Der Wagen gibt Alarm. Was ich auch mache, das Hupen und Blinken hört nicht auf, was im Dunkeln besonders eindrucksvoll ist. Wie ein Dieb starte ich den Motor und fahre dorthin, wo Männer und Autos zusammenkommen. Am Ortseingang gibt es eine Tankstelle. Ich spreche zwei an, die aussehen, als würden sie in die Gegend passen. Der Dialekt klingt nach Südstaaten. West Virginia, rauh, arm, bergig. Bergarbeiter haben hier seit Jahrhunderten in den Appalachen geschürft und nach wie vor werden hier ganze Berge abgetragen.
In dieser Gegend fährt man die großen Pickup Trucks, egal was das Benzin kostet. Und man jagt. In den Läden werden Tarnkleidung, Flinten und Bögen verkauft. Eine Frage der Identität. Was da hupt und blinkt, muß dagegen wirken wie ein Ufo. Ein Chevy Kleinwagen aus Korea in West Virginia, gefahren von einem Deutschen. Die Männer sind freundlich, versuchen zu helfen. Der eine trägt ein beigefarbenes Uniformhemd. Er ist Waldbrandbekämpfer, war gerade für ein paar Monate in Kalifornien im Einsatz. Könnte nicht in der Stadt wohnen. Braucht die Ruhe. Schüttelt den Kopf über die Holzschindeldächer der Häuser in den Waldbrandgebieten, in denen eigentlich niemand siedeln sollte. Wie die Häuser in New Orleans unter dem Wasserspiegel, füge ich hinzu. Sein Vater war POW (Prisoner of War), im 2.Weltkrieg Gefangener der Deutschen. Sie haben ihn ordentlich behandelt. Sein Rheuma kuriert. Er ist 85 geworden.
Die Männer entschuldigen sich, daß sie keine Lösung für den Alarm aus Korea haben. Ich frage nach dem Ortsnamen, um Alamo anzurufen. Belington, West Virginia. Sie nennen auch den Namen ihres Staates – ein Tourist weiß vielleicht nicht, in welchem Bundesstaat er sich befindet. Der Unterton enthält nichts als Hilfsbereitschaft. Am Ende hat ein Dritter die rettende Idee, wie man einem koreanischen Auto erklärt, was ein Fehlalarm ist. Händeschüttelnd wird Abschied genommen.
Ich gehe einen großen Kaffee kaufen. EinDollarneunundddreißig. Fahre zurück zum Motel. Eines, das dazu geschaffen ist, den Stuhl vor die Zimmertür zu stellen und nachts die Wagen vorbeifahren zu sehen. Die kühle Luft riecht nach Rauch, der Himmel ist klar. Die Republikaner haben hier ein kleines Wahlbüro, an 3 Tagen der Woche geöffnet. Ein Zug steht hinter den Häusern. Er sieht nicht aus, als wäre er nur ein Ausstellungsstück. Vor dem Senior Center steht ein umgewidmeter Briefkasten. Zur Aufnahme zu entsorgender US-Flaggen. Es versteht sich, daß man sie nicht einfach in den Müll werfen kann. Manche Dinge haben eine besondere Bedeutung und verdienen Respekt auch der Andersdenkenden. Die Kirche ist wie ein Lagerhaus gebaut. Schnell und einfach in Fertigbauweise. Die Fortsetzung der protestantischen Idee von Schlichtheit.
Ich bleibe vor einer Bar stehen und lausche der Musik. Country. Schemenhaft kann ich eine Frau beim Billardspielen sehen. Die Bar ist fensterlos, verhüllt wie ein Geheimnis, nur die Tür hat etwas Schmutzglas. Als ich das Lied erkenne, stürmt ein Langhaariger aus der Tür und will wissen, was ich hier mache, er vermutet feindliche Absichten. Ich entwaffne ihn mit der Wahrheit und meinem Kaffeebecher in der Hand. Der steht für den Lebensstil der urbanen Mittelschichts-Amerikaner, immer busy, immer „on the run“, Und: mit einem Kaffee in der Hand greift man nicht an. Eine weiße Fahne, die man trinken kann. Der Ort hat einen Supermarkt. Hier gibt es endlich Bier, anders als in Pennsylvania. Und DVDs zu mieten, für 79 Cents. Ich miete Jodie Foster. Den Film, den die Europäer nicht mochten, weil sie Gerechtigkeit mit der Knarre sucht, statt den Staat zu bemühen. Ein Haus weiter ein Laundromat. Wäsche waschen für ein paar Dollars. Ich mag diesen Waschmittelduft. Die Wärme der Trockner. Aber alles ist dunkel. Schon nach 10. Zeit, zuhause zu sein. Das hier ist keine Stadt. Die Nacht hat ihre Geltung bewahrt für die 1.800 in Belington, West Virginia.