Dies ist der Süden der Nordstaaten. Ohio River. 32 Grad im Schatten. Als wäre New Orleans gleich um die Ecke. Wegen der Hitze in den Häusern ist nachts das Wohnzimmer draußen, solange es eben geht. Platzregen - eine Erlösung. Warmes Wasser prallt auf Asphalt und Beton. Und fließt in die Autos, deren zerschlagene Seitenscheiben nur notdürftig durch Plastikfolie ersetzt wurden. Hier kann man auch ohne Kotflügel fahren und mit Reifen, deren Profil nicht mehr erkennbar ist. Formel 1 fährt auch nicht anders. Der Regen ist zu stark, ich nehme den Bus zurück aus der Innenstadt. Das Rad kommt auf ein Gestell vor das Fahrzeug, gratis.
Ich habe mich längst daran gewöhnt, daß die Leute, die ihre Brötchen in der Kranken- und Altenpflege verdienen, ihre Arbeitskleidung auf der Straße tragen. Diese charakteristisch blau-lila-rot gemusterten Oberteile mit den blauen Hosen. Ein Tarnmuster für den Einsatz in dem Wirtschaftssektor mit den rosigsten Aussichten. Die Frau, die mit ihrer Kollegin zusteigt, trägt zusätzlich ein Stethoskop, lässig um den Hals baumelnd. Viele Dinge haben ihre symbolische Bedeutung. Die beste Winterjacke, die ich je hatte, gehört hier zur Standardausstattung von Obdachlosen und plötzlich spürte ich die Blicke der Anderen. Die Büromenschen tragen blütenweiße Hemden und unlesbare Plastikausweise am Gürtel, wo sie auch immer herumlaufen. Und ganz andere Jacken.
Die Kollegin der Stethoskopin treffe ich im Supermarkt wieder. Sie spricht mich an, ganz auf die Nette. Kinder, jobben, Schule, Busgeld. Sie will für mich bezahlen, mit ihrer Geldkarte vom Staat, und dafür Bares zurück. Hier scheinen diese elektronischen „Food Stamps“ weiter verbreitet als Kreditkarten, in einem Land, in dem deren Zahl die Geldbörsen verstopft. Ist eine am Ende der Kreditlinie angekommen („Maxed out“), hilft die nächste weiter. Ich lehne höflich ab. Erkläre ihr, daß ich als Ausländer wahrscheinlich innerhalb von 10 Minuten deportiert würde. Der große Bruder sieht alles.
Ich zwinkere in die Kameras und wuchte eine Gallone O-Saft auf das Band. 80 Gramm Zucker pro Liter – keine Chance, dem Dicksein zu entgehen. Man kann hier viele Geschichten über Lebensmittel erzählen. Pepsi wird derzeit als Retro-Variante angeboten, "mit echtem Zucker", wie in der guten alten Zeit. Was heute süß schmeckt, ist aus "High Fructose Corn Syrup" gemacht. Viel billiger als Zucker. Um die 30 kg pro Jahr soll der gemeine Amerikaner davon zu sich nehmen. Nicht daß Europäer weniger gesüßt wären. Das Zeug ist in so ziemlich allem enthalten. Ich schaue mich um. Die fette Kassiererin. Die zahnlose Angestellte, die die Tüten füllt.
Im Aussortieren sind wir einfach besser. Hier werden sogar 60Jährige eingestellt. Und ich habe tatsächlich eine Frau bei der Müllabfuhr gesehen. Das würde uns nicht passieren. Unser Genius wurde im lokalen Radio kürzlich angezweifelt. Ob man 6.Klässler in Deutschland wirklich so treffend vorbestimmen könne. Akademiker oder Handwerker. Wir kriegen das doch schon viel früher hin, hatte ich sofort gemurmelt. Aber für die im Radio war ich wohl zu leise.
Ich zahle bar, wie immer. Draußen steht die Hitze und es gibt echte Sterne am Nachthimmel.
June 19, 2009
June 10, 2009
Schweinestadt, auf Lunge
Ich atme die Luft ein, auf dem nächtlichen Weg durch mein neues Viertel in Cincinnati, Ohio. Vielleicht hat jede Stadt ihren eigenen Geruch. Lokale Kultur, die nicht in den Büchern steht. Es ist stickig warm, die Luft steht und riecht nach Mäusen. Vor den Häusern sitzen Leute, hören Hip Hop oder tragen Hautbemalung zu Kurzhaarschnitten und weißen Unterhemden. Aber zuerst kommt das Fressen. Ich laufe zum Supermarkt. Die Firma hat hier ihr Hauptquartier und keine Konkurrenz in der Stadt. Es gibt auch nur wegen der Uni einen Radladen für die 330.000 Einwohner, aber das spielt keine Rolle. Wer richtig einkaufen will, fährt sowieso in die Suburbs. Für die Underdogs in der Stadt bleiben die Eindollarketten und die Corner Stores, kleine Läden für alles was man so braucht, meist gut gesichert und in rottigem Zustand.
Am nächsten Tag sehe ich die Cops. Sie sehen aus wie russische Marineoffiziere, weiße Hemden, weiße Tellermützen, dunkle Hosen. Es gibt sie auch auf dem Pferd, dem Mountain Bike und auf Segways, den Elektrorollern, die anderswo Touristen beglücken sollen. Ich frage einen nach den Gesetzen der Straße – denen für Leute auf dem Rad. Seine Augen versteckt eine Oakleybrille, die die Wüstensoldaten so schätzen. Ich könne überall fahren, auch auf diesen autobahnähnlichen Straßen, kein Problem. Dort zu Überleben muß mir aber auch gelingen.
Die Deutschen waren die größte Einwanderergruppe der Stadt. Mit ihnen kamen die Schweine. Es entwickelte sich eine Schlachtindustrie, aus den Fetten wurden dann Seifen gemacht. Der Beginn der chemischen Industrie. Die Firma Procter&Gamble ist hier groß geworden. Als ich in die Innenstadt laufe, fällt mir das Atmen immer schwerer. Abgase, wie ich sie lange nicht mehr genossen habe. Kein reiner Dieselruß, wie in unseren Städten zunehmend schick. Staubig bleischwere Luft. Vielleicht eine Inversionswetterlage. Ich muß eh nach dem Weg fragen, erwähne beiläufig, wie schwer mir hier das Atmen fällt. Die Frau ist überrascht, was Touristen alles fragen. Gut, wenn alle das in ihre Lungen füllen, will ich mich nicht so anstellen. Hier ist man halt nicht zimperlich mit der Luft.
Ich erreiche die Hauptbibliothek. Tolles Gebäude, lichtdurchflutet, die Bücherei mit der stärksten Nutzung in den USA. Die Public Libraries des Landes sind eine kulturelle Errungenschaft. Alle Bibliothekare, die mir bisher über den Weg gelaufen sind, ernsthaft, qualifiziert und hilfsbereit. Sie bewahren das Wissen über die Geschichte ihrer Städte, Zeitungsartikel aus dem frühen 20. Jahrhundert in Heftern oder auf Mikrofilm, Einwandererregister. Und es gibt Leute, die das alles auch nutzen. Dazu Sessel, ein Lesegarten, Essen und Trinken, viele Computer für das Internet. Aber eines gibt es nicht. Der Uniformierte hat jemanden mit geschlossenen Augen erwischt. Einnicken wird nicht toleriert. Die Kultur des Wachseins bestimmt die Regeln. Koffein, maximale Produktivität zu jeder Zeit, Büros ohne Fenster, Essen im Gehen, Telefon am Gürtel, Bluetooth am Ohr, aber nie die Augen schließen. Oder sie mit Wüstengläsern bedecken.
Am nächsten Tag sehe ich die Cops. Sie sehen aus wie russische Marineoffiziere, weiße Hemden, weiße Tellermützen, dunkle Hosen. Es gibt sie auch auf dem Pferd, dem Mountain Bike und auf Segways, den Elektrorollern, die anderswo Touristen beglücken sollen. Ich frage einen nach den Gesetzen der Straße – denen für Leute auf dem Rad. Seine Augen versteckt eine Oakleybrille, die die Wüstensoldaten so schätzen. Ich könne überall fahren, auch auf diesen autobahnähnlichen Straßen, kein Problem. Dort zu Überleben muß mir aber auch gelingen.
Die Deutschen waren die größte Einwanderergruppe der Stadt. Mit ihnen kamen die Schweine. Es entwickelte sich eine Schlachtindustrie, aus den Fetten wurden dann Seifen gemacht. Der Beginn der chemischen Industrie. Die Firma Procter&Gamble ist hier groß geworden. Als ich in die Innenstadt laufe, fällt mir das Atmen immer schwerer. Abgase, wie ich sie lange nicht mehr genossen habe. Kein reiner Dieselruß, wie in unseren Städten zunehmend schick. Staubig bleischwere Luft. Vielleicht eine Inversionswetterlage. Ich muß eh nach dem Weg fragen, erwähne beiläufig, wie schwer mir hier das Atmen fällt. Die Frau ist überrascht, was Touristen alles fragen. Gut, wenn alle das in ihre Lungen füllen, will ich mich nicht so anstellen. Hier ist man halt nicht zimperlich mit der Luft.
Ich erreiche die Hauptbibliothek. Tolles Gebäude, lichtdurchflutet, die Bücherei mit der stärksten Nutzung in den USA. Die Public Libraries des Landes sind eine kulturelle Errungenschaft. Alle Bibliothekare, die mir bisher über den Weg gelaufen sind, ernsthaft, qualifiziert und hilfsbereit. Sie bewahren das Wissen über die Geschichte ihrer Städte, Zeitungsartikel aus dem frühen 20. Jahrhundert in Heftern oder auf Mikrofilm, Einwandererregister. Und es gibt Leute, die das alles auch nutzen. Dazu Sessel, ein Lesegarten, Essen und Trinken, viele Computer für das Internet. Aber eines gibt es nicht. Der Uniformierte hat jemanden mit geschlossenen Augen erwischt. Einnicken wird nicht toleriert. Die Kultur des Wachseins bestimmt die Regeln. Koffein, maximale Produktivität zu jeder Zeit, Büros ohne Fenster, Essen im Gehen, Telefon am Gürtel, Bluetooth am Ohr, aber nie die Augen schließen. Oder sie mit Wüstengläsern bedecken.
June 07, 2009
On the Rocks
Buffalo, die vergessene Stadt. Mit ihren ethnischen Vierteln und Schachbrettmusterstraßen. Der vergoldeten Kuppel der alten Bank, dem Sandsteinwolkenkratzer der Bürgermeister aus einer anderen Zeit, der eiskalten Luft noch im Juni. Das Leben ist friedlich auf der Veranda. Die Stadt, in der jeder etwas von den anderen weiß und in der einst doppelt so viele Menschen lebten.
Der Koffer ist randvoll. Ich schenke einem meiner Mitbewohner einen Atlas, ein Hemd. Er zeigt mir einen Baedeker aus den 20ern, was der wert sei. Gebe mein Rad ab, ziehe den Stecker. Nachts noch in eine Bar, der Whiskey geht aufs Haus, ich bin der letzte Gast, on the Rocks. Was für eine Stadt. Etablierte Politik seit Jahrzehnten zum Umblättern. 14.000 Häuser leer und abrißreif. Aber Buffalo ist nicht aus Stein gebaut. Es sind die Menschen. Sie schreiben hier Gedichte und malen in Öl. Verwenden alte Druckmaschinen, organisieren sich, um etwas zu bewegen. Verbinden das Beste aus der Kleinstadt mit den Vorzügen der Metropole. Ich meine die Weißen. In den schwarzen Vierteln Kirchengemeinden und Trostlosigkeit vereint.
Hier war ich bowlen. Seit "The Big Lebowski" gehört der "White Russian" für mich dazu. Ein Cocktail aus dem Jahr 1965. Buffalo liegt am Eriesee. Schnellstraßen riegeln ihn ab und die meisten Bewohner bekommen ihn nie zu Gesicht.
Ich trage mein Gepäck zur Haltestelle. Sie liegt genau vor der Bar der letzten Nacht. Die Stühle sind hochgestellt. Ein letzter Blick. Der Bus fährt an als wäre nichts.
Beim Warten auf den Greyhound nach Cleveland und Cincinnati komme ich mit einem alten Armenier aus Canada ins Gespräch. Ein neuer Tag.
Ich versuche nicht zurückzuschauen.
Der Koffer ist randvoll. Ich schenke einem meiner Mitbewohner einen Atlas, ein Hemd. Er zeigt mir einen Baedeker aus den 20ern, was der wert sei. Gebe mein Rad ab, ziehe den Stecker. Nachts noch in eine Bar, der Whiskey geht aufs Haus, ich bin der letzte Gast, on the Rocks. Was für eine Stadt. Etablierte Politik seit Jahrzehnten zum Umblättern. 14.000 Häuser leer und abrißreif. Aber Buffalo ist nicht aus Stein gebaut. Es sind die Menschen. Sie schreiben hier Gedichte und malen in Öl. Verwenden alte Druckmaschinen, organisieren sich, um etwas zu bewegen. Verbinden das Beste aus der Kleinstadt mit den Vorzügen der Metropole. Ich meine die Weißen. In den schwarzen Vierteln Kirchengemeinden und Trostlosigkeit vereint.
Hier war ich bowlen. Seit "The Big Lebowski" gehört der "White Russian" für mich dazu. Ein Cocktail aus dem Jahr 1965. Buffalo liegt am Eriesee. Schnellstraßen riegeln ihn ab und die meisten Bewohner bekommen ihn nie zu Gesicht.
Ich trage mein Gepäck zur Haltestelle. Sie liegt genau vor der Bar der letzten Nacht. Die Stühle sind hochgestellt. Ein letzter Blick. Der Bus fährt an als wäre nichts.
Beim Warten auf den Greyhound nach Cleveland und Cincinnati komme ich mit einem alten Armenier aus Canada ins Gespräch. Ein neuer Tag.
Ich versuche nicht zurückzuschauen.
Subscribe to:
Posts (Atom)