Ich mochte den Mann im Bademantel schon damals, als ich das erste Mal hier einzog in das alte Haus mit den vielen Zimmern, den Fledermäusen und der Kellerküche, in der man sich nur mit eingezogenem Kopf bewegen kann, weil die Decke so niedrig ist. Er summt Lieder und lacht viel. Kommt in diese Küche eigentlich nur um Kaffee zu kochen. Ich habe ihn noch nie etwas Warmes essen sehen. I eat Sandwiches, you know.
Ich habe seine Tochter getroffen und seine Exfrau, ab und an holen sie ihn ab in einem alten Lincoln. Sie machen Ausflüge zusammen, fahren in ein Hamburger-Restaurant, er bezahlt. Ich mag die Art wie er Coffee ausspricht, und damit einem Ritual einen besonderen Klang gibt. Making Koffi.
Ich wußte jedoch nicht, daß auch sein Bruder hier wohnt, ein paar Zimmer von meinem entfernt. Der ihm weder ähnlich sieht, noch sein Naturell hat. Verläßt kaum sein Zimmer, geht nie in die Küche, spricht nicht mit Fremden, die seit Jahren mit ihm unter einem Dach wohnen. Zweimal täglich klopft sein Bruder bei ihm an, fragt, ob er Kaffee möchte, ernst und höflich. Er klopft laut, aber immer dauert es eine Weile, bis sich die Tür öffnet. Nach zwei Monaten ein paar überraschende Sätze zu mir über das Wetter, ein großer Vertrauensbeweis, eine Freude.
Sein Bruder dagegen fragt jeden, wie es so geht. Sein Gedächtnis ist nicht in Ordnung und wenn er auch nur Minuten auf etwas warten muß, wird er unruhig. Sie haben ihm vor kurzem alle Zähne gezogen und plötzlich schmeckte er ihm nicht mehr, der Kaffee. Ich habe mir Sorgen gemacht. Er spricht jetzt undeutlicher, sein Gesicht hat sich verändert, es wirkt älter ohne Zähne. Aber das Lachen ist zurückgekehrt und er kocht wieder Kaffee für sich und seinen Bruder.
Der blaue Bademantel gibt ihm die Aura eines Kurgastes. Vielleicht ist er das in diesem Haus.