August 10, 2008

Tenants must wear shoes and shirt

Alle Register gezogen in Pittsburgh. Immer wieder ins WWW - auf der Straße, auf der Suche nach freiem WLAN - und einer Steckdose. Stunden durch die Viertel auf dem Weg zu einer Bleibe. Die Busse gewechselt, die Grenzen getestet; was anfangs inakzeptabel schien, wurde nun möglich, die schlechtere Gegend, die höhere Miete, die Sorte Mitbewohner, die Dauer. Keine Antwort vom German Heritage Club, den Landsleuten, die in früheren Jahrhunderten die erste Anlaufstelle der Einwanderer waren. Kein Tipp von der Lutheran Church, deren Mitglied ich bin, auf einem anderen Kontinent im 21. Jahrhundert. Ich muß dringend aus der schlechten Gegend weg, Deutschtown. Es ist bereits dunkel. Ein indischer Student hatte ein Zimmer angeboten, für 3 Wochen. Ich suche nach einer Bleibe für 2 Monate. In dieser Stadt muß man geduldig auf Busse warten. Umsteigen macht es noch schwieriger. Es kommt kein Bus. In dieser Gegend fahren auch keine Taxis. Zu arm, zu wenig Nachfrage. Die Verkäuferin in einem kleinen Laden ruft ihre Freundin an, sie hätte einen Fahrerjob. Einen Deutschen aus der Gegend bringen. Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache. Aber es ist wirklich ihre Freundin. Ich steige in einen alten röhrenden Toyota. Sie hat 2 Kinder, ihr Vater betreibt hier eine Kneipe, über der Zimmer vermietet werden. Alle voll. Auch sie hat Nerven. Einen Unbekannten zu fahren. Ob ich das Geld passend habe. Ich gebe es ihr nach dem Einsteigen, passend aber habe ich es nicht, es sei denn, sie verzichtet auf 2 Dollars. Sie gibt mir das Wechselgeld und wir reden über Autos. Sie hatte mal einen Buick. Meine Lieblingsmarke. Hat ihr Ex verscherbelt. Der Toyota röhrt wie ein Panzer aber nähert sich zügig der Gegend, in der die Studenten gerne wohnen, in der es die Coffeeshops gibt und die coolen Läden, dieser anderen Welt. Im Dunkeln kann ich die Hausnummern nicht entziffern. Als ich den Inder endlich finde, hat er das Zimmer einem Franzosen versprochen. Die ganze Bude ist verkramt und riecht nach indischem Essen. Sie bekommt meine Karte - falls etwas frei wird über der Kneipe, in der Gegend aus der sie kommt. Sie dreht um, fährt zurück in das Viertel, das einst die Deutschen aufgebaut hatten, und das nun ein Schatten seiner selbst ist. Viele Häuser zerfallen, unbewohnt, weiße Armut.

Am nächsten Morgen ergebe ich mich und nehme den ersten Bus nach Buffalo, NY. Wie ein Hobo ziehe ich von Stadt zu Stadt, auf der Suche nach einem Platz zum schlafen. Die Suche kostet Kraft. Alles andere wird vernachlässigt; die Wahrnehmung wird zum Tunnelblick. Busnummern, Hausnummern, Gestalten auf der Straße. Rational denken, sich konzentrieren, Gefühle verdrängen. Die Uhrzeiten sind wichtig. Als Hobo braucht man eine Uhr. Wer auf der Straße lebt, muß wissen, wann es wo welche Hilfe gibt. Darf nicht zu spät kommen. Muß den Weg wissen. Auch die Kirchen öffnen und schließen ihre Suppenküchen zu festen Uhrzeiten.

Ich habe ein Ziel in Buffalo, eine einzige Möglichkeit und einen Notbehelf, denn hier gibt es eine Jugendherberge. Das Telefonieren klappt nicht. Die Telekonzerne nehmen meine Quarters, stellen aber keine Verbindung her. Nach 6 Stunden Busfahrt laufe ich zur Büroadresse und drücke auf den Knopf der Gegensprechanlage. Nein, ich habe keinen Termin. Ich nehme aber die erste Hürde und darf auf der Schwelle ein paar Worte wechseln. Darf zu dem Haus gehen, in dem Zimmer vermietet werden. Ein "Rooming House". Bad und Küche werden geteilt. Dem Manager dort steht sein chronisches Mißtrauen in den Gesichtszügen. Er darf nichts, außer sich Manager zu nennen und auf ein Klingeln an seiner Tür zu reagieren. Drückt mir das Telefon in die Hand, der Chef ist dran. Er hat kein Zimmer. Alles voll. Bietet mir eine Woche Unterbringung an, in einem Raum, der nicht benutzt wird, zum Wochenpreis, dem doppelten. Fragt mich kurz, was ich mache, woher das Geld kommt. Ein Profi, der keine "Background Checks" und "Credit history" braucht, wie die anderen kommerziellen Zimmervermieter. Der Manager wird angewiesen, sich mit dem Telefon außer Hörweite zu begeben. Nach 20 Minuten bekomme ich einen Raum. Zahle gern das Doppelte. Bar, das war Bedingung. Und eine Kaution dazu. Erfahre das strikte Reglement. Kein Alkohol, keine Lebensmittel im Zimmer, keine Gäste. "Tenants, must wear shoes and shirt". Die Garderobenanforderung an die Bewohner.
Ich bin angekommen. Lief doch wirklich glatt. Kein Vergleich zu Pittsburgh.