April 12, 2009

Black Rock

Drei alte Männer und ich in einem Raum. Keiner spricht, hier fehlt keine Unterhaltung. Was ich sehe, ist seit Jahrzehnten unverändert. Die alte mechanische Registrierkasse, die weder registriert, noch klingelt, wenn die Lade geöffnet wird. Die Stühle mit Plastikbezug in Farben, die damals modisch waren. Lindgrün, weinrot, beigegelb. Das Radio läuft seit den frühen 70ern, ein AM-Sender bringt Songs aus dieser Zeit, der dumpfe Ton kommt direkt aus der Vergangenheit. Eine Zeitkapsel.

Dem alten Mann neben mir fehlt ein Ohr. Die Haut an dieser Stelle sieht verbrannt aus, wie weggeschossen. Ein Bügel ist über seinen Kopf gespannt, an dem ein Hörgerät befestigt ist. Ein harter Gesichtsausdruck hat sich in ihm eingegraben. Ich rechne damit, vielleicht eine halbe Stunde hier warten zu müssen, ein Teil des Raumes zu werden, aber das macht mir nichts aus. Das Viertel heißt Black Rock, ein kraftvoller Name. Es ist das Viertel, in dem ich die Frau mit der Baskenmütze getroffen hatte. Ihr Laden, in derselben Straße, hat immer geschlossen. Black Rock ist heruntergekommen, aber es trägt Spuren der europäischen Einwanderer, als wären sie noch hier.

Ein weißer Jeep Cherokee hält vor der Tür. Der Fahrer kommt herein, seine Kinder bleiben auf der Rückbank des Wagens. Ein stämmiger Latino in den 30ern, ein Bein leicht nachziehend. Ihn hat eine Kugel erwischt, im Irak. Ein redseliger Soldat mit schwerem Akzent, in diesem Friseursalon der schweigenden alten Männer. Als er von mir hört, daß ich Deutscher bin, werde ich von einer Welle der Anerkennung überströmt. Nicht nur von ihm. Einer der alten Männer neben mir ist ein Ägypter, der in Buffalo und im nahen Toronto jenseits der Grenze wohnt. Fährt durchs Land und verkauft Glaswaren, die er aus Ägypten importiert, war in Süddeutschland, vor langer Zeit. Seine Augen leuchten. Währenddessen bekommt der alte Mann auf dem Stuhl den „Skin Cut“, den er verlangt hat. Der Soldat hört regelmäßig Deutsche Welle im Radio, ist beeindruckt von den deutschen Prinzipien. Diese Kassiererin, die wegen eines Pfandbons entlassen wurde. Ich erzähle ihm nicht, daß hinter dieser Geschichte wahrscheinlich mehr steckt, denn ich weiß, was er meint. Hier wird mehr ausgehandelt. Mit Geld, mit Macht, wenn man darüber verfügt. Manchmal mit einem großen Herzen, das bei uns scheinbar verloren gegangen ist. Ich beginne, mein Land aus ihren Augen zu sehen. Das ist es, was man in der Ferne lernen kann. Aber es bleibt ein fremder Blick.

Er respektiert die Schiiten im Irak. Und schimpft auf die Regierung, die Korruption, hier in Amerika. Die Tyrannei wird kommen, die Militias werden aufstehen. Dabei habe ich ihn nur gefragt, was die Soldaten so denken über den Krieg. Der Einohrige bekommt einen Schnitt, ohne auch nur ein Wort zu sagen, ein stummer Stammkunde. An der Wand hängt ein Schild. „Haircuts $7“. Mehr gibt es nicht und nicht weniger. Keine Waschbecken. Hier will keiner gut aussehen, ordentlich soll es sein, das reicht. Der Friseur arbeitet allein. Das Rasiermesser wirkt ganz natürlich in seiner Hand. Die Geschichte eines dienenden Lebens in diesem Laden ist in seinem Gesicht ablesbar. Gütige Züge, friedlich. Seine Körperbewegungen zeigen, daß er keine Zeit verliert, aber auch nicht in Hast gerät. Er schneidet die Haare ordentlich und antwortet freundlich. Geschichten erzählt er nicht, er hat zu tun.

Die Alten schweigen, obwohl ich ihre Gedanken hören kann, zu den temperamentvollen Sätzen des Soldaten. Der die Feinde achtet und nichts für die da oben übrig hat. Ihr stummer Widerspruch hat vielleicht mit seiner Herkunft zu tun. Aber das weiß ich natürlich nicht. Der Ägypter gibt mir seine Nummer, der Latino will wissen, wie ich heiße. Es gibt keine Spiegel an der Wand, aus denen ich meinen geschorenen Kopf betrachten könnte. Ordentlich braucht keine Spiegel. Mit Haarwasser aus der 70ern und Händeschütteln werde ich verabschiedet. Draußen scheint mir die Sonne entgegen, im Wagen spielen die Kinder.