July 26, 2008

Jail Call

Eine Automatenstimme meldet sich. Ein Anruf aus dem Gefängnis. Ob ich bereit wäre, die Gebühren zu übernehmen ("Collect Call"). Ich drückte die Null für ein Ja. Und war nun mit dieser Welt verbunden, in der die einen Anstaltskleidung tragen und die anderen auch. Kurzgeschorene Köpfe, blasse Haut, Neonlicht. Er wußte sofort, wer ich war. The German. Ich hatte ihn im Gerichtssaal gesehen. Dort hängen verstaubte Fahnen, Stars and Stripes und die von Illinois. Besucherbänke in dunklem Holz, wie in der Kirche. Über allem aber kein Jesus. Dafür Martin Luther King. Gemalt und aufgehängt, direkt über dem Thron des Richters. Ein Podest, wie praktisch, ließ ihn über allen anderen sitzen. Dies war sein Reich. Man merkte das daran, daß er eine halbe Stunde zu spät kam und darüber kein Wort verlor. Zeit hatte, mit seiner Assistentin zu scherzen. Überhaupt, die Zeit. Nur er kannte sich aus in der Zeit. Weder wir auf den Kirchenbänken noch die Anwälte wußten, wann welcher Fall aufgerufen würde. Wir, das waren das Volk, die Angehörigen, Angeklagte auf Kaution. Meist Latinos und Schwarze von der Straße. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob das auf dem Gemälde nicht der Richter ist. Ich war froh, daß es MLK war, machte mir aber Sorgen, ob Martin Luther King sein Bild hier gern gesehen hätte. Okay, der ehrenwerte Richter war schwarz. Sein Personal war es auch. Der Wachhund von Polizist, der unentwegt das Publikum beobachte, um sofort seine Befehle zu bellen. Einer hatte eine Baseballkappe auf. Ein Fehler, wie der schnell merkte. Der Wachhund führte die Angeklagten an den Richtertisch. Dabei griff er jedes Mal an deren Schultern, um die zu Richtenden korrekt aufzustellen. Er kannte die Soll-Stehposition auf den Zentimeter genau. Jeder wurde angefaßt und vor dem Richter auf Position gebracht.

Ich mußte daran denken, daß nach den Gesetzen der Straße jede Berührung des Gegners eine Kriegserklärung ist. Und daß Polizisten in den USA nach erfolgreicher Jagd ihre Beute ebenfalls anfassen. Sie stuken deren Köpfe sanft mit der Hand beim Einstieg in den hinteren Bereich der Polzeiwagen und das tun sie immer. Würde man sie fragen, warum, dann hätten sie eine humane Erklärung. Der Delinquentenkopf soll sich nicht stoßen. Ich glaube aber, es handelt sich um ein Ritual der Macht. Zu unterliegen heißt, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Durch unabwendbare Gewalt jedweder Art, diese spezielle Körperbehandlung, oder eben Gefängnis.

Am Richtertisch standen sie dann in ihrer groben, grauen Gefängniskleidung, die Arme hinter dem Rücken verschränkt. Dabei trugen sie keine Handschellen. Sie hatten die Handschellen im Kopf, das Gefesselt-sein erlernt. Sprachen nur, wenn sie gefragt wurden. Leise, unmoduliert, oder der Anwalt übernahm. Meist ein Pflichtverteidiger - den nicht jeder hatte. Das Recht, sich selbst zu verteidigen. In diesem Land mit der Waffe. Vor dem Gericht mit leeren Händen. Als Latino mit gebrochenem Englisch. Eine Übersetzerin vermittelte.

Seine Pflichtverteidigerin war unpäßlich. Ihre Vertreterin wußte weniger als wir. Dafür trug sie ein Kostüm. Der Dresscode war ein Hinweis auf die Standeszugehörigkeit. Die räumliche Ordnung ein weiterer. Wir wurden höflich gebeten, uns nicht in die erste Reihe zu setzen. Das war mir bereits einmal bei einer Anhörung im Bundestag widerfahren. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Gutgekleideten saßen vorne rechts, liefen herum und lächelten viel, wenn sie Kostüm und Hachhackiges trugen oder schauten als Anzugträger kooperativ und bescheiden. Alle flüsterten. Sie hatten dieses Flüstern geradezu perfektioniert, bewegten nur die Lippen und verstanden einander ohne auch nur ein einziges Mal nachzufragen. Im Gerichtssaal darf man nur sprechen, wenn man dazu aufgefordert wird oder wenn man Richter ist. Auch der sprach leise. Bei ihm war immerhin eine Stimme zu vernehmen. Ein Murmeln, gerade laut genug, damit seine Stenotypistin ihren Job machen konnte. Sie stand in der Hackordnung der Mächtigen ganz unten. Sie war dann auch die einzige, deren Mimik jedes professionelle Verstellen fehlte, ja jede Regung überhaupt. Ein menschliches Anhängsel des Gerätes, das sie bediente.

Der Rechtsstaat läßt das Volk Augenzeuge bei der Rechtsprechung sein. Zuschauen ist erlaubt, nur der Ton ist abgestellt.

Sein Prozeß wird vertagt. Die Pflichtverteidigerin soll doch besser dabei sein. Der Richter schaut in den Kalender. Er findet einen neuen Termin in zwei Monaten. Der Sträfling bedankt ich und bleibt in U-Haft. Ihm drohen 15 Jahre. Da stellt man sich lieber gut mit dem Mann, zu dem alle aufschauen. Nur Martin Luther King übertrifft ihn an Höhe. Der kann aber nichts mehr sagen.