July 26, 2008
Jail Call
Ich mußte daran denken, daß nach den Gesetzen der Straße jede Berührung des Gegners eine Kriegserklärung ist. Und daß Polizisten in den USA nach erfolgreicher Jagd ihre Beute ebenfalls anfassen. Sie stuken deren Köpfe sanft mit der Hand beim Einstieg in den hinteren Bereich der Polzeiwagen und das tun sie immer. Würde man sie fragen, warum, dann hätten sie eine humane Erklärung. Der Delinquentenkopf soll sich nicht stoßen. Ich glaube aber, es handelt sich um ein Ritual der Macht. Zu unterliegen heißt, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Durch unabwendbare Gewalt jedweder Art, diese spezielle Körperbehandlung, oder eben Gefängnis.
Am Richtertisch standen sie dann in ihrer groben, grauen Gefängniskleidung, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Dabei trugen sie keine Handschellen. Sie hatten die Handschellen im Kopf, das Gefesselt-sein erlernt. Sprachen nur, wenn sie gefragt wurden. Leise, unmoduliert, oder der Anwalt übernahm. Meist ein Pflichtverteidiger - den nicht jeder hatte. Das Recht, sich selbst zu verteidigen. In diesem Land mit der Waffe. Vor dem Gericht mit leeren Händen. Als Latino mit gebrochenem Englisch. Eine Übersetzerin vermittelte.
Seine Pflichtverteidigerin war unpäßlich. Ihre Vertreterin wußte weniger als wir. Dafür trug sie ein Kostüm. Der Dresscode war ein Hinweis auf die Standeszugehörigkeit. Die räumliche Ordnung ein weiterer. Wir wurden höflich gebeten, uns nicht in die erste Reihe zu setzen. Das war mir bereits einmal bei einer Anhörung im Bundestag widerfahren. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Gutgekleideten saßen vorne rechts, liefen herum und lächelten viel, wenn sie Kostüm und Hachhackiges trugen oder schauten als Anzugträger kooperativ und bescheiden. Alle flüsterten. Sie hatten dieses Flüstern geradezu perfektioniert, bewegten nur die Lippen und verstanden einander ohne auch nur ein einziges Mal nachzufragen. Im Gerichtssaal darf man nur sprechen, wenn man dazu aufgefordert wird oder wenn man Richter ist. Auch der sprach leise. Bei ihm war immerhin eine Stimme zu vernehmen. Ein Murmeln, gerade laut genug, damit seine Stenotypistin ihren Job machen konnte. Sie stand in der Hackordnung der Mächtigen ganz unten. Sie war dann auch die einzige, deren Mimik jedes professionelle Verstellen fehlte, ja jede Regung überhaupt. Ein menschliches Anhängsel des Gerätes, das sie bediente.
Der Rechtsstaat läßt das Volk Augenzeuge bei der Rechtsprechung sein. Zuschauen ist erlaubt, nur der Ton ist abgestellt.
Sein Prozeß wird vertagt. Die Pflichtverteidigerin soll doch besser dabei sein. Der Richter schaut in den Kalender. Er findet einen neuen Termin in zwei Monaten. Der Sträfling bedankt ich und bleibt in U-Haft. Ihm drohen 15 Jahre. Da stellt man sich lieber gut mit dem Mann, zu dem alle aufschauen. Nur Martin Luther King übertrifft ihn an Höhe. Der kann aber nichts mehr sagen.
July 20, 2008
Karren und vorbei
Hier kommen die unterschiedlichsten Leute aus ihren Autos, in denen kein anderer etwas zu suchen hat, und stellen sich dem Licht, den Sonderangeboten, den Tiefkühlreihen voller Pizza, den Unmengen gezuckerter Cereals (Frühstücksflocken), dem Sortiment aus Bier und Schnaps, der beschwichtigenden Musik und den Umgangsregeln unter Fremden. Ich habe immer zugeschaut, was auf dem Parkplatz passiert. Auch wenn die Latinoviertel nicht weit sind, waren doch vor allem Weiße und afrikanische Amerikaner ("African Americans") die Kunden. Dabei zeigten schon ihre Autos, wie unterschiedlich sie waren. Die mit den amerikanischen Minivans, die oft übergewichtigen Familientypen, die ganze Körbe voller verpackter Kalorien in ihre Wagen luden. Dann die Nonkonformen in den 20ern, mit ihren Tattoos und nachlässigen Klamotten, in klapprigen Mühlen oder mit dem "fixed gear bike" unterwegs. Am liebsten waren mir aber die in den großen Kisten voller Beulen und Schrammen, abgeplatztem Lack und unverhüllten Unfallschäden. Diese Karren haben die "street credibility" der Armenviertel der Latinos und Schwarzen. Dort steckt man kein Geld in Karosseriearbeiten, wenn man es für Pizza und Benzin braucht. Außerdem hätte man mit einem Wagen in gutem Zustand nur Ärger. Die Polizei hält Schwarze und Latinos in solchen Autos gern an. Denn Neuwertiges kann in den Händen von Underdogs nur geklaut sein. Aber zumindest der Rap aus den Lautsprechern hat richtig Baß.
Wer angenehmerweise selten dort auftaucht, das sind die "Young Professionals", die Männer in den gestärkten weißen Hemden, die fleißige Asiaten in den Reinigungen für sie knitterfrei gebügelt haben, den hellen Bundfaltenhosen und schwarz blitzenden Schnürschuhen. Auch die durchcolorierten Frauen passen mit ihren fitnesstrainierten Körpern in ihre knappen Kostüme. Sie kaufen den Salat, die Sojamilch und ein paar Sixpacks für das Footballspiel vor dem großen Flachbildschirm, dem wichtigsten Einrichtungsgegenstand in den Eigentumswohnungen der Yuppies. Wenn sie noch keine Kinder haben, fahren die Erfolgsmenschen gern deutsche Autos von VW und BMW mit dem eingebauten "Autobahn"-Gefühl oder die Hybriden von Toyota - der Umwelt wegen. Später dann die großen SUVs, blitzblank und immer das neueste Modell. Die Kids sollen beim Chauffieren in die Privatschulen ja sicher sein. Und man muß zeigen, wo man steht. Erfolg verpflichtet. Sie wohnen in den teuren Mittelschichtsvierteln, wie dem, in dem ich jetzt untergekommen bin.
Soweit hat sich also nichts verändert. Aber meine Roommates sind nicht mehr da. Und ich habe schon überall gesucht, ob ich Tom wiederfinde, den Obdachlosen mit der guten Bildung. Er bleibt verschwunden.
July 14, 2008
Die Mächtigen und die Fremden
Der US-Kontrolleur auf dem Flughafen in Chicago war wie üblich von der harten Sorte. Sicher war er ein Ex-Soldat, obwohl eigentlich ein wenig jung. Also mindestens einer im Geiste. Mit Kurzhaarschnitt und ausgeschalteter Mimik.
Wovon ich lebe, was ich so lange hier will, fragte er mich und ich überlegte, wie philosophisch meine Antwort ausfallen sollte. Gern hätte ich mich mit ihm über dieses Lebensgefühl ausgetauscht, das irgenwann zu Gott führt - und wieder zurück. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, etwas sagen zu sollen, das mich im Marathon seiner Prüfungsfragen weiterbrachte. Also erzählte ich das gleiche wie letztes Jahr und dachte, daß er das eigentlich merken müßte. Dann dachte ich an meine Vorväter und seine Vorväter, die in Segelschiffen die Ostküste erreichten, die Indianer, die das alte Europa auf ganz spezielle Weise kennenlernten und hätte sicher an noch mehr gedacht, wenn sie mir da nicht plötzlich erschienen wäre, die Macht, direkt, erbarmungslos, ohne schmückendes Beiwerk, die sich bei anderen Anlässen zumindest ein wenig verhüllt, mit Floskeln der Höflichkeit, alten Ritualen, die den unterlegenem Gegner auf dem Schlachtfeld das Gesicht wahren läßt im Untergang. Was er nicht wußte: ich war gewarnt. Hatte viele Stunden Zeit, dieses Gefühl der kommenden Ohnmacht auf mich wirken zu lassen. Ich wußte durch mein aufrechtes deutsches Fluglinienpersonal, daß ich je nach Zählweise 91-92 Tage bis zu meinem Rückflug in Amerika verbringen würde. Dabei sind nur 90 erlaubt. Ich hatte die Tage nicht gezählt. Tage zählen ist wie sich mit der eigenen Vergänglichkeit unterhalten. Ich wollte meine Tage nicht zählen, ich habe sie geschätzt die Tage, das ist die bessere Idee im allgemeinen. Die Deutschen ließen mich nur bis Mailand fliegen, meinem Zwischenstopp auf dem Weg in die neue Welt. In Deutschland sind 90 Tage ganz eindeutig 90 Tage. In Italien ist das anders. Nach eingehender Konsultation ließen sie mich in ihre Maschine nach Chicago mit einem aufmunterndem "Don't worry". Dort erhielt ich meine Abfuhr von dem jungen Kurzhaarkrieger und die Gelegenheit, mit bewaffneter Eskorte in den Raum seiner Vorgesetzten zu gelangen. Ich erwartete nichts und dachte noch nicht einmal an Kafka und sein Schloß, denn ich bekam schnell Einlaß, nur um Menschen aus aller Welt in diesem Raum versammelt zu sehen. Darunter war auch eine weinende Deutsche in den 30ern. Ihr wurde die Einreise verweigert, da sie nicht angeben konnte, wo sie wohnen würde. Auch eine Inderin im Rollstuhl hatte Probleme, sprach aber kein Englisch. Die Zustellung ihrer Schwierigkeiten übernahm ihre Begleiterin. Ich traf nach 5 min. auf einen Vorgesetzten, der sich als Kommilitone meiner Chicagoer Uni herausstellte. Er hatte "Criminal Justice" studiert. In dem Fach hatte ich dort einmal eine Vorlesung gehört und war von der vermutlich deutschen Professorin wenig angetan, die offensichtlich ihren Job nicht ernst nahm. Ich hatte damals überlegt, ob ich ihr nicht meine Mißbilligung aussprechen sollte. Sie war aber so machttrunken, daß ich ihren Fall für hoffnungslos hielt. Jedenfalls bekam ich von meinem netten Kollegen anstandslos den Stempel der Mächtigen und durfte einreisen. Er war Latino. Wir haben keine Vorväter, die gemeinsam die Ostküste besiedelt haben. Aber wir wissen, wie es sich anfühlt, die Fremden zu sein. Manchmal ein gutes Gefühl.