Ich trinke wieder das Okocim-Bier, aus Südpolen, kräftig und würzig, ein Direktimport. Fahre mit dem Rad durch die Gegend, in der ich gewohnt hatte, an dem Haus vorbei, vor dem wir nachts saßen mit diesem Bier. Es ist genauso warm wie damals, das Haus hat sich nicht verändert, obwohl ich damals nicht annahm, daß es sich einem Abriß lange würde entgegenstemmen können. Diese alte Bruchbunde, die eine Weile mein Zuhause war. Ich sehe noch jede Einzelheit vor mir. Die dunklen Farben, die karge Einrichtung, den schwarz-weißkarierten Fußboden in der Küche, die Ventilatoren. Die Katzen und meine "Roommates". In Wurfweite der große Supermarkt, unser verlängerter Kühlschrank, immer geöffnet, mit seinem großem Parkplatz, vor den Eingängen zu jeder Zeit ein paar schwarze Angestellte zum rauchen, fegen, aufpassen, in grünen Kitteln.
Hier kommen die unterschiedlichsten Leute aus ihren Autos, in denen kein anderer etwas zu suchen hat, und stellen sich dem Licht, den Sonderangeboten, den Tiefkühlreihen voller Pizza, den Unmengen gezuckerter Cereals (Frühstücksflocken), dem Sortiment aus Bier und Schnaps, der beschwichtigenden Musik und den Umgangsregeln unter Fremden. Ich habe immer zugeschaut, was auf dem Parkplatz passiert. Auch wenn die Latinoviertel nicht weit sind, waren doch vor allem Weiße und afrikanische Amerikaner ("African Americans") die Kunden. Dabei zeigten schon ihre Autos, wie unterschiedlich sie waren. Die mit den amerikanischen Minivans, die oft übergewichtigen Familientypen, die ganze Körbe voller verpackter Kalorien in ihre Wagen luden. Dann die Nonkonformen in den 20ern, mit ihren Tattoos und nachlässigen Klamotten, in klapprigen Mühlen oder mit dem "fixed gear bike" unterwegs. Am liebsten waren mir aber die in den großen Kisten voller Beulen und Schrammen, abgeplatztem Lack und unverhüllten Unfallschäden. Diese Karren haben die "street credibility" der Armenviertel der Latinos und Schwarzen. Dort steckt man kein Geld in Karosseriearbeiten, wenn man es für Pizza und Benzin braucht. Außerdem hätte man mit einem Wagen in gutem Zustand nur Ärger. Die Polizei hält Schwarze und Latinos in solchen Autos gern an. Denn Neuwertiges kann in den Händen von Underdogs nur geklaut sein. Aber zumindest der Rap aus den Lautsprechern hat richtig Baß.
Wer angenehmerweise selten dort auftaucht, das sind die "Young Professionals", die Männer in den gestärkten weißen Hemden, die fleißige Asiaten in den Reinigungen für sie knitterfrei gebügelt haben, den hellen Bundfaltenhosen und schwarz blitzenden Schnürschuhen. Auch die durchcolorierten Frauen passen mit ihren fitnesstrainierten Körpern in ihre knappen Kostüme. Sie kaufen den Salat, die Sojamilch und ein paar Sixpacks für das Footballspiel vor dem großen Flachbildschirm, dem wichtigsten Einrichtungsgegenstand in den Eigentumswohnungen der Yuppies. Wenn sie noch keine Kinder haben, fahren die Erfolgsmenschen gern deutsche Autos von VW und BMW mit dem eingebauten "Autobahn"-Gefühl oder die Hybriden von Toyota - der Umwelt wegen. Später dann die großen SUVs, blitzblank und immer das neueste Modell. Die Kids sollen beim Chauffieren in die Privatschulen ja sicher sein. Und man muß zeigen, wo man steht. Erfolg verpflichtet. Sie wohnen in den teuren Mittelschichtsvierteln, wie dem, in dem ich jetzt untergekommen bin.
Soweit hat sich also nichts verändert. Aber meine Roommates sind nicht mehr da. Und ich habe schon überall gesucht, ob ich Tom wiederfinde, den Obdachlosen mit der guten Bildung. Er bleibt verschwunden.