Rockmusik ist immer noch lebendig in dieser Stadt. Tausende kommen in die Downtown zum Konzert. Fast alle sind weiß. Ich habe gelernt, in Hautfarben zu denken. Schon damals war mir aufgefallen, daß es Konzerte für Weiße gibt und Konzerte für Schwarze. Grunge ist definitiv eine weiße Angelegenheit. Obwohl die Rassentrennung in Chicago viel schärfer zu sein scheint. Hier kommt mir der Umgang zwischen schwarz und weiß etwas entspannter vor, als ich es in Chicago erlebt habe. Ich lerne dazu. Lerne, daß es manchmal sehr desillusionierende Wahrheiten gibt. Mein Idealismus aber sagt mir, daß ich Teil der Realität bin. Sie beeinflussen kann. Der Marktwert von Ethnien erscheint mir extrem häßlich. Ich weigere mich, diese Realität zu akzeptieren. Rockmusik hatte für mich einen ähnlichen Hintergrund. Das Aufbäumen gegen die Werte des Mainstream. Die Downtown-Konzerte werden von einer Bank gesponsert, unter anderem. Die Realität ist nicht schwarz-weiß.
Die Uhr tickt. Der Schnee wird diese Stadt begraben, viele Monate lang. Bis dahin ist sie ein Geschenk. Die Schönheit der Häuser, der Viertel, der Gebäude, der Ziegel, der Verwitterung. Der Erie-See exisitiert nur auf Karten, die Stadt ist nach innen gewandt. Kanada ist zum Greifen nah, die LKWs stauen sich auf der Brücke, die hinüber führt in das andere Land. Die Fernseher laufen den ganzen Tag. Wahrscheinlich beruhigt die Kulisse aus bemühter Sprache und dem Flimmern des Bildschirms. In jedem Raum ein TV. American Way of Life. Dort, wo ich jetzt wohne, haben die Menschen nur einen Raum. Here I'm a radio guy. Der Empfang ist schlecht. Neben mir sitzt ein Mann. Ich biete ihm den Sportteil meiner Zeitung an. Nachdem ich mir Gedanken gemacht habe, ob man dem anderen anbieten sollte, was man selbst schätzt oder was man selbst nicht braucht. Ich weiß es nicht. Aber ich lese nie den Sportteil. Er ist blind. Ich hatte so eine Ahnung, aber sicher war ich mir nicht. Acht Schlaganfälle. Hatte ein Motorrad, früher. Fast life. Hat in Schweden gelebt. War Ingenieur. Ist auch ein Radio Guy. Ham Radio nennen sie hier das Amateurfunken. Er kann sein Radio nicht mehr allein bedienen, hat auch Schwierigkeiten zu sprechen. Sitzt mit seinem Kaffee hier bis sie ihn abholt. Seine Frau. Oder Exfrau. Vor diesem In-Cafe'. Vor ein paar Tagen habe ich eine andere Exfrau kennengelernt. Besuchte ihren Mann, fürsorglich. Der stammt aus Erie, Pennsylvania, 4 Stunden von hier. Nie herumgekommen. Außer als Soldat. Jetzt wohnt er in einem kleinen Zimmer, trägt meist einen Morgenmantel und ist wahrscheinlich ein Schatten des Mannes, mit dem sie zusammen war. Mental illness begegnet mir hier immer wieder. Der Mann, der blind seinen Kaffee neben mir trinkt, spricht leise und ich kann nicht alles hören. Der Empfang ist schlecht, mein Handicap. Er will in eine schöne Gegend ziehen, die Andirondack Mountains, im Nordosten New Yorks. Sein Großvater hatte dort gelebt. Als sie ihn abholt, läuft er so schlecht, daß ich ihn mir nicht in den Bergen vorstellen kann. Aber Realität wird auch von ihm gemacht. Im Radio laufen die Ramones.
Wenn ich mir selbst einen Brief schreibe, kann ich einen Büchereiausweis bekommen. Proof-of-address. Was soll ich mir schreiben. Heute gab es einen Kuchen für Obama. Zur Feier oder zur Stärkung, ich weiß es nicht. Die Frau mit seiner Hautfarbe hat ihn gebacken. Mit Schokoladenstücken. Ihre Stimme wird lebendig, wenn sie von New York City erzählt, ihrer Heimatstadt. Sie schaut mir selten ins Gesicht, wenn sie erzählt. Sucht eine Arbeit. Wie eine Fiktion, von der sie weiß. Aber sie hofft, daß Obama es schafft. Das Kuchenbacken ist hier so einfach. Alles in einer Packung. Aber das bedeutet nichts.