Unerbittlich schmilzt der Schnee und gibt all den Müll frei und den Dreck der Straße. Macht sie wieder zu dem, was sie war. Feiner Regen schlägt mir ins Gesicht. Im Fernsehraum befindet sich ein Buchregal. Neugierig gehe ich die Titel durch. Buchregale erzählen ihre eigenen Geschichten über die Menschen. Mein Blick bleibt an Douglas Coupland hängen (Hey Nostradamus!). Ein schwarzes Buch, von außen und innen und nicht recht zu den anderen passend. Darin kein Name, kein Hinweis auf seinen früheren Besitzer. Ich nehme es mit auf mein Zimmer. Und weiß schon nach den ersten Seiten, daß es ein anziehendes Werk ist. „A remarkable examination of violence and spirituality“. Eine Studentin erzählt post mortem – Schüler erschießen Schüler - von ihrem Tod und der Zeit danach.
Auf einer Karte habe ich mir den Norden Kanadas angeschaut. Die Hudson Bay scheint nicht weit entfernt für hiesige Maßstäbe, aber ich kann keine Orte erkennen und es gibt keine Buslinie, die mich dorthin bringen würde. Eine Brücke führt von Buffalo direkt nach Kanada. Hätte ich einen Wagen. Ich habe eine Sehnsucht nach meterhohem Schnee, der alles zudeckt, der die Stadt beruhigt. Der mich in den Frieden einschließt. Ich höre wieder christliches Nachtradio. June Hunt nimmt noch immer Anrufe entgegen von Menschen in Schwierigkeiten. „Hope in the Night“. Empathie, Anstrengung, auch für sie und das Festziehen der Bindung an Jesus. Ich kenne ihre Stimme noch aus Chicago.
Das Heulen von Sirenen gehören hier zu meinem Alltag. Ganz in der Nähe gibt es eine Feuerwache. Manchmal biegen sie auch in meine Straße ein. Ich erinnere mich an die alte Frau in einem kleinen Ort in Iowa, die einen Scanner in ihrem Wohnzimmer zu stehen hatte, mit dem sie laufend den Polizeifunk abhörte, am Kaffeetisch. Mir bleibt es ein Rätsel, warum die schweren roten Wagen so häufig ausrücken, besonders in der Nacht, mit den großen US-Flaggen am Heck als wären es Schiffe. Selten geht es um Feuer, aber die Feuerwehr hat hier fast einen heiligen Status. Niemand nimmt den Männern ihre Wachen, ihre Fahrzeuge, ihren Stolz. Politiker die es versuchen, müssen mit Ärger rechnen.
Von den vielen leeren alten Häusern brennen allerdings manche ab. Die, die nur einen Dollar kosten. Und trotzdem nicht verkauft werden. Die Stadt will noch mehr von ihnen abreißen lassen als bisher. 1 Bagger, 1 Kipper, 2 Mann, für "twenty Grand" (20.000 Dollar). Das ist alles, was man braucht, um ein Haus an einem Tag verschwinden zu lassen. Der neue Raum bleibt jedoch ungenutzt, als wäre er unwillkommen.
Beim Anflug auf Buffalo ist ein Flugzeug abgestürzt. Ohne ein Wort über Funk zuvor. Radio und Fernsehen können dagegen gar nicht mehr enden, die Zeitungen sind ausverkauft. Wieder und wieder die gleichen Sätze. Niemand aber weiß etwas. Niemand KANN SAGEN, warum das passiert ist. Zumindest Fernsehen könnte sprachlos sein, wenn es wollte. CNN-Filme sind das manchmal. Verstörend ungewohnt.
Ich habe mir eine Skibrille besorgt und warte auf den Schnee, auf die Rückkehr des Winters. Auf Schneestürme, klirrende Kälte, Eisbären.
Ich will radfahren.