February 01, 2009

Im Greyhound auf dem Weg in den Nordosten

Rauhe Gestalten, lange unterwegs. Von Vegas nach New York City, von Arizona nach Pennsylvania. Tage im Bus. Als ich eingestiegen bin, warnt der Fahrer vor Einwandererkontrollen in Toledo, Ohio, falls Ausländer ohne Papiere unter uns sind. Ein Kapuzen-Latino geht nach vorn, verläßt den Bus. Wir fahren die Nacht durch. Auf einer der Pausen geht ein Weißer verloren. Dem Fahrer ist das egal. Dafür erklärt er in scharfem Ton die Regeln Anbord. Was man nicht darf, wo man stehen und was man sagen muß, um ihn während der Fahrt anzusprechen. Ich bin in einem Gefängnisbus unterwegs.

Wer in diesem Bus fährt, hat keine Alternative. Weder Auto, noch Geld für einen Flug. Das Busticket und etwas Junkfood, mehr geht nicht. Der Mann aus Brooklyn verleiht sein Mobiltelefon mit freiem Wochenendtarif. Das brüllende Kind rotzt ohne väterliches Interesse vor sich hin, bekommt dann aber von einer mitreisenden Friseuse eine Packung Kekse. Sie will ihre Ruhe wiederhaben, das ist der Deal. Sie hat schon genug eigene Sorgen. Wegen eine Internetbekanntschaft ist sie aus dem Südwesten nach Cleveland, Ohio gekommen und nun ist sie auf dem Weg zu ihrem Vater und Cleveland ist schon wieder Geschichte für sie. Wo soll man sonst hin, wenn man abgebrannt ist und nicht mehr weiter weiß. Als sie aussteigt, ist ihr Vater nicht zu sehen. Als ich aussteige und im Busbahnhof von Buffalo eine Pause einlege, sitzt neben mir ein Air Force Veteran. Seine Baseballkappe zeugt davon und der Ausweis um den Hals, mit Foto aus besseren Tagen. Sein Haar ist schlohweiß, hinten zu einem kleinen Zopf gebunden und all seine Habe besteht aus einer kleinen Tasche und zwei Plastiktüten. Seine hagere Statur füllt seine alte Bluejeans nicht aus. Ich weiß nicht, ob Armut hier dick macht oder völlig abmagert.

Die unterste Schicht Amerikas sitzt aber nicht im Bus. Die ist tagsüber unterwegs, um Dosen aus dem Müll zu sammeln, kauert sich nachts in Nischen oder schläft unter Bergen von Decken unter Brücken. Zwischen denen im Bus und denen unter der Brücke leben die Getarnten, die unauffällig in Kleidung und Verhalten ihre Armut gut verstecken und von Tagelöhnerjob zu befristeter Unterkunft ziehen. Die z.B. im Rooming House unterkommen - solange sie die Miete zahlen können und sich an alle Regeln halten. Zweien aus meiner Unterkunft gelang das nicht mehr. Sie ließen sich gehen und flogen raus, wurden aussortiert. Ich kenne ihre Geschichten noch vom letzten Mal. Komplizierte Geschichten, die in diesem engmaschigen Regelnetz erstickten. Und die schwarze Frau, die für Obama einen Kuchen gebacken hatte, die ihre besten Klamotten anzog, um sich bei Hotels zu bewerben, die immer wütender wurde, weil die vom Sozialamt hart mit ihr umgingen und die Hotels an ihr nicht interessiert waren, mußte ebenfalls raus. Sie konnte nicht mehr zahlen. Ich habe keine Ahnung, wo sie abgeblieben ist.

Vom mir wollten sie die Versicherung, daß jemand für den Rücktransport meines toten Körpers aufkommt, nur für den Fall, Sie verstehen. Wenn es ums Geld geht, wird die Sprache direkt. Mein toter Körper wird für mich zahlen, keine Sorge, er regelt das schon. Er fliegt gern Air India wegen der tollen Atmosphäre und der großzügig ausgeschenkten Whiskeys.
Holy Smokey!