September 20, 2008

West Side Story

Einen Block von mir entfernt beginnt die West Side. Früher das Gebiet der Italiener. Heute wohnen dort Latinos, hauptsächlich. Die Gegend ist arm, die Häuser sind in schlechtem Zustand, ein Gebiet, in dem Drogen und Kriminalität zu Hause sind. Vor einem Gebäude ein handbemaltes Schild und Fahrradständer. Ich bin pünktlich, aber die meisten sind schon da. Das Gebäude war eine Stadtbücherei. Die Bücher und Computer sind geblieben und der Nachbarschaft übergeben worden. Rückzug aus dem Viertel. Als ich frage, ob ich mich neben ihn setzen dürfe, antwortet der Mann, er habe 4 Tage nicht geduscht. Interessante Eröffnung. Erinnert mich an eine Militärstrategie. Angreifen, um dem Angriff zuvorzukommen. Die Art von schleichender Veränderung, die einen irgendwann im Bademantel enden läßt, den man nicht mehr verläßt. Ich setze mich und frage ihn warum, denn er hat seine Duschgewohnheiten aus der Privatsphäre entlassen und mir zugänglich gemacht. Er ist bequem und ohne Arbeit, sagt er. Im Raum gibt es kaum einen "Average Joe", keinen Durchschnittsbürger, und ich weiß, daß das oberflächlich klingt. Vielleicht aber ist der Preis für die Mitgliedschaft in der Mittelschicht die Anpassung hin zu einem stromlinienförmigen Abziehbild, Individualismus verbotenes Terrain - was wir natürlich nicht zugeben.

Einen Tag zuvor war ich in einer Nebenstraße des Viertels in einem Barber Shop, bekam einen Haarschnitt von einem jungen Puertoricaner verpaßt, seit 8 Monaten in den USA, was sein schlechtes Englisch erklärt. Eigentlich schreibt er Songtexte, Rap, Reggaeton , R+B, auf Spanisch. Er zeigt auf eine Tasche voller Papiere. Ich finde nicht, daß er Haare schneiden kann. Er erzählt mir von den Straßenschießereien und der korrupten Polizei in Puerto Rico. Keiner in dem Laden kann meine 20-Dollarnote wechseln.

Die Veranstaltung wird von 3 jungen Typen betrieben. Community Activists, wie einst Obama in Chicago oder Pfarrer in schwarzen Gemeinden. Die Anwesenden werden aus der Reserve gelockt, den Zuschauern unserer TV-Shows gleich, bevor die Sendung beginnt. "Warming up"- Methoden, die wirken, mich aber innerlich in die Reserve treiben. Nach 10-monatigen Bemühungen hatten sie ihren Termin beim Bürgermeister und sind ganz angetan. Aber hier wird viel geredet und nicht ganz so viel umgesetzt. Nun steht eine "Street Rally" bevor, ein Marsch durch die Downtown, um ihre Forderungen zu stärken. Von den vielen leerstehenden, rottenden Häusern 100 modernisieren und 50% der Arbeit durch Leute aus der Nachbarschaft erledigen lassen. Entlohnte Arbeit schaffen und die Häuser wärmedämmen. Hier scheint es keinen Unwillen zu geben, harte Jobs anzunehmen. Freiwillige werden gesucht, um Anrufe zu machen: Nachbarn bewegen, am Marsch teilzunehmen. Die Leute hier sind mit ihrem Viertel verbunden. Ich denke an meine Mitbewohner. Keiner scheint diese Bindung zu haben. Ein Rooming House sieht so etwas auch nicht vor. Wer hier auf Dauer wohnt, ist hängengeblieben, möchte fort und bleibt doch hier, hat irgendwann aufgehört mit dem Versuch, wegzukommen.

Ein paar Tage zuvor habe ich einen halben Tag auf einer Konferenz der Kunstinstitutionenvertreter zugebracht. Die Kunst in der Stadt stärken durch Schilder an den Schnellstraßen. Hier abbiegen zum Museum. Es soll mehr Aufmerksamkeit bekommen. Ich denke an meinen ersten Kontakt zur Kunst in dieser Region. Im Schulbus wurden wir zu einem Fest der Native Americans gefahren. Eine schöne Erinnerung. Kein Thema für die Profis. Ich tausche Visitenkarten. Diese Stadt hat viele Gesichter, die irgendwie nicht zueinander passen.