September 10, 2008

What would Mingus do

Als ich dort eintreffe, möchte ich eigentlich gleich wieder umdrehen. Aber ich kenne diesen Impuls in mir zu gut. Wieder umdrehen. Froh sein, einen Grund zu finden. Es ist dunkel, beginnt zu nieseln, Wolken kündigen Regen an. Ich bin nun aber schon vor dem Laden. Finde eine Stelle, das Rad anzuschließen. Es ist eine Bar, wie es sie hier viele gibt. Schummrig, Barhocker, Gestalten mittleren Alters am Tresen, die hier hingehören, wie der Barmann, das dunkle Holz, die Schnapsflaschen. Ob sie miteinander reden oder nicht. An der Frontseite bedient eine Frau die Bratpfannen. Fritten und Hühnereien. Buffalo bildet sich etwas ein auf seine "Chicken Wings". Ich gehe durch nach hinten und sehe die Band. Sie spielt bereits. Vor ihnen 12 Tische mit roten Decken, eine bunte Lichterkette hängt an der Wand, gedämmte Blechlampen verbreiten schummriges Licht. Niemand sonst im Raum. Außer der Band, die erstklassigen Jazz spielt. Ich kehre um, ein Bier besorgen. Kann es nicht lassen. Obwohl Bier in diesem Land wirklich keine Freude ist. Frage nach einem "local beer", entdecke Yuengling vom Hahn und bekomme es, ohne Schaum, wie es hier üblich ist. Die Band spielt und braucht niemanden sonst, das merkt man ihr an. Sie scheinen daran gewöhnt zu sein, ohne Publikum aufzutreten. Als ich klatsche, werden sie aufmerksam, schauen herüber. Ich beschließe, eine Glatteisfrage zu stellen. Ob das wirklich alles von Mingus ist. Irgendwie klingt es mir nur ein bißchen nach ihm. Als wenn ich das wirklich sagen könnte. Da ist wirklich Glatteis, aber ich lande weich. Nichts ist von Mingus, alles selbst komponiert. Der Bandname ist von der hier unter Christen gängigen Formel "what would Jesus do", abgegeleitet. Gewagt, Kameraden. In der Pause kommt der Saxophonist zu mir herüber. Hat alle Platten von Mingus. Kam aus Minneapolis hierher, weil seine Frau in dieser Stadt einen Job angenommen hat. Buffalo kann ihn brauchen. Ich erzähle ihm warum ich hier bin. Und daß ich die Stadt wirklich mag. Nach der Pause sind drei weitere Zuschauer an den Tischen. Der Jazz riecht nach gebratenen Chicken Wings. Was würde Mingus dazu sagen. Mingus war schwarz, Chicken scheinen mir ein Teil des "Soul Food" zu sein, der Küchenkultur der Schwarzen aus dem Süden. Buffalos Chicken Wings werden aber von allen Hautfarben geschätzt. Ich hasse mich für diesen Virus in meinem Kopf. Dieses Denken in Hautfarben. Mingus würde es nicht gefallen, daß seine Musik nach Huhn riecht. Aber diese Musik ist nicht von ihm.

Neulich habe ich einem geschätzten schwarzen Mitbewohner mit Verve erklärt, daß ich kein Weißer bin. Er hat zugestimmt, in dem Sinn wie es von mir gemeint war. Schwarz-Weiß als Kulturbegriff. Aber hier kann niemand entkommen. Der legale Rassismus ist nicht lange her. Rosa Parks coole Busaktion fand 1955 statt. Sie weigerte sich, für einen Weißen den Sitzplatz zu räumen und wurde dafür verhaftet. Martin Luther Kings Marsch nach Washington war 1963. In diesem Sinn ist Obama kein Schwarzer, wurde mir erklärt. Seine Mutter war eine Weiße, sein Vater Afrikaner.

Ich höre wieder dem Jazz zu. Ein Tick zu melodisch für meine Ohren. Aber ich mag es, wenn Trompete und Tenorsaxophon synchron die gleiche Melodie spielen. Frage den Barmann nach einem Tee. Nach langem Wühlen zuckt er mit den Schultern. Hier trinkt keiner Tee. Zumindest ich muß noch fahren. Das ist eine Kneipe für den ordinary American von den 40ern an aufwärts. Hier hängen keine Sportfernseher an den Wänden, wie bei den Etablissements für die jüngere Generation. Nun, nicht für ganz Gallien. Gestern abend bin ich zu einer alten, ausgedienten Polizeiwache gefahren. Precinct 17. Darin befindet sich eine große Fahrradwerkstatt. Voller Räder, Reifen, Bremsen, Lenker, Werkzeug. Sie schrauben hier Räder zusammen, bemalen sie und fertig ist das Radsharing Programm. Buffalo Blue Bicycle. Mein Rad hat nun keine 8 mehr im Hinterrad und statt 4 fast 10 Gänge. Erinnert mich an das Meerbaumhaus in Moabit. Nur sind die Leute hier jünger. Und das Haus wurde von der Stadt zur Verfügung gestellt, die auch Strom und Gas bezahlt. Respekt. Bei nur 2 Straßen, die hier Radstreifen haben, und Autofahrern, die erwarten, daß man auf dem Bürgersteig radelt. In der Werkstatt läuft ein alter Pioneer-Receiver. Die Seife riecht nach Orangen. Ich nehme einen tiefen Zug. Und fahre zurück durch die kühle Nacht.