August 20, 2008

Der Mann aus Malta

Als ich das Grundstück betrete, glaube ich nicht, hier einen guten Deal zu machen. Ich brauche ein Rad und hier werden alte Räder angeboten, Räder, die andere aussortiert haben. Der Mann, der sie verkauft, scheint ein Latino zu sein, seinem schweren Akzent nach. Die Räder sind Ramsch, nach unseren hohen Maßstäben. In Entwicklungsländern und amerikanischen Unterschichten betrachtet man das etwas anders.

Manchmal werden sie ihm auch gestohlen. Wenn er einen Moment nicht aufpaßt. In seiner Garage nach alten Teilen kramt. Junkies, die ihm sehr leicht schlimmeres antun könnten, so klapprig wie er ist. Er liest die Räder irgendwo auf und flickt sie zusammen. Ohne nennenswertes Werkzeug, ohne Neuteile. Er hat kein Öl, keine Zange. Sein Werkzeugsortiment ist eine Schande. Sie haben ihm irgendwann seinen Werkzeugkoffer geklaut. Ich soll sein Alter schätzen. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Alte Männer sind hier stolz, noch am Leben zu sein, es soweit geschafft zu haben. Ich ziehe ein paar Jahre ab und nenne ihm eine Zahl. Er ist 83, heißt Fränk. Er steckt in zu großen Hosen, seine Schuhe haben hohe Absätze. Fränk ist der wahrscheinlich kleinste Mann der Stadt, aber fährt den größten SUV der Gegend. Ich übertreibe.

Er kommt aus Malta, wie seine Frau. Viele Immigranten tragen amerikanische Vornamen. Auch sie nennt ihn Fränk. Auf Malta hieß er vielleicht Franco. Wer weiß. Seine Mutter hat ihn als Kind immer in einem Fahrradladen abgegeben, wenn sie besseres zu tun hatte. Seitdem faszinieren ihn Fahrräder. Im II. Weltkrieg war er Soldat. Sie haben Torpedos gezündet gegen deutsche Schiffe. Sind nicht explodiert. Er hat britische Lastwagen gefahren und er erzählt, wie sie einen Deutschen erschossen haben. Der saß in einem Baum, war Scharfschütze. Fränk legt noch einmal an, auf den Deutschen seiner Erinnerung. Sie haben sich angeschlichen und der Deutsche hat es nicht gemerkt. Er hat keinen Stolz aus diesem Krieg zurückbehalten, Stolz, von dem heute soviel die Rede ist, wenn es um die Soldaten dieses Landes geht. Die Deutschen waren die Invasoren und sie waren im Auftrag des Bösen unterwegs. Aber er verurteilt sie nicht. Ich erzähle ihm, daß ich die britischen Soldatengräber auf Malta gesehen habe.

Eine junge Frau kommt mit ihrem Rad vorbei. Platter Reifen. Sie hat einen neuen Schlauch mitgebracht. In seiner Garage liegen viele alte Schläuche. Ich mache eine Probefahrt mit einem roten Huffy, einem Halbrennrad. Huffy ist eine US-Firma der unteren Preisklasse aus der Zeit, als sie noch Räder in den USA hergestellt haben. Schon länger her. Eine Bremse funktioniert nicht, Schlag im Hinterrad, den Reifen ist nicht zu vertrauen, keine Schutzbleche, viele Gänge lassen sich nicht mehr schalten. Ich kaufe es, ich brauche ein Rad. Ich handle es nicht herunter und er überläßt es mir etwas billiger. Die Kette braucht Öl. Ich soll ein paar Tage später nochmals vorbeischauen, dann wird er Öl gekauft haben. Mittlerweile repariere ich die Bremse.

Als wir uns wiedersehen, drückt er mir das Öl in die Hand. Ein schwarzer Rasta-Junkie kommt vorbei. Er war vor ein paar Tagen mit einem Rad hergekommen, um es zu verkaufen. Ist danach mit einem von Fränks Rädern abgehauen. Seine Frau droht lautstark mit den Cops und er haut wieder ab. Ich sehe ihn später nochmals radfahrend in einer anderen Straße. Fränk erzählt, daß sein Kumpel immer eine Knarre mitnimmt, wenn sie gemeinsam eine Radtour machen.
Und sie tragen Radhelme. Zur Sicherheit.