April 24, 2007

Jesus died for somebody’s sins but not mine

Patti Smith aus den 70ern, vor kurzem hier zu hören. Seit Tagen durchzieht das Lied meine Gedanken.

Das Hostel in Albuquerque, New Mexico, ist ein Mikrokosmos bemerkenswerter Menschen, auf der Durchreise, auf der Flucht vor irgendetwas, gestrandet oder noch auf der Suche.

Die Frau, die Hitler als denjenigen preist, der so weitsichtig war, die Suche nach anderen Welten voranzutreiben. Deren Vater vielleicht Deutscher war, aber eigentlich weiß sie nichts über ihn. Kurzhaarschnitt und Rock, einnehmende Stimme und Mimik lassen mich an eine englische Lehrerin denken, angetrieben von einer Mission. Sie will einen Film drehen über die mexikanische Kultur. Sie ist Journalistin, sagt sie ganz selbstverständlich. Eine Kamera hat sie nicht.

Der Tätowierte aus Buffalo, NY auf der Suche nach dem nächsten Tagelöhnerjob. Der die alten Drogenbosse aus Florida kennt und von Staat zu Staat reist, mit Greyhound. Sein Führerschein ist abgelaufen und wegen jahrzehntealter unbeglichener Geldbußen bekommt er keinen neuen. Besoffen gefahren und so. Seinen alten Truck hat er irgendwann verkauft. Hat Buletten gebraten für die Schüler, gemalert und lackiert. War Lagerarbeiter und Stahlverarbeiter, auf dem Bau und im Sägewerk. Er weiß, wo welche Mindestlöhne gelten. Irgendwo hat er eine Tochter und die hat auch ein Kind. Einer dieser Typen, von dem Exfrauen nur verächtlich sprechen. Eigentlich ganz patent.

Die Frau aus Alabama, die unentwegt von ihrer Mutter erzählt und ihrem Verlobten, von der Kirche und den gemeinen Leuten. Ob jemand zuhört oder nicht, nimmt sie nicht wahr. Barfuß steht sie im Rock in der Küche, redet und ißt Toastbrot mit Ketchup. Sie will nach ein paar Tagen in ein benachbartes Motel, mit all ihren Tüten. Ihr Dialekt ist fantastisch. Forest Gump muß wohl auch so gesprochen haben.

Der Mann mit dem akkurat gestutzten Bart und dunklem Hut aus New Mexico. Gewissenhaft die Zeitungen lesend, aus reiner Gewohnheit, ohne Neugierde. Was er besitzt ist ein alter Plymouth Sundance Vierzylinder, auf der Beifahrerseite ruhen alte Wasserkanister. Der Rest seiner Sachen ist irgendwo eingelagert. Er weiß mehr über die deutsche Geschichte des III. Reiches als ich. Auch er zieht in ein Motel weiter, wegen der „Privacy“. Die Chiligerichte New Mexicos scheinen seine sinnliche Heimat zu sein. Aber scharfes Essen verträgt er nicht.

Die Ex-Iranerin, Anfang 20. Mit 14 eingewandert und aus der Gruppe der erfolgreichen Young Professionals. Ihre Familie lebt in einem Vorort von Washington DC. Sie arbeitet in Minneapolis als IT Consultant und wohnt dort in einem Hotel. Hiking und Climbing sind ihre Hobbies. Sie kam mit dem Flugzeug aus dem Norden und hat einen Mietwagen. Ihr Freund lebt irgendwo ein paar Tausend Meilen weiter östlich. Ich weiß nicht, ob ihre unglaubliche Freundlichkeit Teil ihres Wesens oder ihrer Professionalität ist.

Der junge Indianer, auch er auf der Suche nach Arbeit. War College-Student in Kalifornien und Soldat im Irak. Am nächsten Morgen ist er fort, er schien nicht willkommen. Wollte weiter nach Houston, Texas.

Der alte „Hobo“ mit seiner tiefen Stimme, der mich mit seinem Gestank aus Alkohol und altem Schweiß ins Einzelzimmer getrieben hat. „You have to tell me about Germany“. Der Aufforderung bin ich nicht nachgekommen. Er hatte die Angewohnheit, ab und an mit der Zunge zu schnalzen, „you know“ an seine Sätze anzuhängen und den halben Tag zu schlafen. Selbst den Geruch seines Essens mochte ich nicht. Seine alten Socken haben im Mülleimer noch eine Weile die Lufthohheit bewahrt. An seiner Tasche war ein Namensschild einer Fluglinie.

Die kleine Amerikanerin, bunt tätowiert bis auf die Handrücken. Hat in LA gelebt und in Washington DC. Kam hierher, um etwas runterzuschalten und an der Uni Insektenkunde zu studieren. Gute Wahl, würde ich sagen.

Der Regen, der sich heute Nacht in diese Stadt verirrt hat und der mittelalte Deutsche, der immer nach Worten ringt und von dem keiner weiß, warum er eigentlich hierher gekommen ist, er selbst wahrscheinlich am wenigsten. Er will den Zug nehmen, nach Norden, wieder in eine andere Stadt. Er ist noch auf der Suche.