Man kann ein Latinoviertel an ein paar Details erkennen. An den silber glitzernden XXL-Felgen der aufgemöbelten Schlitten. Den Waschsalons ("Coin-Laundry") mit diesem wunderbaren Waschmittelduft und den Fernsehern, aus denen spanischspachige Soap-Operas quellen. Den verbeulten alten Pickup-Trucks am Straßenrand, aus denen Obst und Gemüse verkauft werden. Den Läden mit handbemalten Schildern in Spanisch, Supermärkten und Taco-Läden. Oder den Preisschildern für einen Haarschnitt.
8 Dollars, 7 Dollars; bei 5 Dollars halte ich an. Meist handelt es sich um kleine Läden, in denen ein paar Latinas den Männern einen Maschinenschnitt verpassen. Ein paar Mal über den Skalp fahren und fertig ist der Schnitt. Oft sprechen sie kaum Englisch, machen aber auch nicht viele Worte. So sehen sich die Haarschnitte der Latinomänner auch recht ähnlich. Militärisch praktisch kurz. Nur wer die 5 Dollars nicht aufbringen kann, fällt aus dem Rahmen und sieht wie ein mexikanischer Landarbeiter aus - falls man damit richtig liegt. Als ich den Laden betrete, fällt mir eine Besonderheit auf. Ich muß an einen Counter, einen Haarschnitt bestellen und werde an einen nummerierten Tisch verwiesen. Die Nummer 12 soll es sein. Auf mich wartet ein schwitzender Mann in meinem Alter, mit militärisch kurzem Schnitt und Übergewicht. Sein Arbeitsplatz ist unaufgeräumt und voller Haare vergangener Aufträge. Ein paar Stühle weiter nimmt ein Latino mit Knarre Platz. Ein Cop in Freizeitkleidung. Ich lasse mir nicht anmerken, daß ich mir nur ungern von einem Mann einen Haarschnitt verpassen lasse. Die psychosoziale Bedeutung des Haareschneidens ist ein Thema für sich. Ich habe "der Mann der Friseuse" gesehen. Er spricht schlechtes Englisch. So kurz wie sein Haar? Nicht ganz so kurz, bitte, ich bin Zivilist. Dann ruft er etwas in den Raum, das weder englisch noch spanisch klingt. Es ist albanisch, wie ich auf Nachfrage erfahre. Er ist seit vier Jahren in Chicago und hat Heimweh, jeden Tag. Was ich hier denn wolle, Deutschland ist doch viel sozialer. Er hat natürlich recht. Aber das ist die Klugheit eines Immigranten, der der Armut entkommen will. Wir witzeln über mein Haupthaar. Er war zwischendurch für 5 Monate in der Heimat. Und kam zurück, unglücklich. Ich bekomme jetzt eine ordentliche albanische Behandlung. Mein Nacken wird mit dem Rasiermesser behandelt und gepudert. Das Haar mit parfümiertem Alkohol noch ein wenig aufgepeppt. Ich fühle mich wie in einem albanischen Dorf. Das Haar nach hinten kämmen oder zur Seite? Mir werden die rituellen Handgriffe des stolzen lokalen Friseurs zuteil. Jetzt haben auch meine Haare eine Heimstatt gefunden. Die Büschel mischen sich mit denen der Kunden, die vor mir hier Platz genommen hatten. Albaner im Latinoviertel. Ich denke an die Fische, die sich optisch perfekt an den Meeresgrund anpassen, steige wieder auf mein Rad, verlasse das albanische Dorf. Das Latinoviertel hält noch lange an. Die Haarschnitte werden wieder teurer. Der polnische Bezirk beginnt.