sprechen. Sitzt mit seinem Kaffee hier bis sie ihn abholt. Seine Frau. Oder Exfrau. Vor diesem In-Cafe'. Vor ein paar Tagen habe ich eine andere Exfrau kennengelernt. Besuchte ihren Mann, fürsorglich. Der stammt aus Erie, Pennsylvania, 4 Stunden von hier. Nie herumgekommen. Außer als Soldat. Jetzt wohnt er in einem kleinen Zimmer, trägt meist einen Morgenmantel und ist wahrscheinlich ein Schatten des Mannes, mit dem sie zusammen war. Mental illness begegnet mir hier immer wieder. Der Mann, der blind seinen Kaffee neben mir trinkt, spricht leise und ich kann nicht alles hören. Der Empfang ist schlecht, mein Handicap. Er will in eine schöne Gegend ziehen, die Andirondack Mountains, im Nordosten New Yorks. Sein Großvater hatte dort gelebt. Als sie ihn abholt, läuft er so schlecht, daß ich ihn mir nicht in den Bergen vorstellen kann. Aber Realität wird auch von ihm gemacht. Im Radio laufen die Ramones.
Wenn ich mir selbst einen Brief schreibe, kann ich einen Büchereiausweis bekommen. Proof-of-address. Was soll ich mir schreiben. Heute gab es einen Kuchen für Obama. Zur Feier oder zur Stärkung, ich weiß es nicht. Die Frau mit seiner Hautfarbe hat ihn gebacken. Mit Schokoladenstücken. Ihre Stimme wird lebendig, wenn sie von New York City erzählt, ihrer Heimatstadt. Sie schaut mir selten ins Gesicht, wenn sie erzählt. Sucht eine Arbeit. Wie eine Fiktion, von der sie weiß. Aber sie hofft, daß Obama es schafft. Das Kuchenbacken ist hier so einfach. Alles in einer Packung. Aber das bedeutet nichts.
Die Uhr tickt. Der Schnee wird diese Stadt begraben, viele Monate lang. Bis dahin ist sie ein Geschenk. Die Schönheit der Häuser, der Viertel, der Gebäude, der Ziegel, der Verwitterung. Der Erie-See exisitiert nur auf Karten, die Stadt ist nach innen gewandt. Kanada ist zum Greifen nah, die LKWs stauen sich auf der Brücke, die hinüber führt in das andere Land. Die Fernseher laufen den ganzen Tag. Wahrscheinlich beruhigt die Kulisse aus bemühter Sprache und dem Flimmern des Bildschirms. In jedem Raum ein TV. American Way of Life. Dort, wo ich jetzt wohne, haben die Menschen nur einen Raum. Here I'm a radio guy. Der Empfang ist schlecht. Neben mir sitzt ein Mann. Ich biete ihm den Sportteil meiner Zeitung an. Nachdem ich mir Gedanken gemacht habe, ob man dem anderen anbieten sollte, was man selbst schätzt oder was man selbst nicht braucht. Ich weiß es nicht. Aber ich lese nie den Sportteil. Er ist blind. Ich hatte so eine Ahnung, aber sicher war ich mir nicht. Acht Schlaganfälle. Hatte ein Motorrad, früher. Fast life. Hat in Schweden gelebt. War Ingenieur. Ist auch ein Radio Guy. Ham Radio nennen sie hier das Amateurfunken. Er kann sein Radio nicht mehr allein bedienen, hat auch Schwierigkeiten zu sprechen. Sitzt mit seinem Kaffee hier bis sie ihn abholt. Seine Frau. Oder Exfrau. Vor diesem In-Cafe'. Vor ein paar Tagen habe ich eine andere Exfrau kennengelernt. Besuchte ihren Mann, fürsorglich. Der stammt aus Erie, Pennsylvania, 4 Stunden von hier. Nie herumgekommen. Außer als Soldat. Jetzt wohnt er in einem kleinen Zimmer, trägt meist einen Morgenmantel und ist wahrscheinlich ein Schatten des Mannes, mit dem sie zusammen war. Mental illness begegnet mir hier immer wieder. Der Mann, der blind seinen Kaffee neben mir trinkt, spricht leise und ich kann nicht alles hören. Der Empfang ist schlecht, mein Handicap. Er will in eine schöne Gegend ziehen, die Andirondack Mountains, im Nordosten New Yorks. Sein Großvater hatte dort gelebt. Als sie ihn abholt, läuft er so schlecht, daß ich ihn mir nicht in den Bergen vorstellen kann. Aber Realität wird auch von ihm gemacht. Im Radio laufen die Ramones.
Wenn ich mir selbst einen Brief schreibe, kann ich einen Büchereiausweis bekommen. Proof-of-address. Was soll ich mir schreiben. Heute gab es einen Kuchen für Obama. Zur Feier oder zur Stärkung, ich weiß es nicht. Die Frau mit seiner Hautfarbe hat ihn gebacken. Mit Schokoladenstücken. Ihre Stimme wird lebendig, wenn sie von New York City erzählt, ihrer Heimatstadt. Sie schaut mir selten ins Gesicht, wenn sie erzählt. Sucht eine Arbeit. Wie eine Fiktion, von der sie weiß. Aber sie hofft, daß Obama es schafft. Das Kuchenbacken ist hier so einfach. Alles in einer Packung. Aber das bedeutet nichts.
August 20, 2008
Der Mann aus Malta
Als ich das Grundstück betrete, glaube ich nicht, hier einen guten Deal zu machen. Ich brauche ein Rad und hier werden alte Räder angeboten, Räder, die andere aussortiert haben. Der Mann, der sie verkauft, scheint ein Latino zu sein, seinem schweren Akzent nach. Die Räder sind Ramsch, nach unseren hohen Maßstäben. In Entwicklungsländern und amerikanischen Unterschichten betrachtet man das etwas anders.
Manchmal werden sie ihm auch gestohlen. Wenn er einen Moment nicht aufpaßt. In seiner Garage nach alten Teilen kramt. Junkies, die ihm sehr leicht schlimmeres antun könnten, so klapprig wie er ist. Er liest die Räder irgendwo auf und flickt sie zusammen. Ohne nennenswertes Werkzeug, ohne Neuteile. Er hat kein Öl, keine Zange. Sein Werkzeugsortiment ist eine Schande. Sie haben ihm irgendwann seinen Werkzeugkoffer geklaut. Ich soll sein Alter schätzen. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Alte Männer sind hier stolz, noch am Leben zu sein, es soweit geschafft zu haben. Ich ziehe ein paar Jahre ab und nenne ihm eine Zahl. Er ist 83, heißt Fränk. Er steckt in zu großen Hosen, seine Schuhe haben hohe Absätze. Fränk ist der wahrscheinlich kleinste Mann der Stadt, aber fährt den größten SUV der Gegend. Ich übertreibe.
Er kommt aus Malta, wie seine Frau. Viele Immigranten tragen amerikanische Vornamen. Auch sie nennt ihn Fränk. Auf Malta hieß er vielleicht Franco. Wer weiß. Seine Mutter hat ihn als Kind immer in einem Fahrradladen abgegeben, wenn sie besseres zu tun hatte. Seitdem faszinieren ihn Fahrräder. Im II. Weltkrieg war er Soldat. Sie haben Torpedos gezündet gegen deutsche Schiffe. Sind nicht explodiert. Er hat britische Lastwagen gefahren und er erzählt, wie sie einen Deutschen erschossen haben. Der saß in einem Baum, war Scharfschütze. Fränk legt noch einmal an, auf den Deutschen seiner Erinnerung. Sie haben sich angeschlichen und der Deutsche hat es nicht gemerkt. Er hat keinen Stolz aus diesem Krieg zurückbehalten, Stolz, von dem heute soviel die Rede ist, wenn es um die Soldaten dieses Landes geht. Die Deutschen waren die Invasoren und sie waren im Auftrag des Bösen unterwegs. Aber er verurteilt sie nicht. Ich erzähle ihm, daß ich die britischen Soldatengräber auf Malta gesehen habe.
Eine junge Frau kommt mit ihrem Rad vorbei. Platter Reifen. Sie hat einen neuen Schlauch mitgebracht. In seiner Garage liegen viele alte Schläuche. Ich mache eine Probefahrt mit einem roten Huffy, einem Halbrennrad. Huffy ist eine US-Firma der unteren Preisklasse aus der Zeit, als sie noch Räder in den USA hergestellt haben. Schon länger her. Eine Bremse funktioniert nicht, Schlag im Hinterrad, den Reifen ist nicht zu vertrauen, keine Schutzbleche, viele Gänge lassen sich nicht mehr schalten. Ich kaufe es, ich brauche ein Rad. Ich handle es nicht herunter und er überläßt es mir etwas billiger. Die Kette braucht Öl. Ich soll ein paar Tage später nochmals vorbeischauen, dann wird er Öl gekauft haben. Mittlerweile repariere ich die Bremse.
Als wir uns wiedersehen, drückt er mir das Öl in die Hand. Ein schwarzer Rasta-Junkie kommt vorbei. Er war vor ein paar Tagen mit einem Rad hergekommen, um es zu verkaufen. Ist danach mit einem von Fränks Rädern abgehauen. Seine Frau droht lautstark mit den Cops und er haut wieder ab. Ich sehe ihn später nochmals radfahrend in einer anderen Straße. Fränk erzählt, daß sein Kumpel immer eine Knarre mitnimmt, wenn sie gemeinsam eine Radtour machen.
Und sie tragen Radhelme. Zur Sicherheit.
Manchmal werden sie ihm auch gestohlen. Wenn er einen Moment nicht aufpaßt. In seiner Garage nach alten Teilen kramt. Junkies, die ihm sehr leicht schlimmeres antun könnten, so klapprig wie er ist. Er liest die Räder irgendwo auf und flickt sie zusammen. Ohne nennenswertes Werkzeug, ohne Neuteile. Er hat kein Öl, keine Zange. Sein Werkzeugsortiment ist eine Schande. Sie haben ihm irgendwann seinen Werkzeugkoffer geklaut. Ich soll sein Alter schätzen. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Alte Männer sind hier stolz, noch am Leben zu sein, es soweit geschafft zu haben. Ich ziehe ein paar Jahre ab und nenne ihm eine Zahl. Er ist 83, heißt Fränk. Er steckt in zu großen Hosen, seine Schuhe haben hohe Absätze. Fränk ist der wahrscheinlich kleinste Mann der Stadt, aber fährt den größten SUV der Gegend. Ich übertreibe.
Er kommt aus Malta, wie seine Frau. Viele Immigranten tragen amerikanische Vornamen. Auch sie nennt ihn Fränk. Auf Malta hieß er vielleicht Franco. Wer weiß. Seine Mutter hat ihn als Kind immer in einem Fahrradladen abgegeben, wenn sie besseres zu tun hatte. Seitdem faszinieren ihn Fahrräder. Im II. Weltkrieg war er Soldat. Sie haben Torpedos gezündet gegen deutsche Schiffe. Sind nicht explodiert. Er hat britische Lastwagen gefahren und er erzählt, wie sie einen Deutschen erschossen haben. Der saß in einem Baum, war Scharfschütze. Fränk legt noch einmal an, auf den Deutschen seiner Erinnerung. Sie haben sich angeschlichen und der Deutsche hat es nicht gemerkt. Er hat keinen Stolz aus diesem Krieg zurückbehalten, Stolz, von dem heute soviel die Rede ist, wenn es um die Soldaten dieses Landes geht. Die Deutschen waren die Invasoren und sie waren im Auftrag des Bösen unterwegs. Aber er verurteilt sie nicht. Ich erzähle ihm, daß ich die britischen Soldatengräber auf Malta gesehen habe.
Eine junge Frau kommt mit ihrem Rad vorbei. Platter Reifen. Sie hat einen neuen Schlauch mitgebracht. In seiner Garage liegen viele alte Schläuche. Ich mache eine Probefahrt mit einem roten Huffy, einem Halbrennrad. Huffy ist eine US-Firma der unteren Preisklasse aus der Zeit, als sie noch Räder in den USA hergestellt haben. Schon länger her. Eine Bremse funktioniert nicht, Schlag im Hinterrad, den Reifen ist nicht zu vertrauen, keine Schutzbleche, viele Gänge lassen sich nicht mehr schalten. Ich kaufe es, ich brauche ein Rad. Ich handle es nicht herunter und er überläßt es mir etwas billiger. Die Kette braucht Öl. Ich soll ein paar Tage später nochmals vorbeischauen, dann wird er Öl gekauft haben. Mittlerweile repariere ich die Bremse.
Als wir uns wiedersehen, drückt er mir das Öl in die Hand. Ein schwarzer Rasta-Junkie kommt vorbei. Er war vor ein paar Tagen mit einem Rad hergekommen, um es zu verkaufen. Ist danach mit einem von Fränks Rädern abgehauen. Seine Frau droht lautstark mit den Cops und er haut wieder ab. Ich sehe ihn später nochmals radfahrend in einer anderen Straße. Fränk erzählt, daß sein Kumpel immer eine Knarre mitnimmt, wenn sie gemeinsam eine Radtour machen.
Und sie tragen Radhelme. Zur Sicherheit.
August 10, 2008
Tenants must wear shoes and shirt
Alle Register gezogen in Pittsburgh. Immer wieder ins WWW - auf der Straße, auf der Suche nach freiem WLAN - und einer Steckdose. Stunden durch die Viertel auf dem Weg zu einer Bleibe. Die Busse gewechselt, die Grenzen getestet; was anfangs inakzeptabel schien, wurde nun möglich, die schlechtere Gegend, die höhere Miete, die Sorte Mitbewohner, die Dauer. Keine Antwort vom German Heritage Club, den Landsleuten, die in früheren Jahrhunderten die erste Anlaufstelle der Einwanderer waren. Kein Tipp von der Lutheran Church, deren Mitglied ich bin, auf einem anderen Kontinent im 21. Jahrhundert. Ich muß dringend aus der schlechten Gegend weg, Deutschtown. Es ist bereits dunkel. Ein indischer Student hatte ein Zimmer angeboten, für 3 Wochen. Ich suche nach einer Bleibe für 2 Monate. In dieser Stadt muß man geduldig auf Busse warten. Umsteigen macht es noch schwieriger. Es kommt kein Bus. In dieser Gegend fahren auch keine Taxis. Zu arm, zu wenig Nachfrage. Die Verkäuferin in einem kleinen Laden ruft ihre Freundin an, sie hätte einen Fahrerjob. Einen Deutschen aus der Gegend bringen. Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Aber es ist wirklich ihre Freundin. Ich steige in einen alten röhrenden Toyota. Sie hat 2 Kinder, ihr Vater betreibt hier eine Kneipe, über der Zimmer vermietet werden. Alle voll. Auch sie hat Nerven. Einen Unbekannten zu fahren. Ob ich das Geld passend habe. Ich gebe es ihr nach dem Einsteigen, passend aber habe ich es nicht, es sei denn, sie verzichtet auf 2 Dollars. Sie gibt mir das Wechselgeld und wir reden über Autos. Sie hatte mal einen Buick. Meine Lieblingsmarke. Hat ihr Ex verscherbelt. Der Toyota röhrt wie ein Panzer aber nähert sich zügig der Gegend, in der die Studenten gerne wohnen, in der es die Coffeeshops gibt und die coolen Läden, dieser anderen Welt. Im Dunkeln kann ich die Hausnummern nicht entziffern. Als ich den Inder endlich finde, hat er das Zimmer einem Franzosen versprochen. Die ganze Bude ist verkramt und riecht nach indischem Essen. Sie bekommt meine Karte - falls etwas frei wird über der Kneipe, in der Gegend aus der sie kommt. Sie dreht um, fährt zurück in das Viertel, das einst die Deutschen aufgebaut hatten, und das nun ein Schatten seiner selbst ist. Viele Häuser zerfallen, unbewohnt, weiße Armut.
Am nächsten Morgen ergebe ich mich und nehme den ersten Bus nach Buffalo, NY. Wie ein Hobo ziehe ich von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum schlafen. Die Suche kostet Kraft. Alles andere wird vernachlässigt; die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick. Busnummern, Hausnummern, Gestalten auf der Straße. Rational denken, sich konzentrieren, Gefühle verdrängen. Die Uhrzeiten sind wichtig. Als Hobo braucht man eine Uhr. Wer auf der Straße lebt, muß wissen, wann es wo welche Hilfe gibt. Darf nicht zu spät kommen. Muß den Weg wissen. Auch die Kirchen öffnen und schließen ihre Suppenküchen zu festen Uhrzeiten.
Ich habe ein Ziel in Buffalo, eine einzige Möglichkeit und einen Notbehelf, denn hier gibt es eine Jugendherberge. Das Telefonieren klappt nicht. Die Telekonzerne nehmen meine Quarters, stellen aber keine Verbindung her. Nach 6 Stunden Busfahrt laufe ich zur Büroadresse und drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Nein, ich habe keinen Termin. Ich nehme aber die erste Hürde und darf auf der Schwelle ein paar Worte wechseln. Darf zu dem Haus gehen, in dem Zimmer vermietet werden. Ein "Rooming House". Bad und Küche werden geteilt. Dem Manager dort steht sein chronisches Mißtrauen in den Gesichtszügen. Er darf nichts, außer sich Manager zu nennen und auf ein Klingeln an seiner Tür zu reagieren. Drückt mir das Telefon in die Hand, der Chef ist dran. Er hat kein Zimmer. Alles voll. Bietet mir eine Woche Unterbringung an, in einem Raum, der nicht benutzt wird, zum Wochenpreis, dem doppelten. Fragt mich kurz, was ich mache, woher das Geld kommt. Ein Profi, der keine "Background Checks" und "Credit history" braucht, wie die anderen kommerziellen Zimmervermieter. Der Manager wird angewiesen, sich mit dem Telefon außer Hörweite zu begeben. Nach 20 Minuten bekomme ich einen Raum. Zahle gern das Doppelte. Bar, das war Bedingung. Und eine Kaution dazu. Erfahre das strikte Reglement. Kein Alkohol, keine Lebensmittel im Zimmer, keine Gäste. "Tenants, must wear shoes and shirt". Die Garderobenanforderung an die Bewohner.
Ich bin angekommen. Lief doch wirklich glatt. Kein Vergleich zu Pittsburgh.
Am nächsten Morgen ergebe ich mich und nehme den ersten Bus nach Buffalo, NY. Wie ein Hobo ziehe ich von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum schlafen. Die Suche kostet Kraft. Alles andere wird vernachlässigt; die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick. Busnummern, Hausnummern, Gestalten auf der Straße. Rational denken, sich konzentrieren, Gefühle verdrängen. Die Uhrzeiten sind wichtig. Als Hobo braucht man eine Uhr. Wer auf der Straße lebt, muß wissen, wann es wo welche Hilfe gibt. Darf nicht zu spät kommen. Muß den Weg wissen. Auch die Kirchen öffnen und schließen ihre Suppenküchen zu festen Uhrzeiten.
Ich habe ein Ziel in Buffalo, eine einzige Möglichkeit und einen Notbehelf, denn hier gibt es eine Jugendherberge. Das Telefonieren klappt nicht. Die Telekonzerne nehmen meine Quarters, stellen aber keine Verbindung her. Nach 6 Stunden Busfahrt laufe ich zur Büroadresse und drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Nein, ich habe keinen Termin. Ich nehme aber die erste Hürde und darf auf der Schwelle ein paar Worte wechseln. Darf zu dem Haus gehen, in dem Zimmer vermietet werden. Ein "Rooming House". Bad und Küche werden geteilt. Dem Manager dort steht sein chronisches Mißtrauen in den Gesichtszügen. Er darf nichts, außer sich Manager zu nennen und auf ein Klingeln an seiner Tür zu reagieren. Drückt mir das Telefon in die Hand, der Chef ist dran. Er hat kein Zimmer. Alles voll. Bietet mir eine Woche Unterbringung an, in einem Raum, der nicht benutzt wird, zum Wochenpreis, dem doppelten. Fragt mich kurz, was ich mache, woher das Geld kommt. Ein Profi, der keine "Background Checks" und "Credit history" braucht, wie die anderen kommerziellen Zimmervermieter. Der Manager wird angewiesen, sich mit dem Telefon außer Hörweite zu begeben. Nach 20 Minuten bekomme ich einen Raum. Zahle gern das Doppelte. Bar, das war Bedingung. Und eine Kaution dazu. Erfahre das strikte Reglement. Kein Alkohol, keine Lebensmittel im Zimmer, keine Gäste. "Tenants, must wear shoes and shirt". Die Garderobenanforderung an die Bewohner.
Ich bin angekommen. Lief doch wirklich glatt. Kein Vergleich zu Pittsburgh.
August 04, 2008
On the Road
Alles immer dabei in einer großen Tasche. Was man tragen kann. Was man mitnehmen darf. Im Greyhound Bus. Mehr braucht man auch nicht unbedingt. Rasieren unter Fremden. Nicht auffallen. Gute Kleidung ist wichtig. Sie entscheidet, ob man Reisender ist oder obdachlos. In den Augen der Anderen. Denen mit einer Wohnung. Denen mit einem Cell Phone. Die mit dem offiziellen Ort verbunden sind. Die eine Adresse haben, mit der sie einen Büchereiausweis, ein Konto, einen Führerschein bekommen. Nach und nach entsteht eine ganz spezielle Landkarte im Kopf. Hier ist der Park mit bequemen Bänken, der Schatten spendet und Ruhe. Dort das Münztelefon, das nicht direkt an der Straße steht, damit man versteht, was man hört. Es gibt nicht mehr viele davon. Die sauberen Toiletten. Die Bibliothek mit schönen Sesseln und Air Condition. Bequemes Sitzen ist ein großer Luxus. Ein Sofa ein Traum. Öffentliche Bänke sollen nicht zuviel Bequemlichkeit bieten. Wie Cafe'stühle. Das Sitzgefühl sagt einem, daß man nur geduldet ist.
Hier gibt es nur eine "Sorte" Menschen, die einen direkt anschaut. Wachmänner, Polizisten, Concierges. Gute Kleidung und ein rasiertes Gesicht sind die beste Deckung am Tag, wenn das, was man dabei hat, einen nicht verrät. In der Nacht schließt alles. Die Bibliothek, der Park, das Cafe'. Aus dem öffentlichen Raum wird ein dunkler Ort der Unsicherheit, die man selbst erlebt und selbst erzeugt.
Manche Buchläden haben bis in die Nacht geöffnet. Man kann lesen bei leiser Musik. Und die Zeit verlängern. Bis man zurück muß zur Schlafgelegenheit. Wenn es die dortigen Regeln erlauben. Die Zeitregeln. Geöffnet, geschlossen, jeder Ort hat andere Zeiten.
Öffentliches Schlafen verschiebt die Grenze zur Privatheit zu einem Minimum. Die Bettdecke wird zur letzten Barriere. Nur die Gedanken sind sicher im privaten Raum.
(Nachterfahrungen, Franciscan Outreach, Nursing Home, Straßenbeobachtungen)
Hier gibt es nur eine "Sorte" Menschen, die einen direkt anschaut. Wachmänner, Polizisten, Concierges. Gute Kleidung und ein rasiertes Gesicht sind die beste Deckung am Tag, wenn das, was man dabei hat, einen nicht verrät. In der Nacht schließt alles. Die Bibliothek, der Park, das Cafe'. Aus dem öffentlichen Raum wird ein dunkler Ort der Unsicherheit, die man selbst erlebt und selbst erzeugt.
Manche Buchläden haben bis in die Nacht geöffnet. Man kann lesen bei leiser Musik. Und die Zeit verlängern. Bis man zurück muß zur Schlafgelegenheit. Wenn es die dortigen Regeln erlauben. Die Zeitregeln. Geöffnet, geschlossen, jeder Ort hat andere Zeiten.
Öffentliches Schlafen verschiebt die Grenze zur Privatheit zu einem Minimum. Die Bettdecke wird zur letzten Barriere. Nur die Gedanken sind sicher im privaten Raum.
(Nachterfahrungen, Franciscan Outreach, Nursing Home, Straßenbeobachtungen)
August 01, 2008
Der Albaner
Man kann ein Latinoviertel an ein paar Details erkennen. An den silber glitzernden XXL-Felgen der aufgemöbelten Schlitten. Den Waschsalons ("Coin-Laundry") mit diesem wunderbaren Waschmittelduft und den Fernsehern, aus denen spanischspachige Soap-Operas quellen. Den verbeulten alten Pickup-Trucks am Straßenrand, aus denen Obst und Gemüse verkauft werden. Den Läden mit handbemalten Schildern in Spanisch, Supermärkten und Taco-Läden. Oder den Preisschildern für einen Haarschnitt.
8 Dollars, 7 Dollars; bei 5 Dollars halte ich an. Meist handelt es sich um kleine Läden, in denen ein paar Latinas den Männern einen Maschinenschnitt verpassen. Ein paar Mal über den Skalp fahren und fertig ist der Schnitt. Oft sprechen sie kaum Englisch, machen aber auch nicht viele Worte. So sehen sich die Haarschnitte der Latinomänner auch recht ähnlich. Militärisch praktisch kurz. Nur wer die 5 Dollars nicht aufbringen kann, fällt aus dem Rahmen und sieht wie ein mexikanischer Landarbeiter aus - falls man damit richtig liegt. Als ich den Laden betrete, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich muß an einen Counter, einen Haarschnitt bestellen und werde an einen nummerierten Tisch verwiesen. Die Nummer 12 soll es sein. Auf mich wartet ein schwitzender Mann in meinem Alter, mit militärisch kurzem Schnitt und Übergewicht. Sein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt und voller Haare vergangener Aufträge. Ein paar Stühle weiter nimmt ein Latino mit Knarre Platz. Ein Cop in Freizeitkleidung. Ich lasse mir nicht anmerken, daß ich mir nur ungern von einem Mann einen Haarschnitt verpassen lasse. Die psychosoziale Bedeutung des Haareschneidens ist ein Thema für sich. Ich habe "der Mann der Friseuse" gesehen. Er spricht schlechtes Englisch. So kurz wie sein Haar? Nicht ganz so kurz, bitte, ich bin Zivilist. Dann ruft er etwas in den Raum, das weder englisch noch spanisch klingt. Es ist albanisch, wie ich auf Nachfrage erfahre. Er ist seit vier Jahren in Chicago und hat Heimweh, jeden Tag. Was ich hier denn wolle, Deutschland ist doch viel sozialer. Er hat natürlich recht. Aber das ist die Klugheit eines Immigranten, der der Armut entkommen will. Wir witzeln über mein Haupthaar. Er war zwischendurch für 5 Monate in der Heimat. Und kam zurück, unglücklich. Ich bekomme jetzt eine ordentliche albanische Behandlung. Mein Nacken wird mit dem Rasiermesser behandelt und gepudert. Das Haar mit parfümiertem Alkohol noch ein wenig aufgepeppt. Ich fühle mich wie in einem albanischen Dorf. Das Haar nach hinten kämmen oder zur Seite? Mir werden die rituellen Handgriffe des stolzen lokalen Friseurs zuteil. Jetzt haben auch meine Haare eine Heimstatt gefunden. Die Büschel mischen sich mit denen der Kunden, die vor mir hier Platz genommen hatten. Albaner im Latinoviertel. Ich denke an die Fische, die sich optisch perfekt an den Meeresgrund anpassen, steige wieder auf mein Rad, verlasse das albanische Dorf. Das Latinoviertel hält noch lange an. Die Haarschnitte werden wieder teurer. Der polnische Bezirk beginnt.
8 Dollars, 7 Dollars; bei 5 Dollars halte ich an. Meist handelt es sich um kleine Läden, in denen ein paar Latinas den Männern einen Maschinenschnitt verpassen. Ein paar Mal über den Skalp fahren und fertig ist der Schnitt. Oft sprechen sie kaum Englisch, machen aber auch nicht viele Worte. So sehen sich die Haarschnitte der Latinomänner auch recht ähnlich. Militärisch praktisch kurz. Nur wer die 5 Dollars nicht aufbringen kann, fällt aus dem Rahmen und sieht wie ein mexikanischer Landarbeiter aus - falls man damit richtig liegt. Als ich den Laden betrete, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich muß an einen Counter, einen Haarschnitt bestellen und werde an einen nummerierten Tisch verwiesen. Die Nummer 12 soll es sein. Auf mich wartet ein schwitzender Mann in meinem Alter, mit militärisch kurzem Schnitt und Übergewicht. Sein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt und voller Haare vergangener Aufträge. Ein paar Stühle weiter nimmt ein Latino mit Knarre Platz. Ein Cop in Freizeitkleidung. Ich lasse mir nicht anmerken, daß ich mir nur ungern von einem Mann einen Haarschnitt verpassen lasse. Die psychosoziale Bedeutung des Haareschneidens ist ein Thema für sich. Ich habe "der Mann der Friseuse" gesehen. Er spricht schlechtes Englisch. So kurz wie sein Haar? Nicht ganz so kurz, bitte, ich bin Zivilist. Dann ruft er etwas in den Raum, das weder englisch noch spanisch klingt. Es ist albanisch, wie ich auf Nachfrage erfahre. Er ist seit vier Jahren in Chicago und hat Heimweh, jeden Tag. Was ich hier denn wolle, Deutschland ist doch viel sozialer. Er hat natürlich recht. Aber das ist die Klugheit eines Immigranten, der der Armut entkommen will. Wir witzeln über mein Haupthaar. Er war zwischendurch für 5 Monate in der Heimat. Und kam zurück, unglücklich. Ich bekomme jetzt eine ordentliche albanische Behandlung. Mein Nacken wird mit dem Rasiermesser behandelt und gepudert. Das Haar mit parfümiertem Alkohol noch ein wenig aufgepeppt. Ich fühle mich wie in einem albanischen Dorf. Das Haar nach hinten kämmen oder zur Seite? Mir werden die rituellen Handgriffe des stolzen lokalen Friseurs zuteil. Jetzt haben auch meine Haare eine Heimstatt gefunden. Die Büschel mischen sich mit denen der Kunden, die vor mir hier Platz genommen hatten. Albaner im Latinoviertel. Ich denke an die Fische, die sich optisch perfekt an den Meeresgrund anpassen, steige wieder auf mein Rad, verlasse das albanische Dorf. Das Latinoviertel hält noch lange an. Die Haarschnitte werden wieder teurer. Der polnische Bezirk beginnt.
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