Ob sie mich etwas fragen könne. Natürlich, entgegne ich. Ich bin auf eine ungewöhnliche Frage gefaßt, denn Fragen nach Geld oder dem Weg werden so nicht eingeleitet. Ich sitze im Vorraum eines Supermarktes und esse halbwegs naturbelassene Maischips. Neben mir mein Rucksack voller Lebensmittel, gerade erstanden und da vor mir ein Fußweg von 40 Minuten liegt, habe ich keine Eile.
Ob ich Brigitte Bardot kenne, Sophia Loren, Marilyn Monroe. Die Frage geht an mich, weil eine junge Kassiererin mit diesem Wissen nicht aufwarten konnte. Und so beginnt ein Gespräch, das mir eine kleine Lebensgeschichte eröffnet, von der Medizinerin, die viele Jahre unterrichtet hat, nun im Ruhestand einen Antiquitätenladen betreibt und ein paar Häuser vermietet. Von ihrer Kleidung her könnte sie einer Künstlerkolonie entstammen, ihre Baskenmütze paßt nicht ganz zum gängigen Klischee der Stadt aus Armut und Elend. Sie bemerkt meinen "leichten" Akzent und ordnet meine Gesichtsknochen mit forensisch geschultem Blick Nordeuropa zu. Ich weiß nicht, ob vorher bereits jemand mein Gesicht auf diese Weise gemustert hat, sie aber läßt mich voll teilhaben. Sie könnte an meinem Körper sicher auch ablesen, ob ich Linkshänder bin, Arbeiter oder Optimist. Ich interessiere mich gelegentlich für die Faltenverläufe in Gesichtern, die mir begegnen und stelle mir vor, ob sie noch lächeln können oder in Bitterkeit gefangen sind. Jetzt werde ich auch auf Kiefer-, Wangen-, Stirnknochen achten.
Sie engagiert sich in mehreren Nachbarschaftskomitees und Geschäftsvereinigungen. Und sie fürchtet Einbrüche. Deshalb hat auch sie eine Knarre zuhause. Sie schwärmt von Berlin, wegen der alten Möbel, die sie dort auf Trödelmärkten gesehen hat. Und dem Respekt, den Schüler ihren Lehrern in Europa sicher entgegenbringen würden. Sie wurde mehrmals angegriffen.
Ich frage mich, warum sie gerade mich angesprochen hat. Ich sehe in meiner Aufmachung eigentlich nicht wie ein Bildungsbürger aus, was in dieser Gegend nur von Vorteil sein kann. Aber sie hat mich mit Kennerblick als jemanden enttarnt, der von diesen drei Frauen gehört haben muß. Der ihr bestätigt, daß ihre Welt doch noch nicht versunken ist. Nach dem Flop mit der Kassiererin war das auch nötig. Wenngleich ich denke, daß es unangemessen war, ihr diese Frage zu stellen und die Antwort deshalb vielleicht verdient.
Europäer wie ich dagegen antworten gern.
Und fragen zurück.