May 08, 2007

Die Dollarnote

Ein bißchen Ruhe habe ich vor dem Haus, dem inzwischen der Bürgersteig fehlt. Gerade kommt die Postbotin vorbei. Daß sie nach zwei Jahren meiner Abwesenheit noch meinen Namen kennt, ist unglaublich, wirklich unglaublich. Sie bringt mir ein Buch, das ich bestellt hatte, „the rise of the sunbelt cities“, gedruckt 1977, aus Cincinnati, Ohio. Auch so ein Stadtname, der mich anzieht, Cincinnati. Wer weiß, ob ich Albuquerque besucht hätte, wenn der Name weniger magisch gewesen wäre.

Heute begegne ich Tom wieder, auch er kennt noch meinen Vornamen. Er ist noch immer obdachlos und hat auch letzten Winter draußen geschlafen. Seine Zeltbehausung ist in unserer Sichtweite, wenn man genau schaut. Jetzt sehe ich sie auch. Ich weiß nicht, was er früher gemacht hat, aber seine Allgemeinbildung ist beachtlich. Er fragt nach meinem Bruder.

Am Sonntag wollte mir eine Frau eine Dollarnote zustecken und war überrascht, als ich sie nicht annahm. Ich war im Pflegeheim der Armee Harold, einen der Bewohner besuchen. Für sie gab es mexikanisches Essen, von Ehrenamtlichen organisiert zum Cinco de Mayo, einem mexikanischen Feiertag. „Volunteers“ kommen meist aus Soldatenfamilien, Ehefrauen, Witwen, Exsoldaten, Aktive – oder als Exstudenten aus Deutschland. Die Dollars kamen direkt aus ihrem Portemonnaie. Sie hat mich für einen Bewohner gehalten und mein Schild um den Hals nicht gesehen. Harold nimmt das Geld ganz selbstverständlich.

Die Katzen haben Ausgang. Immigranten werden von der Straße gefischt und am nächsten Tag abgeschoben, das Titelblatt der U.S. News zeigt das Gesicht einer verzweifelten Frau in ihrem Auto. Die Stunden zum Arbeitsplatz im dichten Verkehr zerren am Nervensystem der Mittelschicht wie der erste Sprung aus dem Flugzeug.

Vielleicht liegen deshalb öfter CDs auf der Straße, aus den Autofenstern geworfen, unnützer Ballast auf der immerwährenden Tour der Leidenden in ihren Automobilen. Später dann erklingt aus meinen Lautsprechern, was zuvor diese armen Seelen beschallt. (Rap, immer wieder Rap).

Ein dicker Soldat wartet auf den Zug. Er ghört zu den "Seebees", den Bausoldaten der Navy. Sie bauen für die Marines, was man so braucht in dem Beruf. Ich belichte unauffällig seinen Rücken und steige dann mit ihm ein. Auf dem Weg zu der Frau mit der Dollarnote, aber das erfahre ich erst später.

May 01, 2007

Gegen die Fahrtrichtung in Chicago

Zurück in Chicago. Dieser Raubtierstadt. Die Polizisten tragen Westen. An meinem alten Unidepartment eine Präsentation darüber, welches Neubaudesign die höchsten Immobilienwerte erzielt – in den Armengegenden. Immobilienspekulation ist hier ein Hobby der Mittelschicht. Yuppies kaufen den Baufirmen Apartments ab (Condominions, „Condos“), in ein paar Jahren dann der Wiederverkauf zu höheren Preisen. Klar, die Mittelschicht braucht Geld. Aber auf diesem Weg verschwinden hier immer mehr Mietwohnungen, auf die die Ärmeren angewiesen sind.

Als nicht-amerikanischer Exstudent kann ich bei meinen Einwänden immer mit Verständnis rechnen. Gestern habe ich das Haus in der Maplewood Avenue wieder aufgesucht. Dort hatten wir zuerst gewohnt. Modernisierte Eigentumswohnungen inzwischen. In der Regel natürlich ohne die alten Bewohner.

Ich fahre mit dem Rad durch die Raubtierstadt. An den vielen Autos vorbei, die oft schöner sind als bei uns und durstiger. Das Abschließen dauert so lange wie die Fahrt. Beide Laufräder sichern, an jeder roten Ampel (na ja, fast), sonst bleiben nur Erinnerungen. Wer hier zur Radavantgarde zählen will, fährt ein altes abgespecktes Rennrad, Lenker blank, eine Bremse, auch gern ohne Schaltung und Freilauf, auf dem Kopf ein silberner Skaterhelm. Auch gegen die Fahrtrichtung – eine alte Empfehlung an die Radfahrer, sie würden so besser gesehen. Wer hier Mountainbike fährt, ist vom anderen Stern. Ich fahre so etwas, wie mit dem Hummer durch Kriegsgebiet. Mein Bügelschloß aus deutschem Kruppstahl: gebrochen, das passiert nur hier.

Sie reißen gerade den Bürgersteig vor unserem Haus auf. Die Grobmotoriker kappen die Baumwurzeln gleich mit. In meiner Fantasie fällt der Bagger auf unser Haus, seine bedenkliche Neigung stört niemanden.

Warum singen hier Verkäuferinnen zur Kaufhausmusik bei $8 die Stunde. Nicht dass es mich stört, ganz im Gegenteil. Und ich finde, die Männer gehen hier anders. Die in den Oberhemden. Irgendwie unelegant. Sehr angenehm. Ich gehe auch schon ganz ungezwungen, so ein bisschen ungelenk, befreit. Ist doch ein freies Land. Voller Raubtiere.