Ich fahre durch den Schneeregen, sehe durch meine Skydivingbrille die Welt in gelb.
Im Rucksack Proviant aus dem Supermarkt, Bier, Bohnen, Erdnußbutter. Fahre durch die Grant Street. Abgehalfterte Grande Dame besserer Zeiten. Läden stehen leer, die Gestalten auf der Straße passen zur abgewrackten Gegenwart und den Klischees in meinem Gepäck. Manche sehen hier aus wie Junkies und anderen möchte man ungern alles Geld überlassen. Dazwischen Somalis und Yemeniten. Flüchtlinge, Moslems. Angesiedelt zur Eindämmung von Verfall und Kriminalität. Dahinter stecken clevere Grundeigentümer. Manches lernt man wirklich nur vor Ort.
Wenn ich hier zu Fuß unterwegs bin, laufe ich durch mein Schulbuch der 80er Jahre, blicke auf den Niedergang der Städte Amerikas. Damals traf ich eine Amerikanerin in einem Zugabteil, irgendwo in Deutschland, und erzählte ihr von dem Kollaps in meinem Buch. Sie war entrüstet, alles übertrieben. Das Morbide hat seine versteckten Schönheiten. Und ein paar Unerschrockene aus der Mittelschicht, die hier die Fahne der Zivilisation hochhalten. Häuser besitzen, ein Cafe’ aufmachen. Vor dem Eingang ein Rad aus der Cycling Community – selten in der Gegend. Drinnen ein paar junge Weiße auf alten Stühlen. Ich bestelle einen Kaffee und frage nach Steckdosen. Die elektrischen Interessen der Internetlebewesen.
Ein paar Blocks weiter betreibt eine alteingesessene Italienerfamilie einen Lebensmittelladen, der keine Wünsche offen läßt. Volles Sortiment südeuropäischer Spezialitäten, Obst, Gemüse, Fleisch und Käse, Olivenöle, Kaffee und Pitabrot, Ajvar. Und draußen das Elend. Baba Ghanoush ist ausverkauft, aber ich finde etwas anderes.
Auf dem Rad merkt man, daß viele Autofahrer kein Gefühl für die Dimensionen ihrer Karossen haben. Geparkten Wagen werden häufig die Außenspiegel abgefahren. Dann oft behelfsmäßig mit Band befestigt. Oder sie bleiben einfach hängen, nur von Elektrokabeln gehalten, es geht auch so. Hier umgenietet zu werden ist also eher ein Versehen, nicht persönlich gemeint.
In unserer Kellerküche gebe ich meinen Mitbewohnern aus Kanada und Korea von meinem nahöstlichen Essen ab. Als sie mich nach der deutschen Schnitzelküche fragen, muß ich passen. Ein Wunder, daß wir noch deutsch sprechen. Die Somalis haben ihre Halal-Läden, die Koreaner schwören auf Kimchi und die Kanadierin erzählt von Hamburgern, die es auf eine gewisse Art zubereitet nur dort gebe. Immerhin.
Der Italiener schließt um 6, das Cafe’ auch. Jetzt stimmt das Bild wieder. Mein Buch hat doch recht, in diesem Teil Amerikas.