Endlich sehe ich einen im Oberhemd. Spreche ihn an, ja es gibt Kunden, die mit dem Rad kommen. Er zeigt mir die Radständer, die im Nebenraum verstaut auf das Aufstellen warten, will wirklich meine Meinung. Der Supermarkt, der Aldi unterbietet und neu ist in unserer Gegend.
Stehe im Regen, einen Hörer in der Hand, Public Phone an der Tanke. Ob sie mich zurückrufen könne, die Verbindung sei so schlecht. Welche Nummer ich habe, die müsse sie eingeben. Der Regen läuft mir in den Nacken. Ich habe keine Nummer, ich muß ein Telefon kaufen, ein drahtloses. Dieses Teufelszeug, ohne das keiner mehr das Haus verläßt. Keine Telefonnummer zu haben, ist nicht vorgesehen. Ich gebe ihr die Nummer, die auf dem Münzapparat notiert ist. Das ist meine. War schon beeindruckend, die Radfahrerin zu beobachten, die freihändig fährt, um ihre SMS zu tippen. Höre Joni Mitchell aus den 70ern, der guten alten Zeit, wünsche mir das einfache Leben herbei, auf dem Sofa sitzend in den Sonnenuntergang zu schauen. Sie singt von California, coming home. Meine Kreditkarte hat keine US-Adresse, wird nicht akzeptiert. Ob sie sonst etwas für mich tun kann.
143 Getränkedosen in den Recyclingautomaten gestopft und dann den Bon vergessen. Ich schaue nach links und rechts, niemand da. Darf ich nehmen, was mir nicht gehört? Ich stecke den Bon ein und stelle mir vor, was ich alles dafür kaufen kann, für mehr als 6 Dollars. Suche Bier und Schokolade aus und komme davon. Fahre mit dem Wäschesack über der Schulter durch den Regen, navigiere um die Schlaglöcher herum, einhändig. Friere im Waschsalon, um auch mein letztes Hemd in die Trommel werfen zu können. Jemand hat acht Quarters liegen lassen, mit denen ich die Maschine füttere. Ich werde mein altes Uhrenradio zurücklassen müssen, das dicke Panasonic mit den Klappziffern, die sich nicht mehr bewegen. Die Community Organizer spendieren die Pizzastücken diesmal erst nach dem Film, damit keiner vorher abhaut, dem das Fressen zuerst kommt. Hundetrick, Ihr Hunde. Über das Trinkwasser und die Konzerne, aber eine echte Diskussion wird nicht erwartet. Daß der Hälfte der Anwesenden bereits einmal das Wasser abgestellt wurde, beeindruckt mich dann doch.
Die Menschen auf den Fotos in den großen alten Fabriken. Haben Autos gebaut wie Musikinstrumente. 65 PS aus sechs Zylindern, 1907, Luxusklasse. Bilder wie aus einer Detektivgeschichte. Ich darf sie nur mit Handschuhen berühren und um Kopien bitten, die gleich mit einem Stempel versehen werden, damit klar ist, wem hier was gehört. In der größten Fabrik haben sie Seife gekocht, aus Schlachtfetten. Buffalo war die Nummer zwei in der Seifenbranche, nach Cincinnati. Die Seifen an die Landfrauen verschickt, denen das Seifenkochen zuhause nicht so recht gelang. Wurde mehr bestellt, gab es eine „Sweet Home“-Lampe dazu, oder einen Sekretär aus Eichenholz mit Indianernamen. Sweet Home aus Seife, Sweet Home aus Buffalo.
Sie schäkert mit dem Manager von McD, um einen Kaffee extra zu bekommen, die Kaffeesahne hat sie mitgebracht, wie wohl jeden Tag. Die mit Schlips bekommen zwei Dollars mehr. Sie ist Gabelstapler gefahren und jetzt in Rente. Spricht nicht mit den Nachbarn, die reden zu viel über die, die gerade nicht dabei sind. Die Sitzpolster sind aufgeschlitzt, die Tische verdreckt, eine Franchise-Filiale. Ich esse Eis für einen Dollar im Plastikbecher und betrachte den akkurat gemähten Rasen durch das Fenster. Eine Angestellte sortiert ihre vielen Tüten in einer Ecke. Bei McD arbeiten und obdachlos sein, kein Problem.
Ich war Bäume pflanzen. Es begann mit jeder Menge Kaffee und Doughnuts, eine Viertelstunde zu früh, 8.45 Uhr am Samstag. Jeder mußte unterschreiben, alle Risiken selbst zu tragen, aber einen Erste-Hilfe-Kasten haben sie trotzdem mitgebracht. Riverside Park, im Norden, zwischen Black Rock und der GM Motorenfabrik, am See. Schwerster Lehmboden, fünfzig Bäume, zwanzig Freiwillige. Einer schmeißt danach eine Verandaparty, lädt mich ein, gibt mir eine Adresse, die nicht mehr existiert, sie haben die Straßen längst umbenannt, und wenn schon. Conneticut and 7th Street. Auf dem Rad finde ich es trotzdem. Der Hund bedient sich am Buffet, ich bekomme Whiskey mit Minzblättern und Sirup. Jemand mit Ray-Ban Sonnenbrille erklärt mir, was visuelle Anthropologie ist und zeichnet die Türkei auf eine Serviette. Mit jemandem reden, dessen Augen man nicht sehen kann, das ist visuelle Anthropologie, aber das meine ich nicht so, wie es klingt. Die Sonne scheint und ich stecke in meinen Lehmbotten, umgeben von zu jungen und zu alten netten Mittelschichtamerikanern mit großem Gemeinsinn. Ihre Häuser sollen einer zweiten Brücke nach Kanada weichen und sie wehren sich mit allem, was sie haben. Zählen die Krebsfälle in der Nachbarschaft, sorgen sich um die Auswirkungen der LKW-Abgase auf die Schulkinder. Die Brückenbehörde ist bi-national und damit nicht zu fassen. Auf dem Weg nachhause halte ich bei dem Aldikiller-Supermarkt, packe 1,43 L Breyer’s Eiscreme für zwei Dollars in den Rucksack und lade mir gleich die Hälfte auf den Teller, um ihn mit auf unsere Veranda zu nehmen. Eiscreme schmilzt hier anders. Neben uns wohnen Scene-Kids mit ihren coolen Rädern. Nicken nicht mal. Wir sind die Gossentypen aus dem Rooming House. Visuelle Anthropologie mit Vanillegeschmack, zartbitter.