July 18, 2009

Auf Tour

13.07.09: Shreveport, Bossier City, Louisiana.
Shotgun Shacks werden plattgemacht. Die alten kleinen Häuser, die so typisch für die Zeit waren, daß sie diesen Namen bekamen. Arm und reich sind nur durch eine Straße getrennt. Die wirtschaftliche Basis von Shreveport ist schnell erfaßt. Militär und Casinos. Aufgrund rechtlicher, also moralischer Regeln, findet das Spielen auf Flußbooten statt, die Hotels sind die höchsten Gebäude in der Downtown.

16.07.09: Salt Lake City, Utah
Die Mormonenstadt. Ihr Hauptquartier sieht aus wie das eines Konzerns. Dazu alte Gebäude aus der Zeit der Gründung der Stadt durch die Mormonen (Latter Day Saints). Eine schöne Downtown, aber auf den Salzsee muß ich verzichten. Die Black Keys spielen zu zweit, Gesang, Gitarre, Schlagzeug - lautstarken Rock'n Roll. In meiner Herberge sind sie in der Nacht besoffen, die Männer die hier untergekommen sind. In einem alternativen Buchladen begegnet mir Edward Abbeys "Monkey Wrench Gang" wieder, das Buch, das ein paar junge Mormonen, neben denen ich gecampt hatte, 1990 am Grand Canyon gelesen hatten. Sweet.

18.07.09: El Paso, Texas
Die amerikanische Seite des amerikanischen Traumes. Mexikanische Gesichter überall. Haarschnitt vier Dollars. Mexiko auf der anderen Seite des Flusses. Menschenschlangen auf der einzigen Fußgängerbrücke, die auf die andere Seite führt. El Paso ist voller Ramschläden, made in China. Sie nutzen die Gebäude längst vergangener Warenhäuser ohne auch nur einen Dollar in deren Erhaltung zu investieren. Viele Details zeugen von der gebauten Vergangenheit. die trockene Hitzé der Rocky Mountains, alte Pick Up Trucks; kleine Familienrestaurants servieren mexikanisches Essen. Alles schließt weit vor Sonnenuntergang. Ich teile mein Zimmer mit einem kleinen alten Franzosen, dessen Hemd seit den 70ern im Einsatz scheint. Auch er hat Nächte im Bus verbracht, aber ihm gefällt nicht, was er hier sieht. Vielleicht überall in diesem Land.

20.07.09: Denver, Colorado
Denver hat nicht die Probleme vieler amerikanischer Downtowns. Hier wird geschlendert, Geld ausgegeben, für Dinge, die man nicht braucht, hier sind Stühle in die Fußgängerzone gestellt - eine Einladung sich zu setzen, die in US-Städten nicht oft zu sehen ist. Denver hat beide Arten von Architektur, die einzigartige und die fantasielose, die Langeweile billiger Bürotürme. Ich besuche erneut den japanischen Platz. Denver hatte japanische Amerikaner aufgenommen, die anderswo in den USA verfolgt wurden. Zweiter Weltkrieg. Ich frage eine Amerikanerin nach einem Cafe', das mich das letzte Mal beeindruckt hatte. Hohe Tortenkunst, altes Gebäude, viele Leckereien, Salate, gelassene Atmosphäre. Sie arbeitet in einem der Hochhausbüros. Verläßt das Gebäude nur, um nach Hause zu fahren. Kennt keine Stadtcafes. Ich finde es, ordere ein Mango-Smoothie, purer Luxus, dreieinhalb Dollars.

21.07.09: Chicago, Illinois
60 Meilen vor Chicago beginnt der Verkehr zu stocken. Auf allen Spuren, in beiden Richtungen. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten bis zum Horizont. Chicago ist keine Stadt; nach all den Feldern, der Prairie, den Ranches in der Steppe, den Bergen, erscheint sie mir wie eine andere Wirklichkeit.

26.07.09: Berlin, Germany
Zurück.
Dort wieder angekommen, wo ich vor 6 Monaten in Kälte und Dunkelheit frühmorgens auf den Bus zum Flughafen gewartet hatte, als wäre es nicht wirklich, als wäre nichts wirklich. Das gleiche Gefühl begrüßt mich als zurückkehre.
Meine rauhe Mauerstadt.

July 09, 2009

Die Nacht, die nie vergeht

Die letzte Nacht in Cincy.
Auf den Stufen der Front Porch. Der Mond scheint, die Hunde heulen. Es ist so warm, daß hier keiner die Sonne braucht. Dies ist die richtige Stadt für die Nacht. Würde die Sonne nie mehr aufgehen, wäre dies der Ort, sie nicht zu vermissen.

Nicht weit von hier gibt es eine Stelle, von der man auf die Downtown hinabschauen kann, auf die Tageswelt. Dort unten wird das Geld verdient, dort unten klingeln die Telefone, stehen "Cubicles" in Bürotürmen, dort unten ist das Vermächtnis der katholischen Deutschen des 19. Jahrhunderts ein Viertel, in dem sie stolz die Festnahmen zählen. Die, die das Viertel auf Vordermann bringen sollen. Über 1.000 im letzten Jahr - bei 7.000 Einwohnern.

Hier oben ist das ohne Bedeutung. Hier zogen diejenigen hin, die sich größere Häuser, mehr Land und bessere Luft leisten konnten. Aber auch das ist vorbei. Die Kinder spielen auf der Straße. Schwarze und weiße. Und Michael Jackson beschallt die Gegend. Im Bus verkauft einer der Fahrerin Bücher aus der Tüte. Sie wirft beim Fahren einen Blick auf die Schmöker und zahlt drei Dollars. Ein Obdachloser steigt ein, trägt Mundschutz wie im OP, wünscht einen Guten. Die Fahrgäste grüßen zurück. Eine Schwarze steckt einem weißen Bettler Geld zu. Cincys Botschaft ist auf der Straße ablesbar, eindeutig.

Ich hoffe, daß die Nacht noch lange währt.

July 04, 2009

Himmelswege in der Porkopolis

Grün leuchten die Glühwürmchen, Fourth of July. In der Downtown zeigen sie den Film “Independence Day”, auf dem großen Platz in der Mitte der Stadt. Man kann einen Campingstuhl mitnehmen und sogar Alkohol ist erlaubt, Schilder weisen darauf hin, bis wohin man ihn mit sich führen darf. Der Regen in Price Hill, meinem Viertel, läßt die Knaller und Rauchbomben, die Rauchschwaden vom Grillen auf den Verandas, zu einem Nebelteppich werden. Die Schnapsflaschen aus dem Supermarkt haben hier 21% Alkohol. "Booze" wird abgeregelt.

Der größte Wolkenkratzer wurde 1930 gebaut. 49 Stockwerke, genau die richtige Höhe, um die Stadt von einer ganz neuen Seite zu sehen. Die Ästhetik der Schnellstraßen von oben.

Vor dem Hamburgerladen unterhalten sich die Männer darüber, welche Pistolenkaliber die besten sind, sie sitzen auf ihren Motorhauben. Karl Malden ist vor kurzem gestorben. Der Besonnene mit Knollennase und Schlapphut in „Die Straßen von San Francisco“. Im Radio erzählen zwei alte Farmer aus Minnesota, wie sie im zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen gekämpft haben. Wehrpflicht. Bis zur 5.Klasse haben sie selbst nur deutsch gesprochen. Danach waren sie noch in ein paar weiteren Kriegen eingesetzt.

In den ersten beiden Etagen kann man Uhren erwerben, Schuhe, Taschentelefone und BHs in allen Farben; Victoria’s Secrets. Rückenmassagen in 10 Minuten und Kaffee. Der "Food Court" versammelt 8 Schnellküchen für den Lunch, Tische und Stühle in der Mitte, kein Essen kostet mehr als 7 Dollars. Die Büromenschen finden hier alles, was sie brauchen, während von draußen nichts darauf hinweist, was man hier kaufen, essen und trinken kann. In der Außenwelt gibt es nicht viele Läden. Man fährt nicht zum Einkaufen in die Downtown, sondern um zu arbeiten.

Der Hauptbahnhof wurde 1933 gebaut und genau so sieht er aus. Wunderschöne Architektur, hätte Adolf auch gefallen. Davor ein paar Dinosaurier und Schulkinder. Er beherbergt mehrere Museen. Ich bin überrascht, als ich erfahre, daß hier tatsächlich noch Züge halten. Es sind zwei und sie kommen in der Nacht, einer fährt nach Chicago. Im Keller ist die Bibliothek der Cincinnati Historical Society untergebracht. Das Territorium strenger Regeln. Ausweis zeigen, persönliche Daten eintragen, kein Gepäck, kein Wasser, keine Kugelschreiber. Kameras überall. Aber wie immer, hilfsbereites Personal, wahrscheinlich ehrenamtlich. In Buffalo wurde ich gebeten, Handschuhe überzuziehen, um die alten Fotos nicht zu berühren. Hier geht das ohne.

„Skywalks“ werden die Übergänge zwischen den Bürotürmen genannt, eine Etage über der Erde, von einem Gebäude zum nächsten, ohne die Straßen betreten zu müssen, seit den 1970ern. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden jährlich über 200.000 Schweine durch diese Straßen zu den Schlachthöfen getrieben. Die Passanten hatten kaum ein Durchkommen. Das lange Gedächtnis der Stadt. Vielleicht hat es ein bißchen zu sehr gedauert, bis man auf die Übergänge in luftiger Höhe kam. Aber solche Verbindungen sind auch bei Rassenunruhen angenehm. 2001 gab es die letzten in dieser Stadt, die schwersten seit Los Angeles. Die Polizei hatte über die Jahre zu viele Schwarze erschossen. Dabei ist das die Stadt, in der ich am wenigsten Rassentrennung erlebe. Zumindest in der Unterschicht läuft das schon sehr gut.

Ich mag den Regen hier, er ist warm und leise. Genau das Richtige, um in der Dämmerung durch die Straßen zu laufen, gedankenlos, die Natur wiederzufinden. Das grüne Licht der Glühwürmchen begleitet mich durch die Nacht.