Paul Austers Moon Palace geht mir aus dem Leim. Seit 1989 ist das Buch im Auftrag von Buffalos Stadtbücherei unterwegs. Beim Aufschlagen knistert der Plastikumschlag und auch die Seiten scheinen mir lauter als bei anderen Büchern. Sie sind aus dem rauhen Papier der hiesigen Taschenbücher, diesem „nach-dem-Lesen-bitte-wegwerfen“-Material. Neben mir eine leere Packung „Regal Dynasty“. Was wie eine Zigarettenmarke klingt, ist dunkle Schokolade aus Polen, deren Geschmack die billigen amerikanischen Sorten aussticht, den ich aber in meiner alten Heimat kaum genießbar fände. Die Geschichte hat einen sentimentalen Beginn in Chicago, ändert seine Bahn in ein hungerndes Leiden in New York City und schlägt dann weitere Haken. Mir fällt ein Stoff von Hamsun ein, dem ich nie wieder begegnen wollte. Dann kommt die Erinnerung zurück. Ich muß das Buch bereits vor Jahren gelesen haben, denn plötzlich sind mir einzelne Szenen wieder vertraut.
Jeden Tag werden unsere Mülltonnen durchsucht. Von meinem Fenster aus sehe ich, wie mal ein, mal zwei Männer mit einem Einkaufswagen unterwegs sind, um Pfanddosen oder anderes Brauchbares mitzunehmen. Sie haben einen festen Zeit- und Routenplan, wie der Postzusteller, der auch bei Minusgraden in kurzen Hosen und mit lautem Transistorradio in der Tasche unsere Briefkästen füllt. Er hört Talk Radio, eine dieser Sendungen, in denen Anrufer und Moderatoren Meinungen tauschen und Themen breit reden, je reißerischer, desto besser. Dazwischen dann Reklame. Briefträger sind hier verpflichtet, Abkürzungen über den Rasen zu nehmen, um Zeit zu sparen. Die Grundstücke haben keine Zäune und die Post macht Miese, also muß abgebogen werden vom rechten Weg. Ein Zusteller wurde jüngst von seinem Vorgesetzten beschattet. Und dabei ertappt, wie er auf dem Bürgersteig lief. Der Schnee auf dem Rasen war ihm zu hoch, jetzt bangt er um seinen Job.
Zwischen meinen Fenstern kühlen goldfarbene Bierdosen. "Miller’s High Life" aus Milwaukee. Süßliches Massenbier, auf das die deutschen Brauer, die als Immigranten im 19.Jahrhundert die Bierindustrie im Mittleren Westen aufbauten, sicher nicht stolz gewesen wären. Es wird im 6er-Pack angeboten und diese Verkaufsform hat sogar den letzten Wahlkampf geprägt. Von „Joe Sixpack“ war dort häufig zu hören, ein Begriff für den männlichen Normalbürger und das war nicht abwertend gemeint. Insbesondere die Frau aus Alaska, die als Gouverneurin auch das Jagen vom Hubschrauber aus verteidigt, hat oft von diesem Joe gesprochen. Der Joe im hohen Norden jagt aus der Luft, wenn er gerade kein Bier trinkt. Auf Fotos in den Medien schaut sie mit gestrecktem Hals schräg nach oben, wie sonst nur Obama auf einem populären Bild. Aufmerksam blickt sie auf, als höre sie zu wie eine gelehrsame Tochter. Subtile Botschaften in einer hierarchischen Gesellschaft. Ich jedenfalls laufe mit den Bierdosen zur Kasse und warte darauf, daß man den Joe in mir erkennt.
Dafür zahle ich mit zerknüllten Dollarnoten. Das gehört sich genauso, wie das Zusammendrücken der geleerten Dosen, die man dann zuhause in großem Bogen in den Mülleimer zu befördern versucht. Eine symbolische Absage an materielle Werte. Alles ist politisch.