Ein bißchen Ruhe habe ich vor dem Haus, dem inzwischen der Bürgersteig fehlt. Gerade kommt die Postbotin vorbei. Daß sie nach zwei Jahren meiner Abwesenheit noch meinen Namen kennt, ist unglaublich, wirklich unglaublich. Sie bringt mir ein Buch, das ich bestellt hatte, „the rise of the sunbelt cities“, gedruckt 1977, aus Cincinnati, Ohio. Auch so ein Stadtname, der mich anzieht, Cincinnati. Wer weiß, ob ich Albuquerque besucht hätte, wenn der Name weniger magisch gewesen wäre.
Heute begegne ich Tom wieder, auch er kennt noch meinen Vornamen. Er ist noch immer obdachlos und hat auch letzten Winter draußen geschlafen. Seine Zeltbehausung ist in unserer Sichtweite, wenn man genau schaut. Jetzt sehe ich sie auch. Ich weiß nicht, was er früher gemacht hat, aber seine Allgemeinbildung ist beachtlich. Er fragt nach meinem Bruder.
Am Sonntag wollte mir eine Frau eine Dollarnote zustecken und war überrascht, als ich sie nicht annahm. Ich war im Pflegeheim der Armee Harold, einen der Bewohner besuchen. Für sie gab es mexikanisches Essen, von Ehrenamtlichen organisiert zum Cinco de Mayo, einem mexikanischen Feiertag. „Volunteers“ kommen meist aus Soldatenfamilien, Ehefrauen, Witwen, Exsoldaten, Aktive – oder als Exstudenten aus Deutschland. Die Dollars kamen direkt aus ihrem Portemonnaie. Sie hat mich für einen Bewohner gehalten und mein Schild um den Hals nicht gesehen. Harold nimmt das Geld ganz selbstverständlich.
Die Katzen haben Ausgang. Immigranten werden von der Straße gefischt und am nächsten Tag abgeschoben, das Titelblatt der U.S. News zeigt das Gesicht einer verzweifelten Frau in ihrem Auto. Die Stunden zum Arbeitsplatz im dichten Verkehr zerren am Nervensystem der Mittelschicht wie der erste Sprung aus dem Flugzeug.
Vielleicht liegen deshalb öfter CDs auf der Straße, aus den Autofenstern geworfen, unnützer Ballast auf der immerwährenden Tour der Leidenden in ihren Automobilen. Später dann erklingt aus meinen Lautsprechern, was zuvor diese armen Seelen beschallt. (Rap, immer wieder Rap).
Ein dicker Soldat wartet auf den Zug. Er ghört zu den "Seebees", den Bausoldaten der Navy. Sie bauen für die Marines, was man so braucht in dem Beruf. Ich belichte unauffällig seinen Rücken und steige dann mit ihm ein. Auf dem Weg zu der Frau mit der Dollarnote, aber das erfahre ich erst später.