In den 40er Jahren haben sie in den USA viele Menschen interniert oder ausgewiesen, vor allem Japaner und Deutsche. Einen von ihnen traf ich gestern. Heute über 80, war er damals siebzehn. Ein Deutscher, mit seinen Eltern eingewandert und nach Cincinnati gezogen. „Was würden Sie tun, wenn sich ein deutscher Freund mit seinem deutschen U-Boot den Ohio hinaufschliche und bei Ihnen anklopfte?“ „Der Ohio ist doch gar nicht tief genug dafür.“
Das war praktisch gedacht. Sein Vater mochte London, liebte den Kaiser und war tüchtiger Bäcker. Da es sich aber um ein Verhör und nicht um einen Schultest handelte, folgte die mehrjährige Internierung in die texanische Einöde, nahe der Grenze zu Mexico, mit seinen Eltern. „Crystal City“ nannten sie die Siedlung, passend zur strahlenden Wüstensonne. Dort lernte er seine spätere Frau kennen und sie blieben über vierzig Jahre verheiratet, bis sie starb.
Heute trägt er Schlips und elegante Brille, spricht mit seiner tiefen Stimme in bewundernswert breitem Nuschelamerikanisch und wirkt ernst und gediegen, ein „Selfmademan“, der darauf sein Selbstbewußtsein aufgebaut hat. Ich habe ihn gefragt, was er empfunden hatte, in seiner neuen Heimat so mit Mißtrauen behandelt zu werden, und mein Akzent verriet mich natürlich sofort. Im Krieg muß jeder seine Bürde tragen. Manche werden Soldat, manche interniert. Diese Antwort klang sehr nach dem amerikanischen Mann der er heute war. Aber wir sprachen in einem Bus, der eine Ausstellung über die Internierungen der Deutschen (www.traces.org) durch viele Orte des mittleren Westens trägt und er half als Zeitzeuge in Chicago dabei mit. Eigentlich hatte ich den Siebzehnjährigen gefragt. Aber wo immer der jetzt steckt, er blieb stumm.