May 01, 2007

Gegen die Fahrtrichtung in Chicago

Zurück in Chicago. Dieser Raubtierstadt. Die Polizisten tragen Westen. An meinem alten Unidepartment eine Präsentation darüber, welches Neubaudesign die höchsten Immobilienwerte erzielt – in den Armengegenden. Immobilienspekulation ist hier ein Hobby der Mittelschicht. Yuppies kaufen den Baufirmen Apartments ab (Condominions, „Condos“), in ein paar Jahren dann der Wiederverkauf zu höheren Preisen. Klar, die Mittelschicht braucht Geld. Aber auf diesem Weg verschwinden hier immer mehr Mietwohnungen, auf die die Ärmeren angewiesen sind.

Als nicht-amerikanischer Exstudent kann ich bei meinen Einwänden immer mit Verständnis rechnen. Gestern habe ich das Haus in der Maplewood Avenue wieder aufgesucht. Dort hatten wir zuerst gewohnt. Modernisierte Eigentumswohnungen inzwischen. In der Regel natürlich ohne die alten Bewohner.

Ich fahre mit dem Rad durch die Raubtierstadt. An den vielen Autos vorbei, die oft schöner sind als bei uns und durstiger. Das Abschließen dauert so lange wie die Fahrt. Beide Laufräder sichern, an jeder roten Ampel (na ja, fast), sonst bleiben nur Erinnerungen. Wer hier zur Radavantgarde zählen will, fährt ein altes abgespecktes Rennrad, Lenker blank, eine Bremse, auch gern ohne Schaltung und Freilauf, auf dem Kopf ein silberner Skaterhelm. Auch gegen die Fahrtrichtung – eine alte Empfehlung an die Radfahrer, sie würden so besser gesehen. Wer hier Mountainbike fährt, ist vom anderen Stern. Ich fahre so etwas, wie mit dem Hummer durch Kriegsgebiet. Mein Bügelschloß aus deutschem Kruppstahl: gebrochen, das passiert nur hier.

Sie reißen gerade den Bürgersteig vor unserem Haus auf. Die Grobmotoriker kappen die Baumwurzeln gleich mit. In meiner Fantasie fällt der Bagger auf unser Haus, seine bedenkliche Neigung stört niemanden.

Warum singen hier Verkäuferinnen zur Kaufhausmusik bei $8 die Stunde. Nicht dass es mich stört, ganz im Gegenteil. Und ich finde, die Männer gehen hier anders. Die in den Oberhemden. Irgendwie unelegant. Sehr angenehm. Ich gehe auch schon ganz ungezwungen, so ein bisschen ungelenk, befreit. Ist doch ein freies Land. Voller Raubtiere.