June 10, 2009

Schweinestadt, auf Lunge

Ich atme die Luft ein, auf dem nächtlichen Weg durch mein neues Viertel in Cincinnati, Ohio. Vielleicht hat jede Stadt ihren eigenen Geruch. Lokale Kultur, die nicht in den Büchern steht. Es ist stickig warm, die Luft steht und riecht nach Mäusen. Vor den Häusern sitzen Leute, hören Hip Hop oder tragen Hautbemalung zu Kurzhaarschnitten und weißen Unterhemden. Aber zuerst kommt das Fressen. Ich laufe zum Supermarkt. Die Firma hat hier ihr Hauptquartier und keine Konkurrenz in der Stadt. Es gibt auch nur wegen der Uni einen Radladen für die 330.000 Einwohner, aber das spielt keine Rolle. Wer richtig einkaufen will, fährt sowieso in die Suburbs. Für die Underdogs in der Stadt bleiben die Eindollarketten und die Corner Stores, kleine Läden für alles was man so braucht, meist gut gesichert und in rottigem Zustand.

Am nächsten Tag sehe ich die Cops. Sie sehen aus wie russische Marineoffiziere, weiße Hemden, weiße Tellermützen, dunkle Hosen. Es gibt sie auch auf dem Pferd, dem Mountain Bike und auf Segways, den Elektrorollern, die anderswo Touristen beglücken sollen. Ich frage einen nach den Gesetzen der Straße – denen für Leute auf dem Rad. Seine Augen versteckt eine Oakleybrille, die die Wüstensoldaten so schätzen. Ich könne überall fahren, auch auf diesen autobahnähnlichen Straßen, kein Problem. Dort zu Überleben muß mir aber auch gelingen.

Die Deutschen waren die größte Einwanderergruppe der Stadt. Mit ihnen kamen die Schweine. Es entwickelte sich eine Schlachtindustrie, aus den Fetten wurden dann Seifen gemacht. Der Beginn der chemischen Industrie. Die Firma Procter&Gamble ist hier groß geworden. Als ich in die Innenstadt laufe, fällt mir das Atmen immer schwerer. Abgase, wie ich sie lange nicht mehr genossen habe. Kein reiner Dieselruß, wie in unseren Städten zunehmend schick. Staubig bleischwere Luft. Vielleicht eine Inversionswetterlage. Ich muß eh nach dem Weg fragen, erwähne beiläufig, wie schwer mir hier das Atmen fällt. Die Frau ist überrascht, was Touristen alles fragen. Gut, wenn alle das in ihre Lungen füllen, will ich mich nicht so anstellen. Hier ist man halt nicht zimperlich mit der Luft.

Ich erreiche die Hauptbibliothek. Tolles Gebäude, lichtdurchflutet, die Bücherei mit der stärksten Nutzung in den USA. Die Public Libraries des Landes sind eine kulturelle Errungenschaft. Alle Bibliothekare, die mir bisher über den Weg gelaufen sind, ernsthaft, qualifiziert und hilfsbereit. Sie bewahren das Wissen über die Geschichte ihrer Städte, Zeitungsartikel aus dem frühen 20. Jahrhundert in Heftern oder auf Mikrofilm, Einwandererregister. Und es gibt Leute, die das alles auch nutzen. Dazu Sessel, ein Lesegarten, Essen und Trinken, viele Computer für das Internet. Aber eines gibt es nicht. Der Uniformierte hat jemanden mit geschlossenen Augen erwischt. Einnicken wird nicht toleriert. Die Kultur des Wachseins bestimmt die Regeln. Koffein, maximale Produktivität zu jeder Zeit, Büros ohne Fenster, Essen im Gehen, Telefon am Gürtel, Bluetooth am Ohr, aber nie die Augen schließen. Oder sie mit Wüstengläsern bedecken.