July 14, 2008

Die Mächtigen und die Fremden

Der US-Kontrolleur auf dem Flughafen in Chicago war wie üblich von der harten Sorte. Sicher war er ein Ex-Soldat, obwohl eigentlich ein wenig jung. Also mindestens einer im Geiste. Mit Kurzhaarschnitt und ausgeschalteter Mimik.

Wovon ich lebe, was ich so lange hier will, fragte er mich und ich überlegte, wie philosophisch meine Antwort ausfallen sollte. Gern hätte ich mich mit ihm über dieses Lebensgefühl ausgetauscht, das irgenwann zu Gott führt - und wieder zurück. Aber irgendwie hatte ich den Eindruck, etwas sagen zu sollen, das mich im Marathon seiner Prüfungsfragen weiterbrachte. Also erzählte ich das gleiche wie letztes Jahr und dachte, daß er das eigentlich merken müßte. Dann dachte ich an meine Vorväter und seine Vorväter, die in Segelschiffen die Ostküste erreichten, die Indianer, die das alte Europa auf ganz spezielle Weise kennenlernten und hätte sicher an noch mehr gedacht, wenn sie mir da nicht plötzlich erschienen wäre, die Macht, direkt, erbarmungslos, ohne schmückendes Beiwerk, die sich bei anderen Anlässen zumindest ein wenig verhüllt, mit Floskeln der Höflichkeit, alten Ritualen, die den unterlegenem Gegner auf dem Schlachtfeld das Gesicht wahren läßt im Untergang. Was er nicht wußte: ich war gewarnt. Hatte viele Stunden Zeit, dieses Gefühl der kommenden Ohnmacht auf mich wirken zu lassen. Ich wußte durch mein aufrechtes deutsches Fluglinienpersonal, daß ich je nach Zählweise 91-92 Tage bis zu meinem Rückflug in Amerika verbringen würde. Dabei sind nur 90 erlaubt. Ich hatte die Tage nicht gezählt. Tage zählen ist wie sich mit der eigenen Vergänglichkeit unterhalten. Ich wollte meine Tage nicht zählen, ich habe sie geschätzt die Tage, das ist die bessere Idee im allgemeinen. Die Deutschen ließen mich nur bis Mailand fliegen, meinem Zwischenstopp auf dem Weg in die neue Welt. In Deutschland sind 90 Tage ganz eindeutig 90 Tage. In Italien ist das anders. Nach eingehender Konsultation ließen sie mich in ihre Maschine nach Chicago mit einem aufmunterndem "Don't worry". Dort erhielt ich meine Abfuhr von dem jungen Kurzhaarkrieger und die Gelegenheit, mit bewaffneter Eskorte in den Raum seiner Vorgesetzten zu gelangen. Ich erwartete nichts und dachte noch nicht einmal an Kafka und sein Schloß, denn ich bekam schnell Einlaß, nur um Menschen aus aller Welt in diesem Raum versammelt zu sehen. Darunter war auch eine weinende Deutsche in den 30ern. Ihr wurde die Einreise verweigert, da sie nicht angeben konnte, wo sie wohnen würde. Auch eine Inderin im Rollstuhl hatte Probleme, sprach aber kein Englisch. Die Zustellung ihrer Schwierigkeiten übernahm ihre Begleiterin. Ich traf nach 5 min. auf einen Vorgesetzten, der sich als Kommilitone meiner Chicagoer Uni herausstellte. Er hatte "Criminal Justice" studiert. In dem Fach hatte ich dort einmal eine Vorlesung gehört und war von der vermutlich deutschen Professorin wenig angetan, die offensichtlich ihren Job nicht ernst nahm. Ich hatte damals überlegt, ob ich ihr nicht meine Mißbilligung aussprechen sollte. Sie war aber so machttrunken, daß ich ihren Fall für hoffnungslos hielt. Jedenfalls bekam ich von meinem netten Kollegen anstandslos den Stempel der Mächtigen und durfte einreisen. Er war Latino. Wir haben keine Vorväter, die gemeinsam die Ostküste besiedelt haben. Aber wir wissen, wie es sich anfühlt, die Fremden zu sein. Manchmal ein gutes Gefühl.